Nauru

„Wie ein Boot, das langsam im Ozean versinkt“ - Perspektivlosigkeit prägt das Leben Geflüchteter auf Nauru

Für die Geflüchteten ist Nauru ein Gefängnis. Sie wissen nicht, wann sie die abgelegene Insel im Pazifischen Ozean verlassen dürfen.

Im Oktober 2018 musste Ärzte ohne Grenzen auf Druck Australiens sein psychosoziales Hilfsangebot einstellen. Für die Geflüchteten, die auf der Insel festsitzen, steigt damit das Risiko, psychisch zu erkranken. Insbesondere aber für diejenigen, die bereits unter psychischen Problemen leiden, verschlechtert sich die Situation dramatisch. Kassim* ist mit seiner Frau aus dem Iran geflohen. Seit fünf Jahren und drei Monaten sitzt das Paar auf Nauru fest. Die unerträgliche Situation hat Kassims Frau in eine schwere Depression gestürzt. Aus der Hoffnung auf ein besseres Leben wurde ein ewiges Warten auf eine ungewisse Zukunft. Lesen Sie Kassims Geschichte:

„Den Iran habe ich wegen meines Glaubens verlassen. Ich bin vom Islam zum Christentum konvertiert. Wenn du das tust, wirst du in meinem Land gefoltert und ins Gefängnis gesteckt. Im schlimmsten Fall droht dir die Todesstrafe. Also haben meine Frau und ich schweren Herzens beschlossen, zu fliehen. Das erste Jahr auf Nauru lebten wir in einem Zelt. Das war wirklich hart. 2014 durften wir in die ‚Gemeinschaft‘ ziehen, denn wie erhielten den Flüchtlingsstatus. Wir glaubten, nun würde endlich alles wieder normal werden, gut werden. Aber schon bald wurde uns klar, dass es zwischen einem Leben im Zelt und in der Gemeinschaft keinen Unterschied gab. Wir wurden bloß verlegt: von einem kleinen in ein großes Gefängnis, das komplett vom Ozean umschlossen ist.

Am meisten macht uns die ungewisse Zukunft zu schaffen. Obwohl wir seit 2014 als Flüchtlinge anerkannt sind, wissen wir immer noch nicht, was aus uns werden wird. Wir haben einen Antrag zur Ausreise in die USA gestellt. Aber die ‚Homeland Security‘** hat ihn abgelehnt. Diese Entscheidung hat uns wie ein Schlag getroffen. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird, bis wir von hier weg können. Es ist kaum auszuhalten.

Meine Frau leidet momentan an schweren Depressionen. Sie wurde von Ärzte ohne Grenzen sehr gut behandelt, aber seit die Organisation gehen musste, wird die Verfassung meiner Frau von Tag zu Tag schlechter. Ich versuche, einen Termin bei der psychologischen Beratungsstelle der International Health and Medical Sercives*** zu bekommen, aber das dauert sehr lange. Heute ist der 24. Tag, an dem sie nichts gegessen hat. Sie konnte nicht schlafen und hat noch nicht einmal etwas getrunken. Sie kommt nicht aus dem Bett. Sie liegt nur da, die ganze Zeit. 
Ich wollte stark und gesund bleiben - für meine Familie, meine Frau und für mich selbst. Aber jetzt bin ich gerade wirklich müde. Wenn ich mein aktuelles Leben betrachte, dann kommt es mir vor wie ein Boot mit einem Loch. Und ich kann nur dabei zusehen, wie das Boot langsam im Ozean versinkt.

Manche Mitarbeiter der australischen Regierung sagen: ‚Wir evakuieren alle Kinder noch vor Weihnachten.‘ Von anderen hört man später, ‚nein, das haben wir nie gesagt.‘ Es gibt keine Frist, keine Regeln, nichts – sie spielen einfach mit uns. Die Leute hier freuen sich, wenn die Kinder Nauru verlassen können. Sie machen sich aber auch Sorgen um sich selbst: ‚Was wird aus uns? Wir haben keine Kinder. Vielleicht werden wir noch ewig hier bleiben müssen. Wer weiß, was für ein Spiel die australische Regierung mit uns treibt.‘

Ich kann es nur vermuten, aber vielleicht verfolgen Sie ja in Australien, oder wo immer Sie leben, die Nachrichten aus Nauru. Wahrscheinlich hat das, was sie darin erfahren, keine unmittelbaren Folgen für ihr Leben. Wir sehen hier die Nachrichten, weil es um unsere Zukunft geht. Es kann sein, dass sie uns heute ein wenig Hoffnung geben. Vielleicht werfen sie uns aber schon morgen weiter zurück als je zuvor.

Ich möchte gern wieder ganz normal leben. Ich möchte hier weg, in ein neues Land, mit einer neuen Nationalität. Ich möchte endlich wieder anfangen, zu leben.“

* Name geändert
** Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten
*** Die IHMS bietet im Rahmen eines Vertrages mit der Abteilung für Migration und Grenzschutz psychische Gesundheitsdienste innerhalb des Netzwerks Australischer Einwanderungs-Haftanstalten an.