Griechenland

Geschlossene Lager für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln. Ärzte ohne Grenzen an EU-Chefs: Stoppen Sie diesen Wahnsinn

Viele Kinder in Moria auf Lesbos haben Suizidgedanken und zeigen selbstverletzendes Verhalten. Christos Christou war zu Besuch in den Lagern auf den griechischen Inseln.

Brüssel/Berlin, 27. November 2019. Der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen Christos Christou hat in deutlichen Worten gegen die Pläne Griechenlands protestiert, Asylsuchende auf den griechischen Inseln in geschlossenen Lagern einzusperren. Nach einem Besuch in den Hilfsprojekten der Organisation auf Lesbos und Samos verweist er in einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU auf drei Todesfälle von Flüchtlingen innerhalb der vergangenen drei Monate auf Grund der entsetzlichen Bedingungen und beschreibt, wie Kinder in den Lagern psychisch leiden.

„Anstatt das aufgrund Ihres Handelns verursachte Leid einzuräumen, fordern Sie eine immer nachdrücklichere Durchsetzung des EU-Türkei-Deals“, heißt es in dem Brief, der auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel verschickt wurde, die den EU-Türkei-Deal maßgeblich mit ausgehandelt hat. „Sie ziehen sogar noch brutalere Maßnahmen in Betracht, wie die jüngst von der griechischen Regierung angekündigten Pläne, die Hotspots in Internierungslager umzuwandeln und Abschiebungen zu beschleunigen. Stoppen Sie diesen Wahnsinn.“

Christou berichtet in dem offenen Brief von einem zwölfjährigen Jungen, der so verzweifelt war, dass er sich wiederholt mit einem Messer selbst am Kopf verletzte, und von einem neunjährigen Mädchen, das sich nach mehreren Monaten auf Lesbos vollständig zurückzog und aufhörte zu reden und zu essen: „Diese Kinder haben Krieg und Verfolgung überlebt. Aber viele Monate an einem unsicheren und erbärmlichen Ort wie Moria waren zu viel für viele unserer kleinen Patientinnen und Patienten und haben sie in Selbstverletzung und Suizidgedanken getrieben.“

„Die Schwächsten und Verwundbarsten in den überfüllten menschenunwürdigen Lagern leiden am meisten unter der von der Bundesregierung mitverantworteten Abschottungspolitik“, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. „Ich appelliere an Bundekanzlerin Angela Merkel, sich jetzt für ein Ende dieser zynischen Abschreckungsstrategie, eine sofortige Schließung der Lager und die unverzügliche Evakuierung der verwundbarsten Menschen in andere europäische Staaten einzusetzen.“

Ärzte ohne Grenzen leistet seit 2015 medizinische Hilfe für Asylsuchende auf den griechischen Inseln, weil die EU-Staaten seit Jahren darin versagen, menschenwürdige Aufnahmebedingungen zu gewährleisten. Aus Protest gegen den EU-Türkei-Deal nimmt die Organisation seit 2016 keine Gelder von der EU oder ihren Mitgliedstaaten an. Derzeit behandeln Teams der Organisation besonders schutzbedürftige Menschen auf Lesbos, Chios und Samos – insbesondere Kinder sowie Überlebende von Folter und sexueller Gewalt.

Den vollständigen offenen Brief an die europäischen Staats- und Regierungschefs finden Sie am Fuß der Seite zum Download.