Nigeria

„Es gibt dramatische Lücken in der Gesundheitsversorgung“ - Bericht aus Borno

Ein stark mangelernährtes Kind wird in Pulka behandelt. Der Ort liegt im Osten des Bundesstaates Borno, unweit der Grenze zu Kamerun. Im dortigen Lager für Vertriebene versorgen wir Menschen, die aufgrund des bewaffneten Konflikts zwischen Boko Haram und nigerianischer Armee fliehen mussten. 

Der Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias ist Hauptschauplatz des Konfliktes zwischen Boko Haram und der Regierungsarmee. Viele Regionen sind dort aufgrund der heiklen Sicherheitslage unzugänglich. Allein im Nordosten wurden 1,8 Millionen vertrieben. Mehr als die Hälfte von ihnen hält sich in Maiduguri, der Hauptstadt von Borno, auf. Insgesamt mussten mehr als 2,6 Millionen Menschen fliehen. Vier Länder, die an den Tschadsee angrenzen, sind von den Folgen des Konflikts betroffen. Wir betreiben zehn medizinische Einrichtungen in sechs Orten in Borno (Maiduguri, Monguno, Damboa, Gwoza, Pulka und Benisheikh). Darüber hinaus suchen unsere Teams regelmäßig weitere Orte auf. Jean François Saint-Sauveur, medizinischer Leiter von Ärzte ohne Grenzen in Barcelona, ist gerade aus Borno zurückgekehrt und berichtet von seinen Eindrücken.

Seit Juni 2016 ist es für Ärzte ohne Grenzen möglich, außerhalb Maiduguris an verschiedenen Orten in Borno zu arbeiten. Dort ist die Situation je nach Standort unterschiedlich. Insgesamt haben wir es mit einer alarmierenden humanitären Krise zu tun - in den für uns zugänglichen Regionen ist die Situation allerdings inzwischen besser. Es gibt mehr Unterstützung durch humanitäre Akteure, die Zahl der Malariafälle ist zurückgegangen, und an manchen Orten haben die Menschen auch Zugang zu landwirtschaftlichen Anbauflächen. Dennoch ist die Bevölkerung nach wie vor extrem gefährdet und weitgehend von den marginalen Hilfsleistungen abhängig, die man ihnen lange verwehrt hatte. Es besteht weiterhin erheblicher medizinischer und humanitärer Bedarf. 

Wie leben die Menschen dort?

Die Menschen sind sehr arm. Sie sind dringend auf die Hilfslieferungen angewiesen. Viele von ihnen sind Vertriebene, die wegen des Konflikts gezwungen worden sind, zu fliehen und alles aufzugeben. In Benisheikh, Gwoza und Pulka ist es praktisch unmöglich, etwas anzubauen. Außerdem ist es gefährlich, die Ortschaften zu verlassen, um Holz fürs Kochen oder zum Verkaufen zu sammeln. In den vergangenen Monaten wurde mehr Nahrung in diesen Orten verteilt. Der Bedarf an Wasser, sanitärer und medizinischer Versorgung ist aber immer noch nicht ausreichend abgedeckt. 

Darüber hinaus kommen immer wieder neue Vertriebene in diese drei Orte. Die Zahl der humanitären Akteure dort ist zu gering, um die anwachsende Bevölkerung zu versorgen. In Pulka sind wir beispielsweise momentan die einzige Organisation, die sich um Neuankömmlinge kümmert. Während meines Aufenthalts erreichten an einem Tag 500 Vertriebene den Ort, die meisten von ihnen Ältere, Frauen und Kinder. Ein Zeltlager wurde aufgebaut. Aber es gab dort weder Latrinen noch Wasserstellen. Also sind die Vertriebenen nicht eingezogen. Hunderte von ihnen campierten stattdessen wochenlang rund um unser Gesundheitszentrum. Wir haben die Menschen mit Hilfsgütern versorgt. Doch ihre  Lebensbedingungen sind immer noch inakzeptabel.

Was sind die wichtigsten medizinischen Bedürfnisse?

Bislang haben nur wenige Organisationen auf die Situation reagiert. Darum gibt es dramatische Lücken in der Gesundheitsversorgung, besonders in den Bereichen Notfallmedizin, Chirurgie, psychologische Betreuung und Prävention. Mancherorts sind wir die einzigen medizinischen Akteure für große und stark gefährdete Bevölkerungsgruppen. 

Viele Menschen kommen mit leeren Händen. Leider kann man ihnen hier auch fast nichts geben. Wie es denjenigen geht, die in Regionen leben, zu denen wir keinen Zugang haben, wissen wir nicht. Andererseits führen wir in diesen Projekten eine konstant hohe Zahl ambulanter Patientenbesuche durch. Wir versorgen Menschen, die sehr schlimme Gewalterfahrungen gemacht haben und dringend Hilfe brauchen. Sie durchleiden große seelische Schmerzen. Darum ist es wichtig, sie psychologisch zu betreuen und psychosozial zu unterstützen.

Welche Aktivitäten hat Ärzte ohne Grenzen sonst?

Wir betreiben an drei Standorten Ernährungsprojekte. Dank der Lebensmittelverteilung und dem Ende der Malaria-Saison haben wir zwar momentan eine verbesserte Ernährungssituation. Trotzdem bleibt das ein Schwerpunkt unserer Aktivitäten.

In Benisheikh betreiben wir ein Gesundheitszentrum. Dort halten wir immer einige Betten für Kinder in kritischem Zustand frei. Im Ort gibt es keine weitere medizinische Einrichtung, in der man operieren kann. In Gwoza arbeiten wir in einem Gesundheitszentrum und im Krankenhaus, wo wir bei der Versorgung stationärer Patienten mithelfen und geburts- und notfallmedizinische Leistungen anbieten. In Pulka sind wir im Gesundheitszentrum aktiv, wo wir ebenfalls für die Geburtsmedizin zuständig sind. 

Außerdem haben wir eine Impfkampagne gegen Masern durchgeführt. Der Grund dafür war, dass es aufgrund der niedrigen Abdeckungsrate zu neuen Ansteckungen gekommen war. Wir bereiten uns jetzt darauf vor, künftig verstärkt Routine-Impfungen für Kleinkinder anzubieten und mit neuen Kampagnen andere Antigene abzudecken. 

In Zukunft wollen wir unsere Kapazitäten in diesen Orten vergrößern, weil es sehr kompliziert und gefährlich ist, Patienten zu verlegen. Wir wollen künftig in der Lage sein, dringende Fälle vor Ort zu versorgen.