Ärzte ohne Grenzen kritisiert Führung der WHO: Unzureichendes Engagement für Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten

Genf/Berlin, 17. Mai 2005. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wirft der Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor, sich nicht genug für eine Verbesserung des Zugangs zu erschwinglichen Medikamenten in ärmeren Ländern einzusetzen. "Als Gesundheitsexperten mit Programmen gegen HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria in Entwicklungsländern sind wir bestürzt darüber, dass die Leitung der WHO ihre speziell eingerichteten Kapazitäten innerhalb des Hauses nicht ausgebaut hat, um den Zugang zu bezahlbaren Medikamenten zu erweitern", sagte Rowan Gillies, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen, in Genf.

Im Jahr 2001 entwickelte die WHO das so genannte "Prequalification Project", um eine verlässliche internationale Referenz für die Beschaffung von lebensnotwendigen Medikamenten bereitzustellen. Das Programm bewertet unter anderem Produktdossiers, die wichtige Daten über Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit von Medikamenten enthalten. Es ist nicht als Ersatz für nationale Zulassungsbehörden gedacht, soll aber ärmeren Ländern aushelfen, die nur begrenzte Möglichkeiten haben, die Qualität von Arzneimitteln selbst zu überprüfen.

"Dies ist besonders wichtig, da alle außer den am wenigsten entwickelten Ländern Patente auf Arzneimittel vergeben können. Daher sind dringend internationale Mechanismen nötig, um den zu erwartenden Preisanstieg bei neu entwickelten Medikamenten abzumildern," forderte Ellen ’t Hoen von Ärzte ohne Grenzen.

Die Weltgesundheitsversammlung beauftragte den WHO-Generaldirektor Lee Jong-Wook im Jahr 2004, Maßnahmen zu ergreifen, um den Zugang ärmerer Länder zu Produkten für die Diagnose und Behandlung von HIV/Aids zu verbessern. Demnach sollte auch das "Prequalification Project" gestärkt werden. Doch nach einem Jahr, mit nur 3,5 Stellen und einer geringen Zahl externer Berater, ist das Projekt weiter viel zu gering ausgestattet. Zudem hat es seit 2004 keinen Zuwachs in der Finanzierung gegeben, kritisierte Ärzte ohne Grenzen anlässlich der Weltgesundheitsversammlung.

Aus der kürzlich vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria getroffenen Entscheidung, nur Medikamente zu finanzieren, die entweder von der WHO oder einer international anerkannten Arzneimittelgenehmigungsbehörde genehmigt wurden, entsteht ein noch stärkerer Druck, das WHO-Projekt auszuweiten.

Da mehr als die Hälfte der derzeit von der WHO präqualifizierten Arzneimittel Nachahmermedikamente (Generika) sind, hat das Projekt zunächst den Zugang zu erschwinglichen Medikamenten, vor allem aber zu HIV/Aids-Medikamenten, dramatisch verbessert. "Sollte der WHO-Generaldirektor die Kapazitäten dieses entscheidenden Programmes jedoch nicht ausweiten, riskiert er, dass das Projekt eher eine Barriere denn ein Werkzeug für den Zugang zu Medikamenten ist", sagte Gillies.

Weitere Informationen: Pressestelle, Christiane Löll, 030 - 22 33 77 00