Ärzte ohne Grenzen kritisiert Weltgesundheitsorganisation - Von weltweit sechs Millionen Aidskranken erhalten nur 700.000 Menschen eine lebensverlängernde Therapie

Berlin, 27. Januar 2005 - Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) scharf dafür kritisiert, von einem "dramatischen Fortschritt" bei der Behandlung von Aids-Patienten zu sprechen. Von weltweit sechs Millionen vom Tode bedrohten Aidskranken erhielten im Dezember 2004 laut einem WHO-Bericht nur 700.000 Menschen, also zwölf Prozent, eine Behandlung mit lebenserhaltenden Medikamenten. Die Anzahl der behandelten Patienten stieg seit Juli 2004 um lediglich 260.000.

Die WHO hatte am Mittwoch ihren Bericht über die Fortschritte des Programms "3 by 5" vorgestellt, das darauf abzielt, drei Millionen Aidskranken bis 2005 eine Behandlung zu ermöglichen. Angesichts der sechs Millionen Menschen, die dringend eine antiretrovirale Therapie benötigen, ist der geringe Zuwachs von behandelten Patienten Ärzte ohne Grenzen zufolge alarmierend und schockierend. Das Ziel "3 by 5" werde bei einem so langsamen Fortschritt zu einem leeren Slogan. Währendessen breitet sich die Epidemie weiter aus: Jedes Jahr werden fünf Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, jeden Tag sterben 8000 Menschen an der Immunschwächekrankheit.

Ärzte ohne Grenzen behandelt mehr als 25.000 Patienten in 27 Ländern mit antiretroviralen Medikamenten.

Nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen sollte die WHO Regierungen, Pharmaindustrie und internationale Institutionen dazu auffordern, ihr Verhalten radikal zu ändern, um den Kampf gegen Aids wirkungsvoll aufzunehmen.

Doch seit dem 1. Januar 2005 muss das internationale Patentabkommen der Welthandelsorganisation (WTO) umgesetzt werden. Seitdem darf Indien, einer der wichtigsten Lieferanten von Generika, neue Medikamente nicht mehr nachahmen. Das Aufkommen von Resistenzen gegen Medikamente der ersten Linie erfordert jedoch dringend den Zugang zu erschwinglichen Medikamenten der zweiten Linie. Dieser ist nun aufgrund der neuen Patentregelungen nicht mehr gewährleistet. Dies könnte dazu führen, dass die ärmsten Aidskranken nicht mehr von Innovationen profitieren können, da diese zu teuer sind.

Die Konkurrenz durch so genannte Generika (Nachahmerprodukte) hat den Preis der antiretroviralen Medikamente der ersten Behandlungslinie von 10.000 auf 300 US-Dollar pro Jahr und Patient gesenkt. Das hat die Behandlung von Betroffenen in ärmeren Ländern auf einer breiteren Basis ermöglicht.

Ärzte ohne Grenzen reagiert daher mit großem Unverständnis auf die Zufriedenheit der WHO. Aus Sicht der Hilfsorganisation müsste die WHO die Alarmglocke läuten. Die Zukunftsperspektiven für die Patienten verschlechtern sich zudem noch, da zu der schwachen Reaktion auf die Pandemie weitere Hindernisse hinzukommen.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen Pressestelle, Christiane Löll, Tel.: 030-22 33 77 00;