Nigeria

Katastrophale Lebensbedingungen töten mehr Menschen als Gewalt

Abuja/Berlin, 27. September 2016. Die Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert sofort massive Lebensmittelhilfe für die Bevölkerung im Nordosten Nigerias. Die Versorgungslage ist sowohl in abgelegenen Gebieten wie auch in der Hauptstadt des Bundesstaates Borno katastrophal. Selbst in Lager in der Provinzhauptstadt Maiduguri jedes fünfte Kind lebensgefährlich mangelernährt.
 
„Obwohl bereits vor drei Monaten ein Nahrungsmittelnotstand ausgerufen wurde, ist eine ausreichende Versorgung der Menschen in Borno bisher komplett gescheitert“, sagt Hugues Robert, Leiter der Noteinsätze von Ärzte ohne Grenzen in mehreren Städten Bornos. „Wir fordern einen massiven Hilfseinsatz, der unverzüglich starten muss.“

Wegen des andauernden Konflikt zwischen Boko Haram und dem nigerianischen Militär wurden weite Gegenden erst in den vergangenen Wochen für Helfer zugänglich. Am 19. September haben Teams von Ärzte ohne Grenzen die Stadt Ngala an der Grenze zu Kamerun erreicht, wo 80.000 Vertriebene in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Lager leben. Sie benötigen dringend Nahrung und medizinische Versorgung. Die Menschen können das Lager nicht verlassen. Eine schnelle Untersuchungen des Ernährungszustands von mehr als 2.000 Kindern unter fünf Jahren hat gezeigt, dass eines von zehn Kindern an lebensbedrohlicher schwerer Mangelernährung leidet. Die Menschen im Lager berichten, dass sie weniger als einen halben Liter Wasser pro Person und Tag zur Verfügung haben. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen verteilten Nahrungsmittel und boten eine medizinische Versorgung an. Sie weiten nun die Unterstützung aus.

Eins von sieben Kinder schwer mangelernährt

Im nahegelegenen Gambaru leidet nach ersten Untersuchungen sogar eines von sieben Kindern an schwerer Mangelernährung. Den 123.000 Bewohnern der Stadt mangelt es an Grundnahrungsmitteln und sie haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, nachdem das einzige Krankenhaus der Stadt niedergebrannt ist. Die Straßen sind zu gefährlich, als dass die Menschen in einer anderen Stadt medizinische Hilfe suchen könnten. Auch in den Städten Bama, Banki und Gwoza südöstlich von Maiduguri ist die Versorgungssituation desolat – in allen Städten werden nun Menschen von Ärzte ohne Grenzen mit Nahrung und medizinischer Hilfe versorgt.

Besonders beunruhigend ist die Situation in der Hauptstadt Maiduguri selbst, wo keine Kämpfe stattfinden und Hilfsorganisationen die Bevölkerung in den letzten zwei Jahren unterstützen konnten. Trotzdem ist die Rate an Mangelernährung an mehreren Orten in Maiduguri so hoch wie in den Konfliktgebieten. In der Hauptstadt leben 2.5 Millionen Menschen, von denen mehr als die Hälfte Vertriebene aus anderen Gebieten des Bundesstaates Borno sind. Auch hier haben Teams von Ärzte ohne Grenzen im Vertriebenenlager "Customs House" Kinder untersucht und herausgefunden, dass eines von fünf an schwerer Mangelernährung leidet. Die Sterberate ist fünfmal höher als jene Rate, die als Grenzwert für einen Notfall gilt. Die Hauptursache dafür ist Hunger.

„Nahrung und medizinische Hilfeleistung müssen sofort in den Bundesstaat Borno gebracht werden

Bis jetzt ist die geleistete Hilfe völlig unzureichend und unkoordiniert. Sie geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, die an den Folgen dieses Konfliktes leiden“, sagt Natalie Roberts, Leiterin der Nothilfeprojekte von Ärzte ohne Grenzen in Maiduguri und Umgebung. „Um eine noch größere humanitäre Katastrophe zu verhindern, müssen Nahrung und medizinische Hilfe sofort sowohl in abgelegene als auch in zugängliche Gebiete des Bundesstaates Borno gebracht werden. Die nigerianischen Behörden haben die Verantwortung, Hilfsleistungen für die tausenden Menschen sicherzustellen, die in unmittelbarer Lebensgefahr schweben.“

Ärzte ohne Grenzen leistet im Nordosten Nigerias seit 2014 medizinische Hilfe für Menschen, die durch die Gewalt vertrieben wurden. In anderen Teilen des Landes, wie Zamfar, Port Harcourt und Jahun, betreibt Ärzte ohne Grenzen außerdem umfangreiche medizinische Projekte für Kinder und Schwangere und leistet Hilfe bei medizinische Notfällen, wie Meningitis- und Masernausbrüchen. 2015 haben die Teams mehr als 33.500 ambulante Behandlungen durchgeführt, 18.100 Patienten gegen Malaria behandelt, 9.200 Geburten betreut und 2.400 chirurgische Eingriffe durchgeführt.