Auf dem Meer sind alle gleich

Ein Monat auf der Ocean Viking

Europa, wie hältst du es mit deinen Werten? Unser Mitarbeiter Stefan Dold war einen Monat lang mit dem Rettungsschiff Ocean Viking auf dem Mittelmeer unterwegs und an der Rettung von 280 Schiffbrüchigen beteiligt. In einem emotionalen und sehr persönlichen Bericht hat er festgehalten, wie es ist, auf dem Mittelmeer Menschen zu begegnen, die schlimmste Gewalt erlebt haben und nur knapp dem Ertrinken entronnen sind. Menschen, die die Europäische Union am liebsten nicht an ihren Küsten sehen würde.

„Im Oktober war ich einen Monat lang als Teil der Teams von Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranee an Bord des Rettungsschiffs Ocean Viking im zentralen Mittelmeer. Wir haben in dieser Zeit drei Schlauchboote in Seenot gefunden und 280 Menschen aus ihnen gerettet. Am Ende mussten wir mit mehr als 100 Menschen an Bord zwölf Tage lang auf einen sicheren Hafen warten, bis sich die EU-Staaten auf eine Aufnahmeregelung geeinigt hatten und wir schließlich in Italien einlaufen konnten. 

Wenn ich heute, drei Monate später, an diese Zeit zurückdenke, dann sind mir vor allem diese Dinge in Erinnerung geblieben: der Horror der illegalen Gefängnisse in Libyen, die Verwüstungen an Körper und Seele der Geretteten, das bewusste Wegschauen der EU – und die Einzigartigkeit der Menschen, die ich auf so unwahrscheinliche Weise mitten auf dem Meer kennengelernt habe. 

„Ich dachte, schlimmer können die Berichte nicht mehr werden“

Als wir am 3. Oktober aus dem Hafen von Marseille in See stachen, hatte ich erwartet, schlimme Geschichten aus Libyen zu hören, aber ich hatte nicht gedacht, dass sie mich schockieren würden. Zu schlimm war das, was ohnehin schon aus den illegalen Gefängnissen bekannt war und womit ich mich in den Jahren zuvor immer wieder beschäftigt hatte: die Berichte der Bootsflüchtlinge, die seit 2014 auf den Schiffen von Ärzte ohne Grenzen gerettet worden waren. 2017 hatte ich bei einem ersten Einsatz auf See einige davon persönlich erzählt bekommen. 

Die Berichte der UN-Mission in Libyen, des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Amnesty International und anderen Organisationen, die das brutale Ausbeutungssystem, das sich in Jahren der Gesetzlosigkeit an einigen Orten in Libyen herausgebildet hat, dokumentieren: Migrantinnen und Migranten, die massenhaft von Kriminellen, Schleppern und Milizen eingesperrt und finanziell ausgepresst werden. Die ihre Verwandten zu Hause anrufen und nach Lösegeld fragen müssen, und die dabei schwer misshandelt werden. 

Schon vor zwei Jahren hatte ich Geschichten von Schlägen, Elektroschocks und von Todesfällen in den Lagern erzählt bekommen. Ende 2017 waren gar Bilder einer Versteigerung von Migranten wie auf einem Sklavenmarkt publik geworden. 2019 tauchten auf Facebook Foltervideos auf, in denen eingesperrte Migranten mit brennendem Plastik übergossen werden. Das medizinische Team auf der Ocean Viking hatte in den Monaten vor unserer Ausfahrt ebensolche Berichte gehört – und auf den Körpern jener Menschen Brandwunden gefunden, die zu genau diesen Misshandlungen passten. Ich dachte, schlimmer könnten die Berichte nicht mehr werden. Aber dann erzählte mir am Tag nach den ersten beiden Rettungen Juan Pablo, unser Arzt an Bord, die Sache mit den Zähnen.

Ein junger Mann war zu ihm in die Klinik an Deck gekommen. Ihm fehlten zwei Zähne: einer rechts oben, einer links oben. Er berichtete, in einem der illegalen Gefängnisse eingesperrt und um Lösegeld erpresst worden zu sein. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen und die Familie zu einer schnelleren Zahlung zu veranlassen, hätten die Kriminellen gedroht, ihm nacheinander seine Zähne zu ziehen. Und das hätten sie dann auch gemacht: Erst einen, später noch einen, dann sei er schließlich freigekommen. Ein anderer Patient erzählte, ein Freund von ihm habe auf diese Weise fast sein gesamtes Gebiss verloren.

Und so viele der Geretteten, die sich in der Klinik vorstellten, hatten Spuren von Gewalt auf ihren Körpern: Mehrere hatten Narben von Schlägen oder Stichen. Bei einem war der ganze Oberkörper mit Narben übersät. Er sagte, sein Arbeitgeber in Libyen sei mit einer Machete auf ihn losgegangen, nachdem er mit seiner Arbeit nicht zufrieden gewesen sei. Andere, mit Brandwunden, berichteten, sie seien mit kochendem Wasser oder geschmolzenem Plastik übergossen worden. Einer hatte eine Narbe auf der Brust, die von einer Schusswunde herrührte. Weil er in Libyen keine medizinische Versorgung bekommen konnte, habe ein Freund die Kugel mit einem Messer entfernt.

„Das war meine Strategie, und sie hat funktioniert“

Und noch eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Eine vierfache Mutter hat sie dem Dokumentarfilmer erzählt, der mit uns an Bord war: Sie sei, als sie mit dem vierten Kind schwanger war, eine Zeit lang mit den Kindern und vielen anderen Frauen in einem der Gefängnisse eingesperrt gewesen. Abends seien dort regelmäßig die Wachen in die Zelle gekommen und hätten diejenigen Frauen ausgewählt, die an jenem Abend vergewaltigt werden würden. Um von diesem Martyrium verschont zu bleiben, habe sie entschieden, sich nicht mehr zu waschen – in der Hoffnung, der Gestank würde die Männer abschrecken: „Das war meine Strategie, und sie hat funktioniert.“

Nicht alle der 280 Geretteten hatten schwere Gewalt erlebt, aber fast alle. Viele waren jahrelang in Libyen, immer wieder in Gefangenschaft, hatten mehrfach versucht, über das Mittelmeer zu fliehen und waren von der libyschen Küstenwache zurückgebracht und in einem der offiziellen Internierungslager erneut eingesperrt worden. Manche gerieten wieder in den Kreislauf aus Gewalt und Erpressung, Gefangenschaft, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution. Eine der Frauen hatte einen Luftangriff auf das offizielle Internierungslager Tadschura in Tripolis im Juli 2019 überlebt, bei dem mehr als 50 Menschen starben, darunter auch ihr Mann, von dem sie nun mit Zwillingen schwanger war.

Es ist mir unfassbar, dass die EU-Staaten und die Bundesregierung tatsächlich im vollen Wissen um diese Zustände in Libyen Gerettete vom Mittelmeer systematisch in dieses Kriegsgebiet zurückbringen lassen. Und dieses Zurückzwingen durch Gelder und Schiffe für die von ihr aufgerüstete libysche Küstenwache erst ermöglichen, während sie gleichzeitig die eigene Seenotrettung einstellen. Nur, damit diese Menschen auf keinen Fall Europa erreichen. 

„Ein Souvenir aus Libyen“

Welche psychischen Folgen die Gewalterfahrungen in Libyen haben, konnten wir an Bord der Ocean Viking nur erahnen. Wir ermutigten die Menschen, sich dem medizinischen Team an Bord anzuvertrauen, wenn sie sexuelle oder extreme Gewalt erfahren hatten, damit wir sie beim Landgang an die Gesundheitsdienste und Hilfsorganisationen zur Behandlung überweisen konnten. In der kurzen Zeit an Bord haben wir sicher nur von den wenigsten Vorfällen erfahren.

Das zeigte mir zum Beispiel Paul (Name geändert) aus der Elfenbeinküste, der mir ebenfalls stark in Erinnerung geblieben ist. Er war Rocco, dem Fahrer eines unserer Schnellboote, während der Rettungsaktion aufgefallen: Er hatte sehr emotional reagiert und war, kaum auf dem Schnellboot, in Tränen ausgebrochen. Jetzt, einen Tag später, machte Rocco mich auf Paul aufmerksam, damit ich auf Französisch mit ihm reden könne.

Paul war ein schlaksiger junger Mann mit einer langen Narbe auf der linken Gesichtshälfte. „Ein Souvenir aus Libyen“, meinte er nur sarkastisch, als ich ihn darauf ansprach. Ich erklärte ihm, dass er mit unserem Arzt oder unserem Pfleger in der Klinik vertraulich sprechen könne. Doch er sagte ziemlich abgeklärt: Das brauche er nicht, es sei alles ok.

Doch am nächsten Morgen kam er gleich auf mich zu. Er wollte nun doch mit dem Arzt sprechen, mehrmals fragte er mich nach ihm. Als ich Juan Pablo schließlich auf Paul hinweisen konnte, war ich überrascht zu erfahren, dass dieser zuvor schon in der Klinik gewesen war. Darauf sprach ich wiederum Paul an, der nun leise sagte: „Ja, aber ich hatte Artikulationsprobleme“. Und ich begriff: Er hatte aus Scham nicht alles erzählt.Ich weiß bis heute nicht, was Paul in Libyen zugestoßen ist. Ich weiß nur, dass Juan Pablo nach dem zweiten Gespräch erschüttert war. Paul habe ihm von entsetzlichen Dingen berichtet. Am folgenden Morgen verließ Paul in ernster Stimmung als einer der ersten das Schiff, um an Land speziell betreut zu werden. Und während er von Bord ging, fragte ich mich, wie viele andere es wohl nicht über sich brachten, von den Verwüstungen ihrer Seele zu sprechen.

Funkstille 

Eine der bedrückendsten Erfahrungen auf der Ocean Viking war es, zu sehen, wie ausgerechnet im tödlichsten Seegebiet der Welt das staatliche Seenotrettungssystem nicht mehr funktioniert. 2017, als ich das erste Mal auf einem Rettungseinsatz mitgefahren bin, war das noch anders. Damals koordinierte die italienische Seenotrettungsleitstelle alle Einsätze von staatlichen Booten und NGO-Schiffen, nicht nur in der italienischen Such- und Rettungszone, sondern in allen internationalen Gewässern zwischen Italien und Libyen. Die Stelle in Rom nahm Notrufe entgegen, informierte alle Schiffe in der Umgebung, schickte Küstenwachboote, koordinierte Transfers von Geretteten zwischen den Schiffen sowie ihre Ausschiffung in sicheren Häfen. Sie hat so Abertausenden von Menschen das Leben gerettet.

Doch 2018 wurde auf das Betreiben der EU-Staaten und mit ihrer massiven Unterstützung eine libysche Seenotrettungsleitstelle mit eigener Such- und Rettungszone eingerichtet, die nun für die Seenotrettung in dem Gebiet verantwortlich ist, in dem die meisten Menschen sterben. Sie ist aber nicht in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Meistens geht dort nicht einmal jemand ans Telefon.

Sobald wir mit der Ocean Viking in diese neue libysche Such- und Rettungszone einfuhren, war das staatliche Seenotrettungssystem für uns nahezu unsichtbar. Jedes Mal, wenn wir die Zone erreichten, informierten wir die libysche Leitstelle per Mail über unsere Anwesenheit und Verfügbarkeit für Rettungsaktionen. Eine Antwort erhielten wir nicht. Seenotmeldungen an die Schiffe der Umgebung, die 2017 aus Italien ständig eingingen, gab es von der libyschen Stelle praktisch nicht mehr (mit einer Ausnahme), obwohl die libysche Küstenwache in derselben Zeit mehrfach zu Booten in Seenot beordert wurde und die Menschen dann nach Libyen zurückbrachte. 

Alle drei Schlauchboote, die wir im Oktober fanden, fanden wir ohne staatliche Hilfe: Zwei davon durch die NGO Alarmphone, die Notrufe entgegennimmt und alle Rettungsleitstellen und Schiffe der Umgebung darüber informiert. Und das letzte durch die „Deckwatch“-Schicht des Teams von SOS Mediterranee, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit Ferngläsern Ausschau hielt. 

Vor, während und nach den Rettungen kontaktierten wir bei jedem Schritt die libysche Leitstelle, die eigentlich dafür zuständig ist, die Aktionen zu koordinieren. Antwort kam jedes Mal erst mehrere Stunden nach der Rettung, mit der Aufforderung, die Menschen nach Libyen zurückzubringen. Natürlich lehnten wir das ab. Libyen ist nicht sicher, eine Rückführung ins Kriegsgebiet ist illegal – doch das hält die EU-Staaten nicht davon ab, diese Rückführungen durch die libysche Küstenwache mit Geld und Schiffen erst zu ermöglichen.

Ihre eigenen Schiffe, die bis 2018 Menschen in Seenot gerettet haben, haben die EU-Staaten längst aus dem Marineeinsatzes EUNAVFORMED-Sophia zurückgezogen. Die EU begegnete uns draußen auf dem Meer nur noch in Gestalt von Flugzeugen, die von dem Einsatz übrig sind. Die Ocean Viking hat diese Flugzeuge dann jeweils angefunkt, um zu fragen, ob sie Flüchtlingsboote ausgemacht haben. Meistens haben die Piloten nicht einmal geantwortet.

Wie viele Boote verschwinden unbemerkt?

In den Monaten zuvor war es mehrfach vorgekommen, dass die EU-Flugzeuge, die die Kommunikation verweigerten, in einiger Entfernung über irgendetwas kreisten. Die Ocean Viking war dann jeweils an diese Position gefahren und hatte dort Flüchtlingsboote in Seenot gefunden. Die Besatzungen der Flugzeuge hatten unter sich jeweils das Boot in Seenot gesehen, sowie in einiger Entfernung die Ocean Viking, die zu Hilfe kommen konnte. Benachrichtigt haben sie das Rettungsschiff aber nicht.

Nach der dritten Rettung fuhr ich mit dem Team hinaus, das ein letztes Mal an das nun leere Schlauchboot heranfuhr, um es für weitere Überfahrten untauglich zu machen: Die umlaufenden Gummi-Luftkammern des schwarzen Schlauchboots wurden aufgeschlitzt, der Motor versenkt. Was übrig blieb, waren die Überreste auf dem verstärkten Holzboden des vielleicht sechs Meter langen Boots, in dem sich 104 Menschen zusammengedrängt hatten: ein paar salzwassergetränkte Kleidungsstücke, Plastiktüten, Trinkflaschen und zwei aufgeblasene Autoreifen, die im Notfall Schwimmwesten ersetzen sollten. Außerdem ein Karton voller Brot, Plastikbehälter voll Trinkwasser und relativ viel Treibstoff. Offenbar wollten sie die italienische Insel Lampedusa in diesem Boot erreichen.

Etwas Anderes hatten die Menschen nach allem, was sie uns erzählten, nicht an Bord: Ein Satellitentelefon. Im Notfall hätten sie keine Hilfe rufen können – das Boot wäre wohl untergegangen, ohne dass überhaupt jemand von seiner Existenz gewusst hätte. Es war reines Glück, dass unser Team es in den Weiten des Meeres per Fernglas gefunden hat. 

Wie viele Boote brechen wohl ohne Satellitentelefon aus Libyen auf und verschwinden, ohne dass ihre Insassen auch nur in die Statistik der Toten eingehen?

„Ich werde nicht mehr sterben“ 

Kurz bevor wir nach zwölf Tagen Warten endlich einen Hafen anlaufen durften, kam einer der jungen Männer zu mir und fragte, ob wir nicht einen Kopierer an Bord hätten. Er wolle gerne seine Texte für uns kopieren. Und er präsentierte mir einen Stapel Blätter, auf denen er Gedichte geschrieben hatte: über die Verzweiflung in Libyen, über den Dank für die Rettung. Eine „Hommage an die Migranten“, an jene, die überlebt haben, genauso wie an jene, die in der Wüste oder auf dem Meer geblieben sind: „Es war ihr Schicksal“.

Andere Überlebende zeichneten ihre Erlebnisse. Die Wände der Container wurden nach und nach zu Ausstellungsflächen ihrer Zeichnungen. Meist waren Schlauchboote zu sehen, oft die „Ocean Viking“. Wieder andere bemalten ihre T-Shirts, weitere trommelten und tanzten, einige bastelten aus einem aufgeblasenen und mit Klebeband umwickelten Einweghandschuh einen Fußball, den sie auf Deck in der Luft jonglierten. Manche beteten, andere spielten Karten. Eine Gruppe von fünf jungen Mädchen unter 12 Jahren machte das Deck unsicher, verwandelte es zeitweise in einen Laufsteg, auf dem sie vor ihren Müttern ihre gespendete Kleidung präsentierten. 

Und jeder hatte seine eigene Geschichte. Alle, mit denen ich sprach, legten Wert darauf, mir verständlich zu machen, warum sie zuallererst ihr Zuhause verlassen hatten. Manche flohen vor Krieg und Gewalt, andere vor Perspektivlosigkeit oder um die Familie zu ernähren, viele Frauen und Mädchen vor Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung oder aus unglücklichen Ehen. Manche kamen zielgerichtet nach Europa, andere hatten eine ganze Odyssee mit Stationen gescheiterter Pläne hinter sich. 

Ein paar wenige waren nur drei Wochen in Libyen gewesen, andere vier oder fünf Jahre lang. Alle wollten weg aus Libyen, manche betonten, sie wären lieber gestorben als länger zu bleiben. Manche hatten schon drei-, viermal versucht, das Meer zu überqueren. Ein paar hatten es nicht einmal bewusst geplant – sie hatten nichts bezahlt. Offenbar wollte die libysche Moscheegemeinde, auf deren Gelände sie hausten, sie loswerden – und organisierte die Plätze auf dem Schlauchboot. Manche hatten panische Angst, als sie aufs Meer gingen. Eine junge Frau, die zuvor ihre Tante und deren Sohn durch ein Bootsunglück verloren hatte und die selbst beinahe ertrunken wäre, beschrieb mir, wie in ihr die Panik aufstieg, als sie zum ersten Mal wieder das Salzwasser roch. Alle gingen tief in der Nacht aufs Wasser.

Eine winzig kleine Ahnung von der Gottverlassenheit in einem überfüllten Schlauchboot auf dunkler See bekam ich während der Suche nach dem ersten Boot, das wir mitten in der Nacht finden mussten. Stundenlang pflügten wir durch ein schwarzes Nichts, Dunkelheit vor uns, hinter uns, um uns. Irgendwo da mussten sie sein, Körper an Körper auf dem überfüllten Boot, ein paar Handbreit über den wogenden Wellen, nur einen lächerlichen Gummischlauch zwischen sich und dem sicheren Tod. Ringsum nichts als Wasser und fröstelnder Wind, unendlich weit oben ein paar Sterne, und als einziger Orientierungspunkt in dieser unwirtlichen Welt der Schein der Gasfackel einer Bohrplattform, die sie angesteuert hatten, und vor der sie nun ziellos auf den schwarzen Wellen trieben. Selbst mit dem Feuerschein in der Nähe war es eine große Herausforderung für unsere Schnellboote, das Schlauchboot in der Dunkelheit zu finden.

„Ich werde nicht mehr sterben“, heißt es in dem Gedicht über den Moment, als unser Rettungsschiff auftauchte: „Die Ocean Viking holt mich weg vom Tod“.

Vor dem Meer sind alle gleich

Einen Tag, nachdem wir wieder in Marseille angelegt hatten, stieg ich hinauf zur Kirche Notre-Dame de la Garde, dem Wahrzeichen der Stadt, mit seinem gewaltigen Blick über die Stadt und das Meer. Es war ein stürmischer Tag, der Wind pfiff um den Turm, und die See ging schwer. Bedrohlich und dunkel und mit wogenden Schaumkronen schlugen die Wellen gegen die Inseln in der Bucht, darüber der Himmel genauso dunkel und drohend. Und dazwischen verloren sich in einem diesigen weißen Band am Horizont die Weiten des Meeres. Ich stand und schaute, es war ein gewaltiges Schauspiel. Dann wurde der Wind noch stärker, es begann zu regnen, und die Kirchenbediensteten begannen, die Plattform zu sperren, weil sie Unfälle fürchteten.

Drinnen in der goldglänzenden Basilika, die von all den kulturellen Einflüssen erzählt, die über das Mittelmeer hier ankamen, bekam ich eine Ahnung davon, wie stark das Meer das Bewusstsein dieser Stadt geprägt hat. Seit Jahrhunderten ist die Kirche die Bitt- und Dankeskirche der Seeleute. Sie ist voller Rettungsringe, Ölbilder von Schiffen in stürmischen Fluten, Gedenktafeln für die Opfer von Unglücken mehrerer Jahrhunderte. Von der Decke hängen Dutzende Schiffsmodelle, von altertümlichen Segelschiffen bis zu modernen Einsatzbooten, gestiftet aus Dank zur Errettung aus Seenot. Im Mittelpunkt über der Marienstatue ein Mosaik, auf dem sich eine Barke durch die tosende See kämpft, von einem Leuchtturm in den sicheren Hafen gelotst. 

À tous les naufragés envelis dans le linceuil des flots“, steht draußen an der Fassade auf einer Steinplatte unter einer etwas altertümlichen Schiffslaterne: „Allen Schiffbrüchigen, eingehüllt in das Leichentuch der Fluten“. Davor, Richtung Meer, ein aus einem Anker geschmiedetes Denkmal für die Opfer aktueller Unglücke, das letzte wenig mehr als einen Monat her. Auch den verstorbenen Bootsflüchtlingen wird hier gedacht. Die Kirche erzählt viele Geschichten von Gefahr, Untergang und Errettung, vom Ausgeliefertsein ans Schicksal auf dem Meer, vom Flehen um Hilfe, vom Zusammenhalt der Davongekommenen, vom Andenken an die Toten. Das alles hat hier die Menschen über die Jahrhunderte hinweg bewegt und seine Spuren hinterlassen: Vor den Naturgewalten des Meeres sind alle gleich, und die Hilfe für jene in Not ist selbstverständlich und Ausdruck des gemeinsamen Menschseins.

Als ich wieder in die Stadt hinunterstieg, hatte ich das Gefühl, Europa habe sein Erbe verraten.“