16. Internationale Aidskonferenz in Toronto: Neue Aidsmedikamente müssen in ärmeren Ländern verfügbar sein

Berlin/Toronto, 14. August 2006. Zum Auftakt der 16. Internationalen Aidskonferenz in Toronto hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen dazu aufgerufen, neue HIV/Aids-Medikamente in ärmeren Ländern zu erschwinglichen Preisen verfügbar zu machen. Die Organisation fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf, Regierungen dazu zu ermutigen, alle Schutzmechanismen des internationalen Patentrechts voll auszuschöpfen, um auch neuere Aidsmedikamente als kostengünstige Generika weltweit erhältlich zu machen.

Nach fast sechsjähriger Erfahrung mit HIV/Aids-Behandlung in Entwicklungsländern hat die Organisation in Toronto Daten veröffentlicht, die belegen, wie die hohen Preise für neuere Medikamente die Kosten der HIV/Aids-Behandlung in die Höhe treiben und damit den Erfolg der Programme gefährden. Nur wenn neue Medikamente auf Dauer erschwinglich sind, kann eine qualitativ hochwertige Behandlung für HIV/Aids-Patienten in ärmeren Ländern gewährleistet werden.

Die neuen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die HIV/Aids-Behandlung in ärmeren Ländern, die auf der Konferenz in Toronto veröffentlicht wurden, empfehlen den Einsatz neuer antiretroviraler Medikamente (ARV) sowohl in der ersten als auch in der zweiten Therapielinie. Doch auf Grund von Patenten werden viele dieser Medikamente nicht von Generika-Herstellern produziert. Originalhersteller können deshalb unerschwinglich hohe Preise verlangen und lassen sich oft viel Zeit, bis sie die Medikamente in Entwicklungsländern überhaupt auf den Markt bringen.

"Ich wäre heute nicht mehr am Leben, hätte ich keinen Zugang zu Medikamenten der zweiten Therapielinie", sagte Ibrahim Umoru, Patient von Ärzte ohne Grenzen in Lagos, Nigeria. Anfang 2006 musste er auf neuere Arzneimittel umsteigen, nachdem er Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Therapielinie entwickelte. "Ich gehöre zu einer glücklichen Minderheit. Die meisten Patienten werden ihrem Schicksal überlassen werden, sobald sie Medikamente der zweiten Therapielinie benötigen", so Umoru. Arzneimittel der zweiten Therapielinie kosten, je nach Land, zwischen fünf und 28 Mal mehr als die Medikamente der ersten Therapielinie.

"Wir begrüßen die Entscheidung der WHO. Aber es gibt bisher keinen Mechanismus, mit dem man die Medikamente in den entsprechenden Ländern verfügbar machen kann," sagte Alexandra Calmy von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Es ist Aufgabe der WHO, Regierungen zu ermutigen, alle Schutzmechanismen des internationalen Patentrechts voll auszuschöpfen. Dazu gehört auch das Verhängen von Zwangslizenzen, damit Generika erhältlich werden." Nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen müssen sich auch andere Akteure, wie der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria sowie UNAIDS, dafür einsetzen, die Kosten für die HIV/Aids-Behandlung deutlich zu senken.

Der Wettbewerb durch Generika war der Schlüssel zur Reduzierung der Preise für Medikamente der ersten Therapielinie von über 10.000 US-Dollar pro Patient und Jahr auf unter 140 US-Dollar. Heute erhält die Hälfte der Patienten in den ärmeren Ländern ARV-Medikamente von indischen Generika-Herstellern. Doch seit auch Länder wie Indien Patente auf Arzneimittel vergeben müssen, droht die Gefahr, dass die Produktion von Generika dort künftig eingeschränkt und der Zugang zu bezahlbaren Aidsmedikamenten weltweit erschwert wird.

Weitere Informationen: Pressestelle, Kattrin Lempp, Matthias Bertsch: 030-22337700