Ärzte ohne Grenzen: Patente gefährden Zugang zu bezahlbaren Medikamenten - Einspruch gegen Patentierung von Aidsmedikament in Indien

Neu Delhi/Genf/Berlin, 30. März 2006. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unterstützt lokale Gruppen in Indien beim Kampf gegen die Patentierung eines unentbehrlichen Aidsmedikaments. Derzeit droht in dem führenden Herstellerland für erschwingliche Nachahmerpräparate (Generika), dass zum ersten Mal ein Patent auf ein Aidspräparat erlassen wird. Sollte es dazu kommen, wäre dies ein Zeichen, dass die Produktion von Generika dort künftig eingeschränkt und der Zugang zu bezahlbaren Aidsmedikamenten weltweit erschwert wird. Am Donnerstag legten lokale Bündnisse Einspruch gegen den Antrag des Herstellers von Combivir®, Glaxo Group Limited, ein. Ärzte ohne Grenzen arbeitet eng mit diesen Gruppen zusammen.

Von den mehr als 60.000 Aids-Patienten, die Ärzte ohne Grenzen in derzeit fast 30 Ländern behandelt, erhalten 84 Prozent Generika aus Indien. Das unter dem Namen Combivir® vermarktete Mittel ist ein Kombinationspräparat aus den Wirkstoffen Zidovudin und Lamivudin (AZT/3TC). Indische Hersteller hatten das Medikament kopiert und damit erschwinglich für den Gebrauch in ärmeren Ländern gemacht. Mehr als 90 Prozent aller von Ärzte ohne Grenzen verabreichten AZT/3TC-Präparate sind Generika. Auch die nationalen Behandlungsprogramme in Indien, Burkina Faso, Malawi, Peru, Kirgisistan, Kambodscha, Swasiland, der Ukraine, der Mongolei und der Zentralafrikanischen Republik nutzen die Nachahmerversionen.

"Bezahlbare Generika sind für uns ein wichtiger Eckpfeiler, um möglichst viele Aids-Patienten die lebensverlängernde Therapie zu ermöglichen", sagt Pehrolov Pehrson vom Ärzte ohne Grenzen-Projekt in Manipur. Alle in dem Projekt verabreichten antiretroviralen Medikamente sind in Indien produzierte Generika. "Ohne eine verlässliche Versorgung mit günstigen Aidsmedikamenten drohen Patienten unbezahlbare Preise und die Unterbrechung ihrer Behandlung. Dadurch können die Medikamente unwirksam werden."

Indien hat sein Patentrecht im vergangenen Jahr an die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) angepasst. Anfang März 2006 wurde als erstes ein Patent für ein Hepatitis-C-Medikament erlassen. Das lokale Bündnis hat aus technischen und gesundheitspolitischen Gründen gegen die Patentierung von Combivir® Einspruch erhoben. Ein Argument lautet, dass das Mittel keine Innovation ist, sondern eine Kombination aus zwei schon existierenden Medikamenten. In einem ähnlichen Fall war ein Patentantrag eines Herstellers für ein Krebsmedikament in Indien bereits abgelehnt worden.

Weitere Informationen: Pressestelle, Svenja Kühnel, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 0