Irak

Ärzte ohne Grenzen kritisiert: Irakisches Gesundheitssystem erhält keine Unterstützung durch USA - Gesundheit der irakischen Bevölkerung bedroht

Washington/Berlin, 2. Mai 2003. Die internationale Organisation Ärzte ohne Grenzen fordert die US-geführte Allianz in ihrer Eigenschaft als Besatzungsmacht erneut auf, die medizinische Versorgung im Irak sicherzustellen. Diese Verpflichtung ist im humanitären Völkerrecht verankert und laut Ärzte ohne Grenzen bislang nicht erfüllt worden. Der Organisation zufolge ist die Gesundheit der irakischen Bevölkerung bedroht, da dringende medizinische Bedürfnisse nicht abgedeckt und die Krankenhäuser desorganisiert sind.

"Glücklicherweise haben unsere Teams im Irak bislang keine Anzeichen für Epidemien oder akute Unterernährung gefunden, die ein Indikator für eine größere medizinische Katastrophe sind", so Rostrup. "Dennoch gibt es große medizinische Bedürfnisse, die bislang nicht gedeckt werden. Jede weitere Verzögerung im Wiederaufbau der notwendigen Gesundheitsstrukturen kostet Menschenleben und erhöht das Risiko, dass Epidemien ausbrechen oder andere Gesundheitsprobleme auftauchen."

Ärzte ohne Grenzen versucht, die Lücken in der medizinischen Versorgung in Bagdad und anderen Städten zu schließen, indem Medikamente, medizinisches Material sowie personelle Unterstützung bereitgestellt werden. Die größte Herausforderung ist jedoch nach Ansicht der Organisation, dass klare Leitungsstrukturen in den Krankenhäuser und im gesamten Gesundheitssektor fehlen. Darüber gibt es bislang keine konkreten Pläne, wie die dringenden medizinischen Probleme gelöst werden können.

Kriegsverwundete, die während der ersten Tage der Besatzung aus den Krankenhäusern flohen oder entlassen wurden, wissen nicht, wo sie weiterbehandelt werden können. Viele von ihnen haben schwere Verletzungen oder wurden amputiert. Da die Krankenhäuser auch heute noch nicht richtig funktionieren, werden viele Patienten noch immer sehr früh entlassen. Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Nierenleiden oder Epilepsie wissen nicht, wo sie dringend benötigte Medikamente erhalten können. Zudem haben irakische Ärzte sowie Krankenschwestern und Pfleger keinen Lohn erhalten. In Bagdad und anderen Landesteilen hat Ärzte ohne Grenzen Fälle von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Kala Azar oder Tuberkulose festgestellt, die nicht behandelt werden können, da die Medikamente fehlen.

Ärzte ohne Grenzen zufolge haben die Amerikaner sich vor allem um den Aufbau der Verwaltung gekümmert und dabei die medizinische Versorgung der Verwundeten vergessen. Auch die Sicherheit der Krankenhäuser und des medizinischen Personals ist nicht gewährleistet. In Bagdad wurden viele Krankenhäuser geplündert und sind noch immer verwahrlost. Darüber hinaus gibt es noch keine organisierten Krankentransporte für Notfälle.

"Obwohl der Krieg monatelang geplant war und Bagdad bereits seit drei Wochen von den US-Streitkräften besetzt ist, funktionieren die Krankenhäuser in der Hauptstadt noch immer nicht", sagte Morten Rostrup, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Der Arzt ist gerade von einem sechswöchigen Einsatz in Bagdad zurückgekommen. "Das Chaos in Bagdad und anderen Städten hat dazu geführt, dass das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Dabei ist die medizinische Versorgung nach der Bombardierung und den anhaltenden Unruhen gerade jetzt besonders wichtig."

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00