Mitarbeiterporträt Michael Winter, Arzt

ÄrztInnen

Kurzprofil

Alter: 34

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Klinik für Endoprothetik, Hellmuth-Ulrici-Klinik Sommerfeld

Ausbildung:

Arzt (Assistenzarzt Orthopädie und Unfallchirurgie)

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2006/2007 in Liberia.

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

Eins? Zu meinen Top Ten gehören "Die Reise ans Ende der Nacht" von Louis-Ferdinand Celine. "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen und "Please Kill me! The uncensored oral history of punk". Wahrscheinlich am meisten gelesen habe ich aber in: Manson´s Tropical Diseases" und "MSF-Clinical Guidelines".

Musik, die ich gehört habe:

Ich hab diverse Musik gehört und festgestellt, dass 20 GB auf dem Player für neun Monate eindeutig zu wenig sind!

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Ich wurde in Nimba im Landesinneren in einem Regionalkrankenhaus eingesetzt, das Referenzklinik für 400.000 Menschen ist. Dort haben wir 40 Betten, aber häufig mehr als 60 stationäre Patienten. Täglich kommen 150 Patienten in die Ambulanz, es gibt ein HIV/TB-Programm und ein Ernährungszentrum für Unterernährte und Waisen.

Alltäglichkeit gab es dort kaum: Unvorhersehbares war die Regel. Wenn es nachts keinen Notfall gab, bin ich um 6 Uhr aufgestanden und hab die meist ruhigen und kühlen Morgen mit Kaffee und Lektüre im Bett und Yoga genutzt. Um 8:30 bin ich ins Krankenhaus: Dort habe ich zunächst Visite gemacht, die Neuzugänge untersucht und anschließend waren geplante - eher aber ungeplante Fälle im OP dran. Manchmal kam ich dazu, Mittag zu essen. Anschließend habe ich Neuzugänge und komplexere Fälle besprochen. Dazu kamen viele organisatorische Aufgaben und Meetings. Außerdem haben wir oft Trainings abgehalten. Am Abend hatte ich meist Rufbereitschaft und bin für Notfälle ins Krankenhaus oder mit Lektüre auf die Terrasse.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Ich hab viel gelesen und viel gegessen, mich mit den Mitbewohnern ausgetauscht, Heimatkontakt via Internet gehalten und abends gelegentlich mit den liberianischen Mitarbeitern Fußball gespielt oder geguckt. Ansonsten Energiereserven geschont und viel geschlafen, wann immer es die Zeit erlaubt hat.

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

Dass das medizinische Spektrum so abwechslungsreich war. Für europäische Verhältnisse ist es unvorstellbar, dass man dort als Arzt Spezialist für alles ist: Kinderarzt, Frauenarzt und Geburtshelfer, (Unfall-)Chirurg, Infektologe, Internist, HNO-Arzt, Zahnarzt etc. Man zoomt sich somit aus seinem Spezialistendasein zurück und begreift die gesamte Medizin wieder als etwas Zusammengehörendes. Natürlich hätte ich mir trotzdem auch oft einen Spezialisten an meiner Seite gewünscht.

Dann ist es sehr befriedigend, dass man einer unglaublich großen Zahl von Patienten täglich mit verhältnismäßig einfachen Mitteln helfen kann. Diese Arbeit hat eine enorme Berechtigung, die es woanders wohl nur schwer zu finden gibt. Geschätzt habe ich auch die zielgerichtete gute Zusammenarbeit und die zahllosen heiteren interkulturellen Begegnungen mit den Patienten und den Mitarbeitern. So haben wir trotz der oft rauen Realität auch sehr viel Spaß gehabt. Außerdem relativieren sich die so genannten Probleme unserer westlichen Welt doch sehr, wenn man erlebt, wie Menschen trotz der schwierigen Lebensbedingungen so unbeschwert sein können.

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Hauptsächlich freie Zeit und Selbstbestimmung! Daneben ein Schwimmbad, Frieren, Anonymität, Käsebrote, spätnachts mit Freunden an der Bar zu philosophieren, Fahrrad fahren, Konzerte, Kunst und der ganze andere westliche Kulturkram.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Erst einmal die Facharztausbildung zu beenden. Anschließend kann ich mir auch ein weiteres längeres Auslandsprojekt mit Ärzte ohne Grenzen vorstellen. Langfristig wünsche ich mir gelegentliche Kurzeinsätze und auf jeden Fall eine dauerhafte Beziehung mit der Organisation. Die Ziele und die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen haben mich überzeugt - wenn das mit einem Leben als Arzt in Deutschland auch nicht leicht zu vereinbaren ist.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Es gibt unzählige schöne Erinnerungen: An komatöse Kinder, die bei verschleppten Hirnhautentzündungen, Tetanus oder zerebraler Malaria nach Tagen wieder die Augen öffnen, später versuchen zu sprechen und Tage danach wieder aufrecht sitzen können, um anschließend gehend und mit glücklichen Eltern das Krankenhaus zu verlassen. An völlig unterernährte Kinder, die nach einigen Tagen Spezialkost wieder aufblühen, wie lange nicht gegossene Blumen. An dramatische Notkaiserschnitte, die erfolgreiche Wiederbelebung der Säuglinge und die anschließend vor Freude tanzenden Familien. Aber auch an das nach getaner Arbeit gemeinsame nächtliche erschöpfte Zusammensitzen bei Kerosinlampenschein im Krankenhaus.

Schön ist es auch, sich an den berechtigten Stolz der nationalen Mitarbeiter zu erinnern, wenn sie neue Zusammenhänge verstehen und neu Erlerntes erfolgreich umsetzen. Dazu mein eigenes Gefühl, dass sie die Arbeit nach 4-jähriger Kooperation mit Ärzte ohne Grenzen auch ganz gut selbst hinkriegen werden, selbst wenn Ärzte ohne Grenzen einmal nicht mehr vor Ort sein wird.