Sudan

Rot bedeutet Lebensgefahr - Krankenpfleger Stephen Flanagan berichtet in einem Brief aus dem Süd-Sudan

Mithilfe eines Maßbandes wird der Ernähungszustand ermittelt: Kinder, deren Oberarmumfang im roten Bereich liegt, sind schwer mangelernährt.

"Es ist rot", ruft mein Kollege mir zu. Ich mache einen weiteren Strich auf dem Datenblatt. Rot zeigt: Das Kind ist schwer mangelernährt, sein Leben ist in Gefahr. Im nächsten Haus finden wir ein weiteres "Rot", dann noch eins. Nachdem wir mehr als 300 Kinder untersucht haben, machen wir eine Pause. Die südsudanesische Hitze macht uns zu schaffen - es sind 46°C und es ist erst 11.00 Uhr vormittags.

Den ganzen Tag gehen wir von Haus zu Haus und untersuchen jedes Kind im Dorf, hier in der Gegend um die Stadt Leer im Südsudan. Die Zahl der mangelernährten Kinder ist erschreckend hoch. Umso wichtiger, dass wir möglichst schnell viele Kinder untersuchen: Wir legen ein spezielles Maßband um den Oberarm des Kindes und der angezeigte Wert - grün, gelb, orange oder rot - gibt an, wie ernst sein Ernährungszustand ist.

Wir treffen auf ein vierjähriges Mädchen und sehen sofort, dass wir es in unser stationäres Ernährungsprogramm in Leer aufnehmen müssen. Apathisch liegt es in den Armen der Mutter. Ich nehme das Band, es zeigt einen Umfang von 98 Millimetern - dieser Arm ist viel zu dünn, das Mädchen schwebt in Lebensgefahr.

20 weitere kleine Patienten in kritischem Zustand

Auf der Station in Leer sind 20 weitere kleine Patienten in einem kritischen Zustand. Unser Team versorgt sie mit einer speziellen therapeutischen Nahrung. Ein kleiner Junge wird gebracht, er ist ausgetrocknet und ganz schwach. Wir beginnen sofort mit der Notbehandlung, aber dem Zweijährigen geht es bereits zu schlecht - er stirbt kurz nach der Aufnahme.

Schon früher habe ich in Ernährungsprogrammen gearbeitet und mich jedes Mal gefragt, ob es jemals leichter werden wird, ein Kind an Hunger sterben zu sehen. In Wirklichkeit hast du einfach zu viel zu tun, um darüber nachzudenken. Aber es gibt auch schöne Dinge an der Arbeit hier. Nichts ist besser als ein Kind hopsend und fröhlich nach Hause zu entlassen, das vorher selbst zu schwach zum Stehen war.

In diesem Jahr ist die Lage besonders dramatisch

Der Südsudan liegt in der Sahelzone, in der es zu dieser Jahreszeit regelmäßig zu Ernährungskrisen kommt, wenn die Vorräte aufgebraucht sind, und die Menschen noch auf die nächste Ernte warten. Doch in diesem Jahr ist die Lage besonders dramatisch: Die Ernte fiel schlechter aus als sonst, zudem hat sich die Sicherheitslage im Land nach den Wahlen im April verschlechtert. Mancherorts müssen Familien fliehen und können ihre Felder nicht mehr bestellen. Noch dazu sind die Nahrungsmittelpreise auf den Märkten seit Januar um 100 Prozent gestiegen. Das zeigen auch unsere Behandlungszahlen. Schon jetzt versorgen wir drei Mal so viele Kinder wie zur selben Zeit im vergangenen Jahr. Und jeden Tag werden immer noch mehr mangelernährte Kinder zu uns gebracht. In den anderen Ernährungsprogrammen von Ärzte ohne Grenzen in der Sahelzone ist es ähnlich.

Um alle Kinder versorgen zu können, haben wir unsere Kapazitäten in Leer stark erhöht und auch anderswo verstärken wir unsere Teams und bauen weitere Ernährungsprogramme auf. Das ist es, was ich an Ärzte ohne Grenzen am meisten mag: Sobald wir das Problem erkannt haben, knien wir uns rein und beginnen mit der Arbeit.