Niger

„Die Erfahrung des Exils ist auf vielen Ebenen entmenschlichend“ – psychosoziale Hilfe für Vertriebene des Konflikts in der Region Tschadsee

Yagana*, eine unserer Patientinnen in Niger, musste vor der Gewalt fliehen. Unsere psychosozialen Sitzungen unterstützen sie dabei, das Erlebte zu verarbeiten und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. (*Name zum Schutz der Patientin geändert.)

Die Region des Tschadsees umfasst die Länder Kamerun, Tschad, Niger und Nigeria. 2,3 Millionen Menschen wurden dort durch den anhaltenden Konflikt zwischen bewaffneten Gruppen und Militärkräften vertrieben. Viele dieser Menschen haben Schlimmes erlebt und leiden unter Symptomen psychischen Leidens wie Stress, Angst, Depression oder Appetitlosigkeit. Um ihnen zu helfen und sie in einer aussichtslos scheinenden Lage zu stärken, leisten wir auch psychosoziale Hilfe. Am Beispiel unseres Projekts in der Region Diffa im Niger beschreiben unsere Psychologen Dodo Ilunga Diemu und Yacouba Harouna, weshalb es wichtig ist, bereits bei der ersten Therapiesitzung eine hohe Wirkung zu erzielen. Sie sprechen über die Besonderheiten in der Hilfe für Kinder und Jugendliche und erklären, wie wichtig es ist, direkt zu den Menschen zu gehen.

Warum hat Ärzte ohne Grenzen sich dazu entschieden, in dem Projekt in Diffa auch psychosoziale Hilfe anzubieten?

Dodo: „Wir haben unsere Arbeit in Diffa Ende 2014 aufgenommen. Die humanitäre Lage zu dieser Zeit war enorm kritisch, gerade in Anbetracht der vielen Vertriebenen, die im Grunde mit Nichts in Niger ankamen. Die meisten Menschen hatten zudem aufgrund des Konflikts Gewalt erlebt. Die psychischen Auswirkungen waren klar zu sehen: So entschieden wir uns im Juli 2015, psychosoziale Hilfe anzubieten.“

Yacouba: „Wir haben eine Reihe von psychosozialen Hilfsaktivitäten in den Gesundheitszentren aufgebaut, die Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Diese umfassen unter anderem individuelle Beratungsgespräche, Gruppentherapien und psychosoziale Bildungsangebote - mit ihnen unterstützen wir die Patientinnen und Patienten darin, mit den inneren Veränderungen und den äußeren Umständen umzugehen. Aufgrund der hohen Mobilität der Menschen in der Gegend versuchen wir bereits in der ersten Sitzung, eine hohe Wirkung zu erzielen. Denn wir wissen nicht immer, wie lange wir die Menschen bei ihren Rehabilitationsprozessen begleiten können.“

Welche Symptome sind am häufigsten? Sind sie bei Erwachsenen und Kindern gleich?

Yacouba: „Die Erfahrung des Exils ist auf vielen Ebenen entmenschlichend – man verliert all seine physischen, sozialen und materiellen Bezugspunkte. Man muss alles wiederaufbauen, alles wieder lernen. In Diffa trifft man häufig ehemalige Fischer oder Landwirte von den Inseln des Tschadsees. Diese Menschen hatten einen bedeutenden Rückhalt und einen hohen Status in ihren Gemeinden. Jetzt erledigen sie Gelegenheitsjobs für andere.“

Einer unserer Psychologen erzählt: „Eine unserer Patientinnen heißt Yagana*. Sie denkt viel an ihren Onkel, der getötet wurde, und an ihren Bruder, der entführt wurde und von dem sie seither nichts gehört hatte. Sie denkt an ihren Vater, der vor drei Monaten starb. Er war einer der wenigen Haltepunkte in ihrem alten Leben, bevor die Gewalt sie dazu zwang, zu fliehen. Als sie in Kintchandi ankam, glaubte sie, Frieden gefunden zu haben. Aber die regelmäßigen Sicherheitsvorfälle und Kämpfe in der Region ängstigten sie. Selbst das Geräusch einer platzenden Plastiktüte lässt sie aufschrecken. Yagana isst so gut wie nichts. Die Alpträume bleiben. Sobald sie ihre Augen nachts schließt, sieht sie bewaffnete Männer und Schatten, die sie jagen und die sie töten wollen. Yagana fragt sich unter diesen Bedingungen nach dem Sinn ihres Lebens. Sie hat alle Hoffnung verloren, dass sich die Situation irgendwann verbessern würde. Yagana sagte, das Wort, das am treffendsten beschreibt, wie sie sich fühle, sei „verzweifelt“. Wir sind jetzt bei der dritten Sitzung “kognitiver Verhaltenstherapie“ wie wir Psychologen das nennen. Während der Sitzungen arbeiten wir daran, Entspannungsmethoden zu finden, z.B. durch tiefes Atmen und Visualisierungsübungen. Außerdem arbeiten wie daran, das Selbstbewusstsein wiederherzustellen, indem wir versuchen, Yaganas Schuldgefühle zu stoppen. Yagana besucht zudem eine Selbsthilfegruppe mit anderen jungen Frauen ihres Alters, die ähnliche Probleme haben. Yagana erzählt mir, dass die Nächte nun ruhiger geworden seien und dass sie ihren Appetit wiedergefunden habe. Sie spricht sogar davon, ein kleines Gewürzgeschäft eröffnen zu wollen. Ich lächle.“

Dodo: „Durch die fragile Sicherheitslage und das Fehlen einer langfristigen Perspektive ist der Einschnitt oftmals drastisch. Viele unserer Patienten weisen Symptome von posttraumatischem Stress, überhöhter Nervosität, dauerhafter Angst, extremer Wachsamkeit, Depression und Appetitlosigkeit auf. Erwachsene entwickeln zusätzlich zu diesen Symptomen noch starke Schuldgefühle, was zu einem Verfall des Selbstwertgefühls und einem Gefühl der Isolation führt. Bei Kindern sehen wir eine Rückentwicklung im Verhalten: Sie nässen ins Bett, spielen nicht mit anderen Kindern, hängen an ihrer Mutter. Jugendliche verfallen in kriminelles Verhalten, als Form der Rebellion gegen ihre Situation, und lehnen jede Form von Autorität ab. Es kommt auch zu Missbrauch von Drogen und Alkohol.“

Wie erreicht man junge Menschen mit psychosozialer Hilfe?

Dodo: „Obwohl jeder Ähnliches erlebt hat, sind Kinder und Jugendliche besonders gefährdet. Denn sie sind noch in der Entwicklung, wenn diese traumatischen Erlebnisse geschehen. Sie zu erreichen und zu behandeln ist eine echte Herausforderung. “

Yacouba: „Das ist auch ein Grund dafür, dass wir das Projekt der psychosozialen Hilfe in den Gemeinden gestartet haben. Indem wir direkt an die Orte gehen, wo die Menschen leben und ihre Zeit verbringen, können die Berater diejenigen Kinder und Jugendlichen ausfindig machen, die psychosoziale Hilfe benötigen. Je nach Alter und diagnostizierten Störungen, werden ihnen verschiedene Angebote gemacht: Beschäftigungen wie Malen, Tanzen und Spiele oder Familienkonsultationen und Gruppentherapie.

Die Kolleginnen und Kollegen in den Gemeinden organisieren auch Übungseinheiten für Eltern, Erzieher und jeden, der davon profitieren könnte, die Warnzeichen von psychischen Problemen bei jungen Menschen zu erkennen.“

Wie schätzt ihr die psychosozialen Bedürfnisse aktuell ein? Hat sich das Projekt verändert?

Dodo: „Die Lage ist sehr angespannt. Regelmäßig treten Sicherheitsvorfälle auf, häufig mit zivilen Opfern. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft durch den Ausnahmezustand eingeschränkt ist, wodurch viele ihre Häuser nicht wiederaufbauen und ihre normalen Leben nicht weiterführen können. Das führt zu einer Abhängigkeit von humanitärer Hilfe.“

Yacouba: „All das trägt bei den Menschen, die hier leben – Vertriebene, Geflüchtete und die lokale Bevölkerung – zu einem enormen Gefühl der Unsicherheit bei und führt zu seelischem Schmerz. Daher gibt es den Bedarf, die psychosoziale Hilfe aufrechtzuerhalten und die Menschen psychologisch zu betreuen.

Neben den lokalen Aktivitäten haben wir erst kürzlich ein Projekt gestartet, um die gefährdetsten Menschen zu erreichen. Dank der Teams in den Gemeinden konnten wir unsere Präsenz in den Camps für Vertriebene, in Schulen, an Treffpunkten (wie Wasserstellen) und an anderen Schlüsselorten stärken. Die psychosozialen Beraterinnen und Berater schaffen ein Problembewusstsein in den Gemeinden. Sie veranstalten psychosoziale Lehrstunden vor Ort, um weitere hilfsbedürftige Personen ausfindig zu machen und durch Patientenbesuche ihre Betreuung sicherzustellen.“

* Name zum Schutz der Privatsphäre unserer Patientin geändert.