Marokko

Afrikanische Einwanderer an der spanisch-marokkanischen Grenze: Jeder vierte Patient von Ärzte ohne Grenzen ist Gewaltopfer

Berlin/Rabat, 30. September 2005. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist alarmiert über das Ausmaß an Gewalt, unter dem afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa in Marokko leiden. Die Organisation betreut seit Anfang 2003 Einwanderer aus dem subsaharischen Afrika in Marokko. Medizinische Daten und Zeugenaussagen aus mehr als zwei Jahren belegen, dass etwa ein Viertel der ärztlichen Behandlungen durch direkte oder indirekte Gewaltanwendung nötig wurden.

Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen stellen fest, dass mit der Zahl der Neuankömmlinge auch das Maß an Gewalt steigt, das bei der Kontrolle der Einwanderung angewandt wird. Die von der Organisation erhobenen Daten stammen aus der Zeit zwischen April 2003 und August 2005 und wurden in einem Bericht veröffentlicht. Von insgesamt 10.232 Konsultationen waren 2.544 auf Gewalt zurückzuführen.

Die Hilfsorganisation versucht, durch medizinische und humanitäre Hilfe gemeinsam mit marokkanischen Gesundheitsdiensten die Lebensbedingungen der Einwanderer zu verbessern. Derzeit konzentrieren sich die Aktivitäten der Organisation auf die Regionen Tanger, Nador und Oujda im Norden Marokkos. Die Teams betreuen auch Immigranten, die nahe der spanischen Enklave Melilla auf eine Ausreise nach Spanien warten. Derzeit hat Ärzte ohne Grenzen fünf internationale und sieben lokale Helfer im Einsatz.

Den Aussagen der von Ärzte ohne Grenzen behandelten Gewaltopfer zufolge waren in 44 Prozent der Fälle marokkanische Polizeikräfte die Urheber, in 18 Prozent der Fälle spanische Ordnungskräfte, in 17 Prozent der Fälle Verbrecherbanden und in 12 Prozent der Fälle Schlepperbanden. In zwei Prozent der Fälle waren die Verletzungen durch Schlägereien unter den Einwanderern und in sieben Prozent der Fälle durch Unfälle verursacht worden. Die Verletzungen der Betroffenen reichen von schweren Knochenbrüchen, die sie sich beim Fall vom Grenzzaun zuziehen, über typische Spuren von Schlägen und Hundebissen bis hin zu Schussverletzungen. Es kam auch zu Todesfällen.

Ärzte ohne Grenzen ist bestürzt über diese Situation. Die Organisation unterstreicht, dass Gewaltanwendung und entwürdigende Behandlung das Leid und die Ausgrenzung von Menschen vergrößern, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben ohnehin extremer Mittellosigkeit und nicht selten unmenschlichen Bedingungen aussetzen.

Weitere Informationen: Pressestelle, Christiane Löll: 030-22337700