Italien

Mittelmeer: „Diese Menschen sind einen qualvollen Tod gestorben“ – Bericht unserer Ärztin Erna Rijnierse

Erna Rijnierse gedenkt der 22 Todesopfer, die unter tragischen Umständen ihr Leben lassen mussten.

Die Ärztin Dr. Erna Rijnierse arbeitet an Bord des Such- und Rettungsschiffs „Aquarius“, das von SOS Mediteranée und Ärzte ohne Grenzen gemeinsam betrieben wird. Sie berichtet von der Rettungsaktion im zentralen Mittelmeer am 20. Juli, bei der von zwei kleinen Booten in Not 209 Menschen gerettet und 21 Frauen und ein Mann tot geborgen wurden. Erna Rijnierse spricht auch über ihre eigenen Gefühle der Wut und Trauer angesichts des Todes so vieler Menschen.

Am Mittwoch bekamen wir einen Anruf des italienischen Maritime Rescue Coordination Centre. Ein Hubschrauber sei gerade wegen einer medizinischen Evakuierung im Einsatz und brauche unsere Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, dass ein Marineschiff 48 Menschen von einem  Schlauchboot an Bord gebracht hatte. Vieles wurde für uns erst später klar.

Ein weiteres Teammitglied und ich hatten ein ungutes Gefühl, und es stellte sich heraus, dass wir Recht hatten. Als wir uns dem Schlauchboot näherten, bemerkten wir als Erstes die Ruhe. Wenn man sich einem Boot nähert, winken die Menschen normalerweise und machen auf sich aufmerksam. Diesmal aber waren sie schrecklich still. Als Nächstes bemerkten wir sehr starken Treibstoffgeruch. 

Als wir uns dem Boot näherten, wurden wir darüber informiert, dass es Leichen an Bord gebe. Als wir noch näher herankamen, sahen wir, dass die Menschen keine richtigen Rettungswesten trugen, also verteilten wir sofort welche. 

In ihren Augen konnte man sehen, dass sie qualvoll gestorben waren

Ich bat um Erlaubnis, an Bord zu gehen. Das Wasser stand mir bis zu den Waden. Der Geruch nach Treibstoff war unglaublich stark, und es roch auch streng nach Urin und anderem. Es war sehr schwierig, nicht auf einen menschlichen Körper zu treten. Ich wollte absolut sichergehen, ob unter den Frauen – in diesem Moment war mir klar, dass es fast alles Frauen waren – wirklich keine mehr eine Chance auf Wiederbelebung hätte. Ich stellte ihren Tod fest. Bei einigen von ihnen hatte die Leichenstarre schon eingesetzt. Es war deutlich, dass sie nicht erst in den vergangenen Minuten gestorben waren. In ihren Augen konnte man sehen, dass sie qualvoll gestorben waren. 

Aus medizinischer Sicht gab es nichts, was wir tun konnten, also ging ich zurück auf das Rettungsschiff, um mich um die Überlebenden dieses Martyriums zu kümmern. Bei vielen Menschen brannten die Augen, was wahrscheinlich am Treibstoff lag. Es wurde deutlich, dass es an Bord des Schlauchboots einen Kampf gegeben hatte. Das konnte man an Kratzern an den Armen und Beinen der Menschen erkennen. Außerdem gab es zehn Patienten mit menschlichen Bissspuren an Armen, Rücken und an den Knöcheln. Manche von ihnen müssen auf dem Boden gelegen haben und sich erfolglos gegen andere auf ihnen gewehrt haben. Es ist entsetzlich, sich dieses Szenario vorzustellen. Es muss chaotisch gewesen sein. Die Menschen an Bord starrten nur mit leeren Augen ins Nichts.

Sie waren schwer traumatisiert von den Ereignissen - nicht nur von ihrer Reise durch die Sahara oder den schrecklichen Aufenthalt in Libyen.  Was sie erlebt haben, liegt außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten Menschen. 

Die Identifizierung der Toten ist fast unmöglich

Später bargen wir die Leichen, was nicht einfach war. Wir machen ein Bild von jedem toten Menschen. Wir gaben ihr geschätztes Alter und andere Details an die italienischen Behörden weiter, aber leider konnte nur eine Person eindeutig identifiziert werden.

Diese Menschen sind einen qualvollen Tod gestorben. Man kann es in ihren Gesichtern sehen. Einige haben aufgrund des Erstickungsprozesses aufgedunsene Gesichter. Selbst für Angehörige ist es schwierig, ihre Familienmitglieder zu erkennen, wenn sie in einem solchen Zustand sind. Ein Mann, konnte seine Frau identifizieren, die er bei dem Zwischenfall verloren hat. Jemand anderes konnte einen Verwandten nicht erkennen, mit dem er gereist war.

Soweit wir es nachvollziehen können, kommen die Frauen unter den Toten aus Nigeria. Einige von ihnen haben sich unterwegs kennengelernt. Viele von ihnen waren vor kurzem noch in Haft, also waren sie schon zu Beginn der Überfahrt sehr schwach. Sie haben nicht richtig gegessen oder getrunken. Wie kannst du physisch kämpfen, wenn du schwach bist? Es war schrecklich.

Wir müssen uns auf diejenigen konzentrieren, die überlebt haben und für sie sorgen. Wir haben eines unserer psychosozialen Teams angerufen, die an der italienischen Küste arbeiten und auf solche Situationen vorbereitet sind. Wir treffen sie morgen in Trappani, wo wir auch die Leichen an die italienischen Behörden übergeben. 

Ganz normale Menschen, die einen sinnlosen Tod sterben

Was ich so schwierig und abscheulich finde, ist, dass diese Frauen grauenhaft gestorben sind, und das nur, weil sie keinen anderen Weg haben, um nach Europa zu kommen. Ich finde das fürchterlich, und es ist für mich schwer, damit umzugehen. Natürlich ist es schwierig, einer Toten ins Gesicht zu sehen, aber es ist noch schwieriger,  wenn du versuchen musst, eine Frau zu identifizieren, mit der du nie sprechen wirst. Du wirst nie ihre Geschichte kennenlernen oder erfahren, wer sie vermissen wird. Weil du keine Möglichkeit der Identifizierung hast, macht es mich noch betroffener.

Ich war wütend. Ich war wütend auf die Politiker die alles von sich fern halten. Diesen Frauen hätte man ein Flugticket kaufen können, und sie hätten eine sehr sichere, komfortable Reise gehabt, und das für die Hälfte des Preises, den sie für diese zum Scheitern verurteilte Überfahrt bezahlt haben. Sie sollten nicht die Wüste durchqueren oder zu Zwangsprostituierten werden müssen, um anschließend mitten in der Nacht in ein nicht seetaugliches Boot zu steigen und auf See zu ertrinken, weil es keinen anderen Weg für sie gibt. Und diese ganze Abfolge macht mich rasend. Gleichzeitig bin ich sehr traurig, weil diese Menschen kein anderes Verbrechen begangen haben, als das Meer zu überqueren. Sie waren nicht krank. Sie waren normale Menschen, deren gesamtes Leben noch vor ihnen lag.