Syrien

„Ost-Aleppo wird vor unseren Augen zerstört, aber niemand tut etwas dagegen" - Bericht

Straßenszene im Ostteil von Aleppo, der seit Juli diesen Jahres belagert wird. Das Bild wurde am 5. Oktober in der Nähe des durch Bomben beschädigten Traumazentrums M10 aufgenommen.

„Die ganze Welt schaut zu wie ihre Stadt zerstört wird, doch niemand versucht, die Zerstörung zu stoppen“, sagt Carlos Francisco, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen für Syrien. „Die letzten 35 Ärzte in Ost-Aleppo haben das Gefühl, von der Welt verlassen zu werden." Seit Januar 2015 leitet Carlos Francisco die Projekte für Ärzte ohne Grenzen in Syrien. Er war Zeuge, wie der Krieg Syrien in einem noch nicht bekannten Maßstab zerstörte, besonders den Ostteil der Stadt Aleppo in den vergangenen drei Wochen. Seit dem Scheitern des Waffenstillstands im September scheinen die Bombardements der syrischen und russischen Streitkräfte die belagerte Stadt dem Erdboden gleich machen zu wollen.

Allein zwischen dem 6. und 8. Oktober wurden im Osten der syrischen Stadt Aleppo mindestens 29 Menschen bei Luftangriffen getötet. In die wenigen noch funktionierenden Krankenhäuser wurden mindestens 98 Verwundete eingeliefert, darunter elf Kinder. So berichten Mitarbeiter der Kliniken, die Ärzte ohne Grenzen seit Jahren regelmäßig unterstützt. Gleichzeitig gibt es in Ost-Aleppo nur noch 35 Ärzte, von denen nur sieben Kriegsverletzte operieren können.

Die Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht

„Etwa 250.000 Menschen leben im belagerten Teil der Stadt, ohne Hoffnung auf Hilfe oder Flucht“, sagt Fransisco. „Erst wurden die umliegenden Gebiete getroffen, dann die in die Stadt führenden Straßen, dann Krankenhäuser, die Wasserversorgung, Wohngebiete und Rettungsausrüstung. Wir reden von einer Stadt, die von einem fünfjährigen Krieg erschöpft ist, und die seit dem Beginn der Belagerung im Juli keine Hilfe bekam. Es ist eine Stadt, die vor unseren Augen verwüstet und dem Erdboden gleich gemacht wird.“

Francisco ist im Süden der Türkei. Sein Team steht im regelmäßigen Kontakt mit den acht verbliebenen Krankenhäusern in Ost-Aleppo, die von Ärzte ohne Grenzen unterstützt werden. „Bevor die Belagerung begann, haben wir alle drei Monate Materialien in die Stadt geschickt und schon damals war der Bedarf größer“, berichtet Francisco. „Wenn Krankenhäuser bei Luftangriffen getroffen werden – und es gab 23 Angriffe allein in den vergangenen vier Monaten – sprechen wir täglich mit denen, die getroffen wurden, darüber wie wir helfen können. Heute fehlt es den Krankenhäusern praktisch an allem. Das Personal sagt uns: Schickt was immer ihr habt, wir nehmen alles, wir brauchen alles. Doch wegen der Belagerung können wir nicht mehr helfen.“

Ärzte wollen zurück nach Ost-Aleppo

Der Ostteil von Aleppo wird seit Juli belagert. Die Belagerung begann kurz nachdem der Fastenmonat Ramadan endete. Einige Ärzte hatten die Gelegenheit genutzt, ihre Familien während des Ramadan in die Türkei zu bringen, und konnten dann nicht mehr zurückkehren. „Wir treffen diese Ärzte hier im Süden der Türkei und es ist sehr hart für sie“, sagt Francisco. „Mit großer Sorge beobachten sie, wie sich die Lage stetig verschlechtert, ohne dass sie den Menschen in Aleppo helfen können. Sie sind frustriert und fühlen sich machtlos. Viele Ärzte hätten dank ihrer wirtschaftlichen Situation den Krieg lange hinter sich lassen können, aber das wollen sie nicht. Ihr Einsatz und Engagement gegenüber den Menschen, ihrer Arbeit, ihren Krankenhäuser und Aleppo sind bewundernswert. Noch mehr, wenn man bedenkt, dass sie und ihre Familien tagtäglich vom Tod bedroht sind.“

Teams von Ärzte ohne Grenzen konnten in den vergangenen zwölf Monaten nicht nach Aleppo reisen und die von uns unterstützten Krankenhäuser besuchen. „Wir haben die Möglichkeit verloren, in irgendeiner großen Weise zu helfen“, bedauert Francisco. Ärzte ohne Grenzen hat seit Beginn des Konflikts nicht die Erlaubnis in den von der Regierung kontrollierten Gebieten zu arbeiten. Aber in den von der Opposition kontrollierten Gebieten können wir arbeiten, beispielsweise im ländlichen Raum nördlich und östlich von Aleppo, in Maskan – zwischen Aleppo und der türkischen Grenze – und in Al Salamah, wo wir ein Krankenhaus leiten.

Unterstützung für Vertriebene in Syrien

Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch Vertriebene innerhalb Syriens. Rund 100.000 Menschen mussten vor dem sogenannten Islamischen Staat Richtung Westen und vor den syrischen Regierungstruppen Richtung Norden und Asas fliehen. Seit die syrische Armee die Stadt Maskan eingenommen hat und das Krankenhaus durch Beschuss beschädigt wurde, sind die Hilfsmöglichkeiten von Ärzte ohne Grenzen sehr begrenzt. „Die Menschen rund um Maskan wurden auch vertrieben und wir haben den Zugang zu ihnen verloren,“ berichtet Francisco. „Es ist schwierig zu erfahren, wie viele Vertriebene dort sind. Manche sind Richtung Idlib geflohen, da es dort mehr Vertriebenenlager gibt, aber viele leben auch einfach auf den Feldern und schlafen unter Bäumen.“

Die Menschen in Ost-Aleppo haben nicht einmal die Möglichkeit, Vertriebene zu werden. Stattdessen sind sie gefangen in einer Stadt, die den Horror des syrischen Krieges verkörpert, wo alle Arten von tödlichen Waffen eingesetzt werden. „Zur gleichen Zeit sind wir uns über die Berichte der Angriffe der Opposition auf den westlichen Teil der Stadt bewusst“, sagt Francisco, „aber die Zerstörungskraft ist so unterschiedlich, dass man das einfach nicht vergleichen kann."

Wir fordern Zugang für humanitäre Hilfe und das Ende der willkürlichen Luftangriffe

Ärzte ohne Grenzen fordert das Ende der willkürlichen Luftangriffe auf Ost-Aleppo, die Evakuierung der Verwundeten und Kranken, Zugang für humanitäre Helfer und die Wahrung des Recht für Zivilisten aus einer Konfliktregion zu fliehen.

Die 35 verbliebenen Ärzte in Ost-Aleppo, unter ihnen sieben Chirurgen, arbeiten in den acht verbliebenen Krankenhäusern so viele Schichten, wie sie können, da sie wissen, dass ihre Fähigkeiten in allen Krankenhäusern gebraucht werden. „Die Ärzte, die nicht zurück nach Aleppo gehen können, unser Team hier, alle sprechen über das medizinische Team und die Menschen in Ost-Aleppo mit dem gleichen Schmerz“, sagt Francisco. „Sie beschreiben es so: ‚Die Ärzte in Aleppo leiden dort, wir weinen hier‘."

Ärzte ohne Grenzen unterstützt in Ost-Aleppo alle verbliebenen acht Krankenhäuser. Landesweit unterstützt die Hilfsorganisation mehr als 150 Gesundheitszentren und Kliniken. Im Norden Syriens betreibt Ärzte ohne Grenzen selbst sechs medizinische Einrichtungen. Zu den von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten einschließlich West-Aleppo erhält die Organisation keinen Zugang.