Nigeria

Gewalt im Nordosten: „Es ist normalerweise nicht unsere Aufgabe, Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen“ - Bericht

Die Familie von Hauwa Abba (rechts) ist vor zwei Jahren aus Abadan geflohen und lebt seither in einem Lager in Maiduguri. Dort haben wir sie und 500 weitere Familien im Dezember 2016 mit Nahrungsmitteln versorgt. 

Im Bundesstaat Borno sind zehntausende Menschen vor der Gewalt zwischen bewaffneten Gruppen von Boko Haram und dem nigerianischen Militär geflohen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist in den teilweise informellen Lagern völlig unzureichend. Besonders bei Kindern kann schwere Mangelernährung schnell lebensbedrohlich werden. In den vergangenen drei Monaten haben wir daher in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates, 810 Tonnen Nahrungsmittel verteilt. Das ist ausreichend, um 26.000 Familien zwei Wochen lang zu ernähren. Normalerweise gehört die Nahrungsmittelversorgung in so großem Umfang nicht zu unseren Aufgaben.

„Als medizinische Organisation ist es normalerweise nicht unsere Aufgabe, die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Aber hier gibt es Menschen, die sich in einer verzweifelten Lage befinden“, sagt unser Landeskoordinator Phillippe le Vaillant. „Andere Hilfsorganisationen sind bislang noch nicht eingesprungen, daher fühlen wir uns verpflichtet, diese Versorgungslücke zu schließen.“

Die Bewohner der informellen Lager sind am bedürftigsten

Etwa eine Millionen Menschen, die vor der Gewalt zwischen bewaffneten Gruppen und dem nigerianischen Militär im Bundesstaat Borno geflohen sind, leben jetzt in Maiduguri, der größten Stadt im Nordosten Nigerias.

Zwar ist in den vergangenen Monaten die humanitäre Hilfe mehr geworden, doch noch immer brauchen tausende Stadtbewohner auch dringend Nahrungsmittel, Wasser und medizinische Hilfe. Die tausenden Menschen, die in informellen Lagern leben, sind häufig am bedürftigsten. Der Grund dafür liegt darin, dass diese Lager von den lokalen Behörden nicht offiziell anerkannt werden und daher keine oder nur wenig Hilfe erhalten.

„Viele Menschen sind in Maiduguri nur mit der Kleidung, die sie am Körper trugen, angekommen“, erzählt Phillippe Le Vaillant. „Es gibt fast keine Möglichkeit für sie, Geld zu verdienen, und die Nahrungsmittelpreise haben sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Aber auch ihre persönlichen Bewältigungsmechanismen sind durch die jahrelange Gewalt und Unsicherheit an ihre Grenzen gestoßen.“

Notfallmaßnahmen versorgen die Menschen vor Ort mit Trinkwasser

In Maiduguri leiten wir zwei große Gesundheitseinrichtungen und zwei stationäre Ernährungszentren, in denen schwer mangelernährte Kinder mit kalorienreicher Fertignahrung behandelt werden. Darüber hinaus bringen wir jeden Tag 80.000 bis 100.000 Liter Wasser nach Maiduguri. Mit diesen Notfallmaßnahmen versorgen wir die Menschen vor Ort mit Trinkwasser, solange es keine langfristige Lösung gibt. Wir sanieren Latrinen, bauen neue und setzen Brunnen in den Lagern um Maiduguri wieder instand.

Der Bedarf an Nahrungsmittelhilfe wird voraussichtlich ab März weiter steigen. Dann gehen die Vorräte aus der letzten ertragsarmen Ernte zur Neige, und es beginnt die jährlich wiederkehrende Nahrungsmittelknappheit. Eine ausreichende Ernährung trägt auch wesentlich zur Stärkung der Abwehrkräfte gegen Infektionskrankheiten wie Malaria und Durchfall bei, die während der im Juni beginnenden Regenzeit am häufigsten auftreten.

Tödliche Wechselwirkung: Nahrungsmittelknappheit und Regenzeit

„Es gibt eine tödliche Wechselwirkung zwischen der saisonal wiederkehrenden Nahrungsmittelknappheit und den Regenzeiten“, sagt unser Arzt Dr. Javed Ali. „Werden die Abwehrkräfte der Menschen infolge mangelnder Nährstoffe im Essen geschwächt, steigt die Zahl der Infektionen. Besonders gefährdet sind Kinder. Wenn sie sich anstecken, sind sie auch anfälliger für eine akute Mangelernährung, die oftmals mit Komplikationen einhergeht.“

Zwischen Juni und Oktober des vergangenen Jahres starben infolge dieses Teufelskreises allein in Maiduguri hunderte der von uns behandelten Patienten. Im August starben 75 von 369 Kindern, die in unserem therapeutischen Ernährungszentrum aufgenommen worden waren. Im November, als die Regenfälle nachließen und sich der Gesundheitszustand vieler Patienten verbesserte, starben 21 von 250 der im Ernährungszentrum aufgenommenen Kinder.

„Die Anzahl mangelernährter Kinder mit schweren Komplikationen, die wir im Sommer behandeln mussten, hat uns überwältigt“, sagt Dr. Javed. „Obwohl wir jetzt dank saisonaler Faktoren eine Ruhepause haben, bedeutet das nicht, dass die Notsituation vorüber ist. Ohne eine deutliche Verstärkung der Aktivitäten nationaler und internationaler Hilfsorganisationen könnte sich die Lage im nächsten Jahr sogar noch weiter verschlimmern, weil durch den Konflikt noch immer Millionen Menschen als Vertriebene leben.“ 

Ärzte ohne Grenzen betreibt im Bundesstaat Borno elf Gesundheitseinrichtungen. Zusätzlich sind medizinische Teams von uns regelmäßig in fünf weiteren Gesundheitseinrichtungen aktiv. Ärzte ohne Grenzen befürchtet, dass mehrere hunderttausend Menschen in Landesregionen leben, zu denen man Hilfsorganisationen keinen Zugang gewährt. Dort gibt es vermutlich nicht genügend Wasser, Nahrung und medizinische Hilfe.