Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, HIV/Aids-Patienten nicht zu behandeln

Studien belegen: Antiretrovirale Behandlung kann auch in ärmeren Ländern durchgeführt werden, doch Regierungen stellen weiterhin keine Mittel für lebensverlängernde Medikamente bereit.

Auf dem heutigen Treffen stellt Ärzte ohne Grenzen die Erfahrungen aus sieben Pilotprojekten in Südafrika, Malawi, Kamerun, Kenia, Kambodscha, Thailand und Guatemala vor. Sie zeigen, dass eine effektive Behandlung ganz klar klinische Verbesserungen bewirkt und damit existenzielle Auswirkungen auf das Leben der Menschen und der Gemeinschaften hat. In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen beginnen Patienten in fortgeschrittenen Aids-Stadien mit der Behandlung, beispielsweise auch in Krankenstationen in ärmeren Gemeinden und ländlichen Gebieten sowie in Außenstellen von Bezirks- und Stadtkrankenhäusern.

Immer noch wird damit argumentiert, dass eine Behandlung trotz der Bereitstellung der notwendigen finanziellen Ressourcen in ärmeren Ländern gar nicht durchführbar sei. "Angeblich sollen die Menschen in afrikanischen Ländern nicht in der Lage sein, die Medikamente verschreibungsgemäß zu nehmen, weil sie keine Uhren haben", sagte Fred Minandi, ein Bauer aus Malawi. "Ich habe zwar keine Uhr, aber ich kann Ihnen eines versichern: Seit ich im vergangenen Jahr mit meiner Dreifachtherapie begonnen habe, ist keine einzige Tabletteneinnahme von mir versäumt worden. Als ich mit der Behandlung begann, hatte ich 104 Helferzellen, und heute habe ich 356 und bin sehr stolz darauf. Ich bin einer der ersten Patienten in Malawi, die eine kostenfreie antiretrovirale Behandlung erhalten, und dass ich heute hier sprechen kann, liegt an dieser Behandlung."

"Die Weigerung der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und anderer Geberländer, Mittel für die kostengünstigsten Aids-Medikamente bereitzustellen, bedeutet bereits jetzt für Millionen von Menschen das Todesurteil", sagte Alan Berkman, Arzt und Gründungsmitglied der Organisation Health Gap. "Es ist so klar wie nie zuvor, dass wir HIV/Aids-Patienten in ärmeren Ländern behandeln können. Das nützt uns allerdings gar nichts, solange die wohlhabenden Länder sich weigern, Mittel zur Verfügung zu stellen. Sie müssen dafür verantwortlich gemacht werden, dass sie sich wissentlich verweigern."

Die Nichtregierungsorganisationen weisen in ihrer Erklärung darauf hin, dass bisher nur äußerst geringe Mittel zur Behandlung zur Verfügung stehen und wertvolle Zeit damit verschwendet wird, die "Kosteneffizienz" von HIV/Aids-Prävention der einer Behandlung gegenüber zu stellen. Dabei ist es dringend notwendig, beides gleichzeitig durchzuführen. Wären die vorhandenen Mittel nicht so knapp, könnte diese unnötige Debatte bereits beendet sein und die Gelder für den Kauf der preisgünstigsten Medikamente eingesetzt werden. Solange wir immer noch auf den guten Willen der pharmazeutischen Industrie angewiesen sind, anstatt vom Wettbewerb um die Herstellung von Generika profitieren zu können, zahlen einige Länder nach wie vor Medikamentenpreise, die drei Mal teurer sind, als die günstigsten antiretroviralen Arzneimittel.

"Wenn ich als Arzt einen Menschen, der dringend meine medizinische Hilfe braucht, nicht behandle, komme ich meiner Behandlungspflicht nicht nach. Ich kann dafür verurteilt werden", sagte der Arzt Morten Rostrup, Präsident des Internationalen Rats von Ärzte ohne Grenzen. "Auch heute werden, wie an jedem Tag, 8.000 Menschen an HIV/Aids sterben, während sich die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage zeigt, die finanziellen Mittel bereitzustellen, um endlich auf diese erschreckende globale Notlage zu antworten. Dies ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Barcelona, 7. Juli 2002: Auf der 14. Internationalen Aids-Konferenz in Barcelona warfen die Organisationen Ärzte ohne Grenzen und Health GAP den Regierungen der Industrieländer vor, wissentlich in Kauf zu nehmen, dass Millionen von Menschen an Aids sterben, obwohl sie behandelt werden könnten. Im Rahmen eines gemeinsamen Treffens unter dem Motto "Es ist höchste Zeit, mit der HIV/Aids-Behandlung zu beginnen" warfen die Aktivisten sowohl den ärmeren Ländern als auch den Regierungen der wohlhabenden Geberländer politisches Versagen vor. Sie hätten ihre Versprechen, sich für kostengünstige antiretrovirale Therapien einzusetzen, nicht eingelöst. Insbesondere die reicheren Länder stellten bisher nicht die nötigen Mittel für den Kampf gegen HIV/Aids bereit.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle,
Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00