Griechenland

Deutlich mehr Bootsflüchtlinge in der Ägäis

Athen/Berlin, 9. April 2015. Immer mehr syrische Kriegsflüchtlinge fliehen über die griechischen Inseln in die EU. In der südlichen Ägäis, wo Ärzte ohne Grenzen Neuankömmlinge medizinisch versorgt, hat sich die Zahl der Flüchtlinge und Migranten im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Gerade angekommen, werden sie oft unter widrigen Bedingungen und ohne ausreichend ärztliche Versorgung allein gelassen. Zum Teil sind hunderte Personen in viel zu kleinen Polizeistationen untergebracht. Griechenland und die EU müssen dringend ein funktionierendes Aufnahmesystem schaffen.

In den vergangenen Wochen kamen durchschnittlich rund 100 Flüchtlinge am Tag über die Inseln der südlichen Ägäis nach Griechenland – das ist dieselbe Zahl wie vergangenen Sommer zu Spitzenzeiten. Allein am gestrigen Mittwoch waren es 180. Die Mehrheit der Flüchtlinge sind Syrer, andere kommen aus Afghanistan und Sub-Sahara-Afrika. Die Schließung der EU-Außengrenzen lässt Flüchtlingen und Migranten keine andere Wahl als das Meer.

„Es gibt kein funktionierendes Aufnahmesystem. In Leros wurde ein Aufnahmezentrum errichtet, doch es wird nicht genutzt. Auf Kos drängten sich in der Polizeistation in der ersten Aprilwoche mehr als 200 Menschen einschließlich Schwangerer und Kinder. Sie hatten schrecklich wenig Platz und fast keine Unterstützung“, sagt Stathis Kyrousis, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland. Einige der Migranten mussten im Hof der Polizeistation übernachten, bis alle administrativen Schritte abgeschlossen waren. „Die Menschen sollten Unterkünfte, Toiletten, Nahrungsmittel und medizinische Betreuung erhalten“, so Kyrousis.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen sind Mitte Februar auf die griechischen Inseln zurückgekehrt. Seit ihrem ersten Einsatz auf den Inseln im vergangenen Jahr und trotz mehrerer Anfragen bei zuständigen Ministerien hat Ärzte ohne Grenzen keine Besserung  der Lage, sondern eher einen Mangel an politischem Willen zu Veränderungen beobachtet.

Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der Neuankömmlinge auf den Inseln der südlichen Ägäis im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 145 Prozent – von 186 auf 457. In ganz Griechenland stieg ihre Zahl von 1.070 in der letzten Februarwoche auf 2.212 in der letzten Märzwoche.

Ärzte ohne Grenzen befürchtet eine deutliche Verschlechterung der Situation im Verlauf des Jahres, falls nicht Vorkehrungen für einen weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen getroffen werden. „Normalerweise kommen zwischen Juli und September die meisten Menschen an. Davon sind wir noch einige Monate entfernt“, sagt Kyrousis. „Dass die Zahlen schon jetzt so hoch liegen, ist für uns ein deutliches Zeichen, dass in diesem Sommer viel mehr Menschen Hilfe brauchen werden. Die griechischen Behörden und die EU müssen dringend einen Vorsorgeplan erarbeiten.“

„Wegen der zunehmenden Instabilität in Libyen und der Visa-Beschränkungen für Syrer in Algerien und dem Libanon beobachten wir eine Veränderung der Migrationsbewegung. Aktuell sehen wir nicht mehr so viele Syrer in Italien ankommen”, sagt Manu Moncada von Ärzte ohne Grenzen. „Syrer haben nicht viele Möglichkeiten, auf ihrer Suche nach Schutz nach Europa zu kommen.”

Auf Kos verschafft sich das Team von Ärzte ohne Grenzen aktuell einen Überblick über die Bedürftigsten der Ankommenden, wie Schwangere und Minderjährige, und leistet erste medizinische Hilfe. Von Mitte März bis Anfang April haben die Mitarbeiter rund 500 Konsultationen durchgeführt und 500 Sets mit Hilfsgütern wie Seife, Zahnbürsten und Handtücher, sowie 1.100 Schlafsäcke und 300 Notfalldecken verteilt.

Ärzte ohne Grenzen reagiert seit 2008 auf dringende medizinische und humanitäre Bedürfnisse von Migranten, die in Griechenland ankommen, und Asylsuchenden. In Zusammenarbeit mit zwei griechischen Organisationen bieten die Mitarbeiter in Athen außerdem Hilfe für Folteropfer.