Ärzte ohne Grenzen: Pharmaindustrie fährt Preisnachlässe für Länder mittleren Einkommens zurück

Rom/Berlin 18. Juli 2011. Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht heute auf der AIDS-Konferenz in Rom den Report "Untangling the Web of ARV Price Reductions". Der Report untersuchte die Preise von 23 antiretroviralen Medikamenten unterschiedlicher Hersteller zur Behandlung von HIV/Aids. Er kommt zu dem Ergebnis, dass zahlreiche Pharmafirmen die Bereitstellung von ermäßigten Medikamenten für Länder mit mittlerem Einkommen zunehmend zurückfahren. Nicht patentierte Medikamente hingegen werden auch weiterhin günstiger.

"Für die ärmsten Länder ist zwar ein ungebrochener Trend zu günstigeren Medikamenten zu beobachten, jedoch leben viele Menschen mit HIV/AIDS in Ländern, die jetzt von den Preisreduzierungen ausgeschlossen werden", sagt Nathan Ford, medizinischer Leiter der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.

Firmen wie Tibotec/Johnson & Johnson, Abbott, ViiV (Pfizer + GlaxoSmithKline) und Merck haben angekündigt, nicht länger Preisnachlässe auf antiretrovirale Medikamente für Länder mittleren Einkommens zu gewähren. Das trifft vor allem Patienten in Indien, Indonesien, Thailand, Kolumbien und Brasilien, die sich die bis zu zehnfach höheren Preise nicht leisten können.

"Freiwillige Preisnachlässe von Seiten der Industrie sind ganz offensichtlich keine Langzeitlösung", sagt Janice Lee, Pharmazeutin für HIV/AIDS der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Sobald Patente ins Spiel kommen und sich Pharmafirmen weigern, die Preise zu senken, müssen Regierungen anfangen, Patente außer Kraft zu setzen, um ihre HIV-positiven Patienten am Leben zu erhalten."

Ein Mittel dazu könnten Zwangslizenzen sein, die es Staaten erlauben, in medizinischen Notsituationen die Produktion und den Import von Generika auch zum öffentlichen Gebrauch und ohne die Zustimmung der Patentinhaber freizugeben. Doch obwohl Zwangslizenzen in Übereinstimmung mit dem internationalen Handelsrecht stehen, sehen sich Länder, die diese erlassen, immer wieder Sanktionen durch Industrie und andere Länder ausgesetzt.

Dennoch gibt es auch gute Nachrichten: Immer dann wenn generische Produkte als Alternative zu Markenpräparaten verfügbar sind, sinken die Preise rapide. Das wichtige Medikament Tenofovir beispielsweise kostet heute 76 Dollar pro Patient und Jahr. Damit können es sich immer mehr Länder leisten, auf verbesserte Kombinationspräparate mit Tenofovir umzustellen, um Resistenzen und Unverträglichkeiten zu vermeiden.

"Wir sehen, dass die Preise sinken, wenn Patente keine Barriere für  die generische Produktion darstellen", sagt Lee. "Dieser Preisrückgang erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das von der UN ausgegebene Ziel, insgesamt 15 Millionen Menschen bis zum Jahr 2015 behandeln zu können, tatsächlich auch erreicht wird."

Ärzte ohne Grenzen behandelt insgesamt 170.000 Menschen in 19 Ländern mit antiretroviralen Medikamenten.

Anmerkung: Der Bericht bezieht sich auf standardisierte Preisnachlässe. Statt diese weiterhin zu gewähren, gehen Pharmafirmen bei Staaten mittleren Einkommensmehr immer mehr dazu über, mit jedem Staat individuelle Medikamentenpreise auszuhandeln. Die Informationen in dem Bericht, insbesondere jene, die sich auf die Preisgestaltung beziehen, sind aber auch unter Berücksichtigung dieser individuellen Preisnachlässe zutreffend. Ärzte ohne Grenzen ist besorgt über diese Entwicklung und fordert in diesem Zusammenhang eine höhere Transparenz von Seiten der Unternehmen ein. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte sein, dass die Unternehmen die Preise offenlegen, die sie in Ländern mit mittleren Einkommen erheben. Zudem liegen die individuell verhandelten Preise - soweit bekannt - deutlich höher als der zuvor gewährte standardisierte Preisnachlass. Das zeigt zum Beispiel die Erfahrung in Brasilien. Ein Interview dazu finden Sie hier unter "Dokumente und Links".