Bangladesch

420.000 geflüchtete Rohingya in akuter Not

Die meisten der geflüchteten Rohingya nehmen in provisorischen Siedlungen Zuflucht, wo es nicht ausreichend Unterkünfte, Nahrung und sanitäre Anlagen gibt. Wegen des Mangels an Trinkwasser sammeln die Menschen verunreinigtes Wasser auf überfluteten Reisfeldern, in Pfützen und in selbst gegrabenen Wasserlöchern. Deshalb steigt die Gefahr von Epidemien.

Kutupalong/Berlin, 21. September 2017. Hunderttausende nach Bangladesch geflüchtete Rohingya brauchen dringend mehr Hilfe. Nach einer Welle gezielter Gewalt gegen die muslimische Minderheit in Myanmar sind innerhalb von drei Wochen mehr als 420.000 Menschen aus dem Bundesstaat Rakhine nach Bangladesch geflohen, wo Ärzte ohne Grenzen seit 1985 im Einsatz ist. Der Großteil von ihnen wohnt in provisorischen Lagern ohne ausreichend Unterkünfte, Nahrung, sauberes Wasser oder Latrinen. Zwei der Lager in Kutupalong und Balukhali sind zu einem dichtbesiedelten Riesenlager verschmolzen. Es ist nun mit insgesamt knapp 500.000 Bewohnern eines der größten Flüchtlingslager der Welt.

Wegen des Trinkwassermangels holen die Menschen ihr Wasser aus überfluteten Feldern oder Pfützen, die oft mit Exkrementen verschmutzt sind. In der medizinischen Einrichtung von Ärzte ohne Grenzen in Kutupalong wurden zwischen dem 6. und 17. September 487 Patienten mit Durchfallerkrankungen behandelt. „Jeden Tag kommen Erwachsene bei uns an, die kurz vor dem Tod durch Dehydrierung stehen“, sagt Kate White, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Bei Erwachsenen ist das eigentlich sehr selten. Das ist ein absolut alarmierendes Zeichen.“

Es gibt nicht ausreichend Nahrungsmittel. Auf den Märkten explodieren die Preise. Die Flüchtlinge sind komplett auf humanitäre Hilfe angewiesen, doch wegen fehlender Straßen sind die bedürftigsten Menschen kaum zu erreichen. „Viele essen bloß ein wenig Reis am Tag“, sagt White. „Eine geflüchtete sechsköpfige Familie erzählte, dass das einzige, was sie seit Tagen gegessen habe, eine Schüssel Reis war, die sie von einem Restaurantbesitzer aus Bangladesch bekommen hatte und teilen musste.“ 

„Diese Lager sind letztendlich Slums“, sagt White. „Es gibt keine Straßen, die in die Lager hinein- oder hinausführen, was die Lieferung von Hilfsgütern sehr erschwert. Das Gelände ist hügelig und anfällig für Erdrutsche. Es gibt überhaupt keine Latrinen. Wenn man durch das Lager läuft, muss man durch Ströme von dreckigem Wasser und Fäkalien waten.“

Die medizinischen Einrichtungen sind völlig überlastet. Angesichts der enorm schnell steigenden Zahl der Flüchtling sowie der niedrigen Durchimpfungsrate bei den Rohingya besteht ein sehr hohes Risiko für den Ausbruch von Infektionskrankheiten. Umfassende Impfkampagnen gegen Masern und Cholera müssen sofort gestartet werden. Ärzte ohne Grenzen hat in Kutupalong eine Isolationseinheit für Cholera- oder Masernverdachtsfälle eingerichtet. „Die Situation in den Lagern ist unglaublich fragil. Der kleinste Anlass könnte das Fass zum Überlaufen bringen und eine Katastrophe auslösen“, sagt Robert Onus, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen.