Mosambik

Wenn sie doch nur... Wo Prävention Leben rettet

Die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) kann Gebärmutterhalskrebs verhindern. HIV-Patient*innen zählen zu einer besonderen Risikogruppe für die Erkrankung.

Die Belgierin Dr. Séverine Caluwaerts arbeitet als Gynäkologin für Ärzte ohne Grenzen. Bei zwei Einsätzen in Mosambik und Simbabwe behandelte sie vor allem Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs erkrankt waren oder zu einer Risikogruppe für die Erkrankung zählten. Sie berichtet von schweren Diagnosen, Prävention und einem Hoffnungsschimmer, der Leben retten kann.

Vor zwei Jahren reiste ich nach Maputo, in Mosambik, um das dortige Team unter anderem bei der Gebärmutterhalskrebsvorsorge zu unterstützen. In Maputo konzentrieren wir uns auf die Krebsfrüherkennung bei HIV-positiven Frauen, weil sie am stärksten gefährdet sind, Gebärmutterhalskrebs zu entwickeln. HIV ist hier sehr weit verbreitet und jede achte Frau lebt mit dem Virus. Aber zumindest ist die lebensrettende antiretrovirale Behandlung in den vergangenen Jahren für mehr Menschen verfügbar geworden.

Zwei schwerwiegende Diagnosen

Ein Vormittag ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Etwa 20 Frauen und Mädchen kamen zum HIV-Test, zur Familienplanung, zu ihrer ersten Schwangerenvorsorge oder zur Gebärmutterhalskrebsvorsorge in die Klinik. Manche Patientinnen kamen gleich für alles auf einmal. Das Personal und die Patientinnen lachten über mein schlechtes Portugiesisch, aber irgendwie verstanden sie mich trotzdem.

Die 40-Jährige Maura* war unsere letzte Patientin an diesem Vormittag. Mir fielen sofort die geschwollenen Lymphknoten an ihrem Hals auf und wie dünn sie war. „Benvindo Maura“, sagte ich, „Sou doctora Séverine do MSF“. Sie schenkte mir ein warmes Lächeln. Die Krankenschwester fragte Maura, warum sie heute in die Klinik gekommen sei. „Ich habe Bauchschmerzen“, sagte sie, „und es kommt etwas Schmutziges aus meiner Vagina“. 

Ich hoffte, dass es 'nur' eine sexuell übertragbare Krankheit sei, etwas Behandelbares. Aber während der Untersuchung sahen die Pflegerin und ich eine große Wucherung, die aus dem Gebärmutterhals kam und in die Vagina hineinragte. Die weitere Untersuchung zeigte, dass die Wucherung bis zur Beckenwand reichte.

Die Behandlung ist kompliziert

Nachdem sie sich angezogen hatte, rieten wir Maura zu einem HIV-Test. Sie stimmte zu und wurde - wie wir vermutet hatten - positiv getestet. Die Krankenschwester erklärte ihr sehr behutsam die beiden schweren Diagnosen - Gebärmutterhalskrebs und HIV - und versicherte ihr, dass wir alles tun werden, was wir können, und dass wir sie an die HIV-Klinik überweisen, damit sie sofort mit der Behandlung beginnen kann. 

Die Behandlung ihres Gebärmutterhalskrebses ist jedoch kompliziert. Er ist inoperabel und sie braucht eine Strahlentherapie, um eine Überlebenschance zu haben. In Mosambik gibt es keine Strahlentherapie-Station, deshalb werden die Patientinnen an Krankenhäuser in Südafrika überwiesen.  In der Realität funktioniert dieses System jedoch nicht, weil es zu kompliziert ist, die Krankenhäuser zu teuer und zu weit weg.

Wenn sie doch nur...

Vor zwei Jahren habe ich Maura umarmt, ihr alles Gute gewünscht und bin mit einem unguten Gefühl im Magen nach Hause gefahren. Mauras schwere gesundheitlichen Probleme wären größtenteils vermeidbar gewesen. Hätte sie nur zur Vorsorgeuntersuchung kommen können, hätte sie nur früher ihren HIV-Test gemacht. Wenn sie doch nur...

Heute sterben weltweit mehr Frauen an Gebärmutterhalskrebs als an Komplikationen bei der Schwangerschaft und Geburt. 2018 waren es 311.000. Frauen, die hauptsächlich in einkommensschwachen Gegenden lebten und zu wenig angemessene medizinische Versorgung in Anspruch nehmen konnten.

Es wird erwartet, dass diese Zahl in den kommenden Jahren steigt, doch es wird kaum darüber berichtet. Das Schlimmste ist, dass Präventivmaßnahmen wie die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) und Behandlungen wie die Kryotherapie (Einfrieren des Gebärmutterhalses) verfügbar und im oben genannten Fall auch bezahlbar wären.

Prävention rettet Leben

Vergangenen Juli reiste ich nach Simbabwe, wo Ärzte ohne Grenzen mit dem Ministerium für Gesundheit und Kinderfürsorge ein Programm zur Früherkennung und Behandlung von Gebärmutterhalskrebs umsetzt. Die Früherkennung wird in sechs Kliniken angeboten, in denen Frauen auch Beratungen zur Familienplanung, HIV-Tests und bei Bedarf eine Behandlung erhalten. Das Team untersuchte im vergangenen Jahr 5.751 Frauen in der Provinz Gutu. Damit haben wir jetzt 75 Prozent der Frauen im Einzugsgebiet erreicht. Wir führen in der Klinik Programme zur Gesundheitsförderung durch und wir haben in ein chirurgisches Verfahren investiert, mit dem verändertes Gewebe besser behandelt werden kann.

All das hat gute Ergebnisse gebracht. Jedes Jahr kommen mehr Frauen zu den Vorsorgeterminen, unsere Teams sind besser geschult und wir stellen weniger Anomalien fest. Wir wissen auch, dass eine langfristige wirksame HIV-Behandlung dazu beiträgt, verändertes Gewebe zu beseitigen.

Mehr als nur Hoffnung

Letztes Jahr führten wir in Gutu auch eine HPV-Impfkampagne gegen Gebärmutterhalskrebs in Schulen durch und lieferten Impfstoffe für 1.000 HIV-positive Mädchen und junge Frauen. Diese Risikogruppe hat jetzt sehr gute Chancen, sich lebenslang vor dieser tödlichen Krankheit zu schützen. 

Auch wenn noch viel getan werden muss, bringen wir durch Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sowie Behandlungen vor Ort mehr als nur Hoffnung - wir verhindern die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs - damit mehr Frauen wie Maura eine Chance haben, zu überleben.

Die Belgierin Dr. Séverine Caluwaerts ist Gynäkologin und hat für Ärzte ohne Grenzen bereits in mehreren Projekten und Ländern gearbeitet, u.a. in Sierra Leone, Burundi, der Demokratischen Republik Kongo und Afghanistan.

*Name der Patientin wurde geändert