Indien

Ärzte ohne Grenzen fordert: Indien muss den weltweiten Zugang zu Medikamenten bei Patentrechtsänderung berücksichtigen

Neu Delhi / Berlin, 15. März 2005. Das indische Parlament bereitet sich derzeit darauf vor, Bestimmungen der Welthandelsorganisation (WTO) zum Patentschutz in nationales Recht umzusetzen. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert indische Entscheidungsträger auf, weiterhin den Zugang zu erschwinglichen Medikamenten für Menschen in ärmeren Ländern sicherzustellen.

Ärzte ohne Grenzen hat die vorgeschlagenen Änderungen des indischen Patentgesetzes analysiert. "Unserer Meinung nach werden diese Änderungen die Generikaproduktion und somit die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten weltweit drastisch einschränken, vielleicht sogar unterbinden," sagte Ellen ‘t Hoen von Ärzte ohne Grenzen.

Seit Jahren spielt Indien eine Schlüsselrolle bei der Versorgung mit erschwinglichen Nachahmermedikamenten für ärmere Länder. Das Land hat sich stets dafür eingesetzt, dass das internationale Patentrecht Regeln zum Schutz der öffentlichen Gesundheit beinhaltet. Doch seit Beginn des Jahres 2005 gibt es die rechtliche Verpflichtung, pharmazeutische Produkte für die Dauer von 20 Jahren patentrechtlich zu schützen. Das Leben von Millionen von Menschen weltweit, die auf erschwingliche indische Generika angewiesen sind, hängt daher vom zukünftigen Umgang mit Patentrechten in Indien ab. Indische Politiker müssen ihren Einfluss umsichtig geltend machen.

Nirgends wird die Brisanz der Patentrechtsänderung deutlicher als im Kampf gegen HIV/Aids. Von den 700.000 Menschen in ärmeren Ländern, die zurzeit antiretrovirale Medikamente erhalten, sind schätzungsweise 50 Prozent auf generische Medikamente aus indischer Produktion angewiesen. Ärzte ohne Grenzen behandelt momentan 25.000 HIV/Aids-Patienten in 27 Ländern weltweit. Etwa 70 Prozent dieser Patienten erhalten indische Generika.

Bevor Nachahmermedikamente im Jahre 2001 in Wettbewerb mit Originalpräparaten traten, betrugen die Kosten für eine antiretrovirale HIV/Aids-Therapie mehr als 10.000 US-Dollar pro Patient pro Jahr. Dies ist rund 40 mal mehr als der derzeitige Durchschnittspreis einer solchen Behandlung in den Projekten von Ärzte ohne Grenzen (250 US-Dollar).

Zudem haben erschwingliche Kombinationspräparate aus Indien, bei denen drei Wirkstoffe in einer Pille vereint sind, die HIV/Aids-Behandlung in ärmeren Ländern revolutioniert. Die Bereitstellung dieser anwenderfreundlichen Präparate war jedoch nur möglich, weil in Indien keine patentrechtlichen Schranken für die Kombination verschiedener Wirkstoffe in einer Tablette vorhanden waren. Nachdem Indien und andere ärmere Länder, die über die nötigen Kapazitäten zur Generikaproduktion verfügen, nun Patente auf pharmazeutische Produkte gewähren müssen, können die Produzenten nicht länger generische Versionen von neuen patentgeschützten Originalpräparaten herstellen. Da die meisten neuen Medikamente patentgeschützt sein werden, wird die globale Versorgung mit neuen, erschwinglichen Medikamenten versiegen.

Es ist dringend notwendig, dass Indien die Produktion und den Export von generischen Versionen neuer Medikamente auch in Zukunft sicherstellt. Ärzte ohne Grenzen fordert indische Entscheidungsträger auf, bei der Änderung des indischen Patentgesetzes die Flexibilität des TRIPS-Abkommens voll auszuschöpfen. Die Patentrechtsänderungen sollten die hart umkämpften Ergebnisse der Erklärung von Doha von 2001 widerspiegeln, die jedem WTO-Mitgliedstaat das Recht einräumt, die öffentliche Gesundheit zu sichern und den Zugang aller Menschen zu Medikamenten zu fördern.

"Ärzte ohne Grenzen hofft, dass Indien auch weiterhin die internationale Führungsrolle übernehmen wird, die es bei den Verhandlungen zur Doha-Erklärung innegehabt hat," bekräftigt Ellen ‘t Hoen. "Jede Änderung des bestehenden Patentrechts in Indien muss nicht nur den Schutz indischer Bürger berücksichtigen, sondern auch den von Millionen von Kindern, Frauen und Männern in den ärmeren Ländern dieser Welt, deren Leben vom Zugang zu erschwinglichen, generischen Medikamenten abhängen."

Der Bericht "Will the lifeline of affordable medicines for poor countries be cut? India's choice" (Februar 2005) kann auf folgender Internetseite abgerufen werden:

Weitere Informationen: Pressestelle, Petra Meyer, Stephan Große Rüschkamp, Tel: 030-22 33 77 00