Südafrika

"Mit HIV leben, an TB sterben" - HIV/TB-Patienten in Khayelitsha erhalten jetzt auch Unterstützung bei resistenter TB

Anna de Vries im Büro von Ärzte ohne Grenzen in Khayelitsha.

Dieses Jahr steht Südafrika mit der Fußballweltmeisterschaft im Zentrum des öffentlichen Interesses. Neben den sportlichen Ereignissen verdient aber ein anderes Thema Aufmerksamkeit: Von den 33 Millionen Menschen, die weltweit mit HIV/Aids leben, kommen 5,5 Millionen aus Südafrika. "Mit HIV leben, an TB sterben", so sagt man in Khayelitsha, einem Township am Rande Kapstadts. Dieses Fazit steht für ein Leben, zu dem große Armut sowie hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten gehören. Fast jeder Dritte ist HIV-positiv, und viele haben aufgrund des geschwächten Immunsystems Tuberkulose (TB). Doch Khayelitsha steht auch für ein wegweisendes HIV/Aids-Behandlungsprogramm, das Ärzte ohne Grenzen vor zehn Jahren begann. Anna de Vries, stellvertretende Projektkoordinatorin, erzählt uns, was daraus geworden ist.

Anna, wie sah die Situation vor zehn Jahren aus, und welche Bedeutung hatte das erste HIV/Aids Programm?

Bevor die lebensverlängernde antiretrovirale Therapie im Jahr 2000 in Khayelitsha eingeführt wurde, war HIV ein Todesurteil. Viele starben, und Menschen mit HIV und TB wurden stark stigmatisiert.

Als Ärzte ohne Grenzen 1999 nach Südafrika kam, stand unsere Organisation einer Regierung gegenüber, die die HIV/Aids-Krise vollkommen negierte. Es war nicht klar, ob wir dort überhaupt etwas würden tun können. Doch schließlich begannen wir zusammen mit den Behörden der Provinz Western Cape ein HIV/Aids-Behandlungsprogramm. Im Jahr 2001 erhielt der erste Patient antiretrovirale Medikamente (ARV). Nur ein langer Kampf um den Zugang zu kostengünstigen hochqualitativen Nachahmerpräparate zur Behandlung von HIV/Aids machte das möglich. Dieser Kampf wurde gemeinsam mit der südafrikanischen Aktivistenorganisation Treatment Action Campaign (TAC) und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren geführt und wurde weltweit zu einem Symbol im Kampf um den Zugang zu bezahlbaren ARV in ressourcenarmen Regionen.

Mit den ARV kam Hoffnung auf. Immer mehr Menschen ließen sich auf HIV testen, und die Stigmatisierung verringerte sich. Heute ist es ganz normal, Leute zu sehen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift "HIV Positiv" tragen.

Wie hat sich die Rolle von Ärzte ohne Grenzen seither verändert, und wie geht es den Menschen mit der lebensverlängernden Therapie?

Das HIV/Aids-Behandlungsprogramm in Khayelitsha war das erste in Südafrika und eines der ersten weltweit, das in einem ärmeren Land mit hohen HIV-Infektionsraten eine antiretrovirale Behandlung außerhalb zentraler Krankenhäuser anbot. Aus ihm wurden zahlreiche Erfahrungen für andere Programme dieser Art in ärmeren Ländern gewonnen. Seitdem das Projekt begonnen hat, haben in den Gesundheitszentren in Khayelitsha mehr als 15.000 Patienten antiretrovirale Medikamente erhalten, von denen 13.000 nach wie vor in Behandlung sind. Jährlich werden 4.000 neue Patienten aufgenommen.

Den Menschen geht es mit der antiretroviralen Therapie im Allgemeinen sehr gut. Die meisten können wieder ein normales Leben führen und sich um ihre Familien kümmern. Allerdings gibt es beispielsweise Probleme mit der Diagnostik und Behandlung bei Kindern. Auch leiden viele Patienten an TB, und zahlreiche sterben an der Lungenkrankheit. Daher kommt auch der Spruch "Mit HIV leben, an TB sterben". Die Behandlung von TB ist aus diesem Grund schon seit langer Zeit Bestandteil des HIV/Aids-Programms.

Wir haben im Jahr 2008 damit begonnen, unsere HIV/TB-Kliniken an die staatlichen Gesundheitseinrichtungen zu übergeben, und wir werden diesen Prozess in diesem Jahr abschließen. In diesem Jahr werden wir uns darauf konzentrieren, ein dezentral angelegtes Programm zur Behandlung medikamentenresistenter TB fortzuführen und die Probleme bei der Langzeitbehandlung mit ARV zu untersuchen und ihnen zu begegnen. Letzteres gilt auch für Hochrisikogruppen wie Jugendliche und schwangere Frauen.

Weshalb verlagert Ärzt ohne Grenzen den Schwerpunkt der Arbeit zu dem Behandlungsprogramm für medikamentenresistenter TB?

Für die Behandlung von TB wird eine Kombination verschiedener Medikamente eingesetzt, um zu vermeiden, dass die Erreger gegen ein bestimmtes Medikament resistent werden. Dennoch erhalten jetzt immer mehr Menschen die Diagnose, dass sie an einer resistenten TB erkrankt sind. Sie brauchen eine teure Behandlung, die zwei lange Jahre dauert. Daher haben wir zusammen mit den Gesundheitsbehörden von Kapstadt begonnen, eine Einrichtung zur Behandlung resistenter TB zu betreiben. Während diese Patienten früher für Monate in Isolations-Einrichtungen geschickt wurden, können wir sie jetzt in ihrer Gemeinde behandeln. Sie können - die richtigen Vorbeugemaßnahmen vorausgesetzt - in ihren Familien bleiben. Wie Xolisa*, eine unserer Patientinnen sagt: "Ich wusste nicht viel über resistente TB. Ich wusste nur, dass man ins Krankenhaus muss und dass die Leute von dort nicht mehr zurückkommen. Sie sterben da. Ich dachte also, auch ich müsse sterben. Nachdem ich mit einem Berater von Ärzte ohne Grenzen gesprochen hatte, ging ich zu einer Unterstützergruppe in meiner Klinik. Ich sah all die Leute, die in Behandlung sind und gesund aussehen. Seither glaube ich, dass es auch mir gut gehen wird. Ich war besorgt, dass mein Baby die gleiche Krankheit haben könnte wie ich. Es wurde aber zum Glück negativ getestet, und jetzt schlafe ich in einem eigenen Raum getrennt von ihm. Ich passe sehr gut auf, dass ich meine Krankheit nicht an meine Familie weitergebe."

Es ist also ein bisschen wie 2001, als die Einführung antiretroviraler Medikamente den Menschen Hoffung brachte - auch jetzt gibt es für die Patienten mit resistenter TB Hoffnungsschimmer. Trotzdem gilt: Es wird noch lange dauern, bis alle die Hilfe erhalten, die sie brauchen.

* Der Name wurde zum Schutz der Patientin von der Redaktion geändert