Ärzte ohne Grenzen: Vereinte Nationen müssen stärker für den Zugang zu Aidsmedikamenten kämpfen

Genf/Berlin, 28. März 2006. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert die Vereinten Nationen auf, sich stärker für den Zugang zu Aidsmedikamenten einzusetzen. Dies betrifft vor allem neuere Medikamente, die in ärmeren Ländern nicht erhältlich oder nicht erschwinglich sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Geldgeber ignorieren, dass dies eine der Hauptbarrieren für die weitere Behandlung von Aidspatienten weltweit ist, kritisierte Ärzte ohne Grenzen. Die WHO und das Aidsprogramm der Vereinten Nationen (UNAIDS) hatten am Dienstag bekannt gegeben, ihr Versorgungsziel bei der Behandlung von Aidspatienten für das Jahr 2005 nicht erreicht zu haben.

Eine wachsende Zahl an Aidspatienten in ärmeren Ländern wird in den kommenden Jahren neuere Medikamente der zweiten Therapielinie benötigen, weil die ursprünglich verwendeten Präparate nicht mehr wirksam sind. Dies tritt nach einiger Zeit auch bei regelmäßiger Einnahme der antiretroviralen Medikamente ein. "Wir werden nicht in der Lage sein, unsere Patienten langfristig am Leben zu erhalten, wenn die Preise für Medikamente der zweiten Therapielinie nicht dramatisch sinken", sagte Karim Laouabdia, Leiter der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Genf.

Ärzte ohne Grenzen mahnt, dass die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft gemeinsame Anstrengungen unternehmen müssen, damit Patienten weiterhin erschwingliche Aidsmedikamente für ärmere Länder erhalten können. Sonst bleibt das Ziel, allen HIV/Aids-Patienten weltweit eine Behandlung zu ermöglichen, unerreichbar.

Indische Generikahersteller liefern momentan 84 Prozent der antiretroviralen Medikamente, die Ärzte ohne Grenzen in seinen Programmen weltweit verwendet. Im Jahr 2005 hatte Indien sein Patentgesetz im Sinne der WTO geändert, vor drei Wochen wurde dort erstmals ein Patent für ein Medikament erlassen. Dies war zuvor nicht möglich. Ärzte ohne Grenzen ist nun sehr besorgt, dass in Indien bald auch Patente auf Aidsmedikamente vergeben werden und dadurch die Produktion erschwinglicher Aidsgenerika behindert wird. Erst der Wettbewerb durch Generikaproduzenten aus führenden Herstellerländern wie Indien hatte dazu geführt, dass die Preise für Aidsmedikametne drastisch sanken und mehr Patienten behandelt werden konnten. "Nun wird uns der Boden unter den Füßen weggezogen und die WHO nimmt dies anscheinend nicht wahr", sagte Ellen ‘t Hoen von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.

Derzeit behindern Patentregeln der Welthandelsorganisation (WTO) den Zugang zu erschwinglichen Nachahmermedikamenten (Generika), teils auch von älteren Präparaten der ersten Therapielinie. Dadurch droht Patienten in ärmeren Ländern die lebensgefährliche Unterbrechung ihrer Behandlung.

Weitere Informationen: Pressestelle, Christiane Löll, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00