Tschad

Veränderte Realitäten – Ärzte ohne Grenzen eröffnet ein neues Projekt in Am Timan

Umgebung von Kerfi im Osten des Landes.

“Am Wochenende haben wir in Am Timan unsere ersten Patienten behandelt!”, sagt Martine Flokstra glücklich am Ende ihres Hilfseinsatzes, kurz bevor sie sich auf den Weg zurück nach Holland macht. Als Mitglied des Notfallteams von Ärzte ohne Grenzen war sie im Tschad an der Eröffnung eines neues Projekts im Südosten des Landes beteiligt. Von nun an wird Ärzte ohne Grenzen in dem 100-Betten-Krankenhaus von Am Timan, einem der größten wirtschaftlichen Zentren des Tschads, die Stationen für Geburtshilfe und Pädiatrie unterstützen..“Wir werden langsam anfangen müssen, aber schon nach den ersten Tagen kommen mehr und mehr Patienten zu uns. Das ist toll.“

Anpassung der Strategie an die schwierige Sicherheitslage

Mit dem Umzug nach Am Timam passt Ärzte ohne Grenzen seine Strategie an die seit Jahren überaus schwierige Sicherheitslage in der Grenzregion zum Sudan im Osten des Tschads an, auf die sich die Aktivitäten bislang konzentrierten. Hier leben neben den Flüchtlingen aus Darfur schätzungsweise 180.000 Vertriebene. Lebenswichtige Grundbedürfnisse, einschließlich der Gesundheitsversorgung sind kaum bis gar nicht abgedeckt. Angesichts der mangelnden Strafverfolgung floriert die Kriminalität – Verbrecher werden weder festgenommen noch verurteilt. Wie eine im Jahr 2008 von Ärzte ohne Grenzen ausgeführte Studie zeigt, erlebten 90 Prozent der befragten Vertriebenen entweder selbst oder in der Familie Gewalt.

Auch für Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen stellt die angespannte Sicherheitslage eine große Herausforderung dar. Für die humanitäre Versorgung der Menschen ist sie eines der größten Hindernisse. Zu den häufigsten Zwischenfällen der letzten Jahre zählen Überfälle auf Teams von Ärzte ohne Grenzen auf den Compounds oder auf der Straße. „Nachdem im letzten Jahr zwei unserer Mitarbeiter entführt wurden, war das Sicherheitsrisiko für die übrigen Mitarbeiter in Ade in der Grenzregion zum Sudan einfach zu groß“, sagt Martine Flokstra. Derzeit werden drei der vier verbleibenden Projekte von Ärzte ohne Grenzen im Ost-Tschad per remote control betrieben. Das heißt, die Gesundheitseinrichtungen werden von einem Team aus nationalen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen und dem Gesundheitsministerium betreut, so dass eine Basisgesundheitsversorgung gewährleistet ist. Geleitet und unterstützt werden sie von Teams in der Hauptstadt N’Djamena, die die Projekte in regelmäßigen Abständen besuchen.

„Wir müssen stets abwägen zwischen dem Risiko unserer Mitarbeiter auf der einen Seite und dem, was wir für die Bevölkerung medizinisch erreichen können, auf der anderen. Im Ost-Tschad ist diese schwierige Balance immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn wir aufgrund von Sicherheitsrisiken nicht dort arbeiten können, wo es nötig ist, müssen wir nach anderen Orten suchen, wo wir medizinisch mehr – oder zumindest ebenso viel – erreichen und dabei gleichzeitig das Risiko für unsere Teams verringern können“, sagt Martine Flokstra. Bedürfnisse gibt es in dem rohstoffarmen und konfliktgeschüttelten Land genug. Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen liegt der Tschad auf Platz 175 von 182.

Vorbereitungen für das neue Projekt

Von der ersten Erkundung im November 2009 bis zum Beginn der Aktivitäten in Am Timam im Februar dauerte es mehr als zwei Monate. Es braucht Zeit, ein Krankenhaus und seine Umgebung umfassend medizinisch und logistisch zu beurteilen: Welches sind die häufigsten Krankheiten, wie hoch ist die Sterberate? Wie ausgelastet ist das Krankenhaus, wo liegen organisatorische Mängel und was sind die personellen Kapazitäten? In welchem Zustand sind die Wasser- und Sanitäranlagen auf dem Gelände des Krankenhauses, wie gut funktionieren die Elektrizität und die Kühlketten? Welche Produkte gibt es auf dem örtlichen Markt und wie sind die lokalen Behörden bestellt? Und vor allem: Was sind die humanitären und medizinischen Bedürfnisse der Zielbevölkerung? Was benötigen die geschätzten 188.000 Menschen in der Region am dringendsten und wie kann Ärzte ohne Grenzen diese Bedürfnisse verantwortungsvoll abdecken?

„Das Team hat sich unzählige Male mit verschiedenen Vertretern von Behörden und Frauengruppen, mit religiösen Führern und Dorfältesten getroffen, um herauszufinden, was die Menschen brauchen und um zu erklären, wer Ärzte ohne Grenzen ist, was wir tun können und was wir nicht tun können. Schließlich haben wir entschieden, zunächst ein kleines Projekt zu starten und uns auf diejenigen zu konzentrieren, die am verwundbarsten sind: Kinder und schwangere Frauen.“

„Mit dem Projekt in Am Timam hat Ärzte ohne Grenzen seine Strategie angepasst, um in einem stabileren Projektkontext medizinisch mehr zu erreichen, dabei aber weiter flexibel auf Epidemien oder Notfälle in der Grenzregion zum Sudan reagieren zu können“, sagt Martine Flokstra. Der Tschad liegt im sogenannten Meningitis-Gürtel und weist gleichzeitig eine der niedrigsten Impfraten weltweit auf, was die Wahrscheinlichkeit von Epidemien erhöht. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Ethnien oder Rebellengruppen stellen weitere Risiken dar, auf die Ärzte ohne Grenzen im Tschad vorbereitet sein muss.