Sudan

"Wir können Pal heute entlassen" - Brief aus dem Projekt

Im Projekt in Pagil untersucht Krankenpfleger Stefan Schöne eine junge Patientin.

Pal ist zwei Jahre alt, war, wie seine Mutter und seine große Schwester an der schwerwiegenden Krankheit Kala Azar erkrankt und von uns in Pagil, im Südsudan behandelt worden. "Wir können Pal heute entlassen", sage ich zu einer vor Freude strahlenden Mutter. Doch das ging nicht von heute auf morgen:

Ich arbeite seit Anfang des Jahres als Krankenpfleger mit Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. Die Menschen dort leiden noch immer unter eine instabilen Sicherheitslage und Mangelernährung, die in diesem Jahr durch eine ausbleibende Ernte verstärkt wird. Die Tropenkrankheit Kala Azar, die durch den Stich der Sandmücke übertragen wird, kommt dort regelmäßig vor. Die Hauptsymptome sind Fieber, eine vergrößerte Milz, Appetitverlust, Gewichtsabnahme und Anämie. Unbehandelt stirbt ein Großteil der Patienten. Da Kala Azar zu den sogenannten vergessenen Krankheiten gehört, die in ärmeren Ländern auftreten, wo Patienten kaum für Medikamente bezahlen können, stehen uns kaum Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Die Pharmaindustrie investiert hier wegen fehlender lukrativer Absatzchancen nicht. Den überwiegenden Teil unserer Patienten behandeln wir mit einer Medikamentenkombination, die während 17 Tagen intramuskulär injiziert wird und starke Schmerzen verursacht. Für Schwangere und Schwerkranke haben wir eine intravenöse Alternative.

Mitte August bin ich mit einem Team nach Pagil aufgebrochen - ein kleines Dorf im Norden des Staates Jonglei inmitten des Kala Azar-Gürtels. Die nächsten, von anderen Organisationen betriebenen Gesundheitseinrichtungen mit einem Kala Azar Programm liegen rund drei Tagesmärsche entfernt. Die Regenzeit hat diese Region für Fahrzeuge unzugänglich gemacht, aber immerhin gibt es hier so etwas wie eine Landebahn. Die Wahl fiel auf Pagil, weil die anderen Einrichtungen der Region alarmierend hohe Zahlen an Kala Azar-Neuerkrankungen gemeldet hatten. Genau deshalb sind wir hier, um solche Herausforderungen zu bewältigen.

Ich konnte während der letzten acht Monate im Sudan bereits einige Erfahrungen mit Kala Azar und dem Management von Projekten sammeln. Außerdem hatte ich im März die Gelegenheit, für fünf Tage während eines Notfalleinsatzes auszuhelfen. Aber ein Projekt von Null auf Hundert zu bringen - was hier meine Aufgabe ist - das ist für mich neu.

Wir beziehen zunächst provisorisch die Räumlichkeiten der lokalen kleinen Gesundheitseinrichtung, in der medizinisches Personal des Gesundheitsministeriums die am häufigsten vorkommenden Krankheiten behandeln kann. Übrigens hier die einzige gebaute Struktur. Wir hoffen, dass mit dem nächsten Flugzeug große Zelte kommen, damit wir den hohen zu erwartenden Patientenzahlen gerecht werden können. Wir stellen zwei Übersetzer ein, da es vor Ort absolut kein medizinisches Personal gibt, und wir somit selbst die Behandlung übernehmen müssen.

Zunächst führen wir mit den Patienten Gespräche, um die Krankengeschichte aufzunehmen, dem folgt die klinische Untersuchung. Falls sich daraus der Verdacht auf Kala Azar ergibt, führen wir einen Schnelltest für Kala Azar und auch gleich einen für Malaria durch und starten bei positivem Ergebnis sofort mit der Behandlung. Die Schnelltests sind ein Segen, geben sie uns doch die Möglichkeit, vor Ort ohne Labor bzw. Labortechniker zuverlässige Diagnosen zu stellen.

Der Regen macht uns zu schaffen: Wir schlafen in Igluzelten, leben immer noch unter freiem Himmel, und das Graben der Latrine, der Bau der Dusche und des Zauns verzögern sich wegen der Nässe auch gewaltig. Die Zelte sind nicht wirklich wasserdicht, so dass wir durchschnittlich einmal pro Woche unsere Matratzen im Sonnenschein trocknen müssen.

Aber am siebzehnten Behandlungstag haben wir bereits 104 Patienten im Programm, von denen wir drei als geheilt entlassen können. Wir haben das Team durch Einwohner aus Pagil vergrößert, das erste Zelt ist angekommen und dank großartiger Piloten wurde auch die Herausforderung einer matschigen Landebahn bewältigt. Und jetzt, fünf Wochen nachdem wir mit dem Aufbau des Projekts in Pagil begonnen haben, es angelaufen ist und wir bislang 80 Patienten erfolgreich behandelt haben, endet mein Einsatz hier. Ich kehre zurück nach Lankien. Aber vorher werde ich noch Pal William entlassen. Er wird heute zum letzten Mal die schmerzhaften Injektionen erhalten. Seine große Schwester konnten wir bereits letzte Woche entlassen - einzig die Mutter muss ihre Behandlung noch zu Ende führen.

Es ist verdammt schön, nach all den Entbehrungen und Anstrengungen Erfolge zu sehen. Das Projekt läuft wie eine Eins: Wir können vielen Menschen helfen, die südsudanesischen Mitarbeiter, die wir eingestellt haben, sind inzwischen gut ausgebildet und motiviert, die Lager vorerst gefüllt. Meine Aufgabe hier ist erfüllt und bald kommt einer neuer Kollege, der mich ablösen wird.

Stefan Schöne