Libyen

Ärzte ohne Grenzen: Europas Flüchtlinge aus Libyen sind ohne sicheren Zufluchtsort

Ben Gardane/Berlin, 26. Mai 2011. In den vergangenen Tagen ist die Gewalt im Flüchtlingslager Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze eskaliert. Ärzte ohne Grenzen ist alarmiert von der Gewalt, der die Flüchtlinge in den Übergangslagern ausgesetzt sind. Seit Beginn des Konflikts in Libyen waren Hunderttausende Flüchtlinge vorübergehend im Lager Choucha untergebracht. 4.000 Menschen – vor allem aus Sub-Sahara-Afrika – können jedoch aufgrund der Situation in ihren Heimatländern nicht zurückkehren und sind ohne jegliche Perspektive.

„Während der vergangenen Wochen haben wir eine zunehmende Eskalation der Gewalt beobachtet”, sagt Mike Bates, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen. „Sie sitzen im Lager auf unbestimmte Dauer fest, das eigentlich als temporäre Unterkunft erbaut wurde. Die meisten fühlen sich dort in einer Sackgasse ohne jegliche Perspektive.”

Am Sonntag starben vier Flüchtlinge durch ein Feuer, das sich nachts in dem Lager ausbreitete und mehr als 20 Zelte zerstörte. Daraufhin wuchsen die Spannungen und es kam zu Gewaltausbrüchen unter Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern. Auch Anwohner waren darin verwickelt. Am Dienstag starben mindestens zwei Personen. Viele wurden verletzt und 300 bis 400 Zelte wurden niedergebrannt.

Seit Anfang März betreut Ärzte ohne Grenzen Flüchtlinge, die vor dem Konflikt in Libyen geflohen sind. Die Mitarbeiter führten mehr als 9.000 psychosoziale Beratungsgespräche. Viele Patienten haben traumatische Erfahrungen gemacht und auf der Flucht entweder selbst Gewalt erfahren oder Gewalt an anderen erlebt. Viele Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara sind schon vor dem Konflikt Opfer von Verfolgung und schweren Misshandlungen in Libyen geworden.

Der Konflikt in Libyen hat diese Menschen in weitere lebensbedrohliche Gefahr gebracht. Seit der Konflikt am 17. Februar begonnen hat, sind 800.000 Menschen – hauptsächlich keine Libyer – aus dem Land geflohen, die Mehrheit nach Ägypten und Tunesien. Tausende haben auf der Flucht über das Mittelmeer nach Europa ihr Leben riskiert. Mehr als 11.000 Menschen haben die italienische Insel Lampedusa erreicht. Auch nach Süden sind mehr als 60.000 Menschen durch die Wüste nach Niger und darüber hinaus geflohen.

Ärzte ohne Grenzen hat am 19. Mai in einem offenen Brief an die in den Krieg in Libyen involvierten europäischen Staats- und Regierungschefs die widersprüchliche europäische Flüchtlingspolitik kritisiert. „Die letzten Entwicklungen im Lager Choucha zeigen die fehlende Sicherheit für die Flüchtlinge aus Libyen. Insbesondere für die Menschen aus der Sub-Sahara ist die Fahrt auf der Suche nach einem besseren Leben wie ein niemals endender Albtraum”, sagt Bates.

Ärzte ohne Grenzen versorgt seit Februar die Opfer des Konflikts in Libyen. Mitarbeiter der Organisation arbeiten in den libyschen Städten Misrata, Bengasi und Sintan, entlang der libysch-tunesischen Grenze, auf Lampedusa in Italien sowie im Niger. Sie werden jeden Tag Zeugen der Auswirkungen des Krieges auf die Zivilisten.

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