Mittelmeer

2016 tödlichstes Jahr auf dem Mittelmeer - Die EU ist mitverantwortlich und darf nicht länger zuschauen

Ein Crewmitglied der "Dignity I" hält während einer Rettung am 16. Oktober einen kleinen Jungen. Ein Großteil der Geretteten sind minderjährig. Meist sitzen sie mit ihren Müttern in der Mitte der schwachen Boote. Aber wenn es Risse gibt und Wasser eintritt, sitzen sie dort in der gefährlichsten Position. 

Nach den jüngsten Unglücken von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer ist die Zahl der Toten in diesem Jahr nach Angaben der "International Organisation for Migration" (IOM) auf mehr als 4.200 gestiegen. 2016 ist damit schon jetzt das Jahr mit den meisten Todesfällen im Mittelmeer. Auch die Schiffe von Ärzte ohne Grenzen haben im Oktober mehrfach Leichen von verunglückten Booten geborgen. Nicholas Papachrysostomou, Einsatzleiter auf dem Rettungsschiff "Dignity I" von Ärzte ohne Grenzen, erinnert sich an zwei dramatische Rettungen im Oktober.

„Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir am 22. Oktober um kurz nach vier Uhr auf rauer See vor der Küste Libyens fuhren. Nach einem anstrengenden Vortag, war die „Dignity I“ schon fast voll besetzt. Wir wurden zur Rettung eines weiteren Gummiboots nicht weit von uns gerufen. Ohne zu wissen, was uns erwartete, erreichten wir schnell die Position von zwei nur noch halb mit Luft gefüllten Booten. Das Bild, das sich uns bot, übertraf unsere schlimmsten Albträume: Auf den vollen Gummiboote waren Dutzende Menschen in Panik. Sie fühlten sich verloren in der Dunkelheit und der unermesslichen Weite des Meeres. Sie wollten nur noch gerettet werden und konnten weder abwarten, noch hörten sie auf uns.

Bevor wir entscheiden konnten, wie wir vorgehen wollten, sprangen die Ersten bereits ins Wasser. Sie schrien und griffen nach unseren aufblasbaren Rettungsbooten. Wir halfen ihnen an Bord, aber als die anderen das sahen, dachten sie, dass es ein sicherer Weg wäre, um gerettet zu werden. Innerhalb weniger Minuten waren vielen von ihnen im Wasser, und die Teams arbeiteten pausenlos daran, sie an Bord zu bringen. Viele waren bewusstlos, hatten Verätzungen oder waren kurz vor dem Ertrinken….

Währenddessen hatten wir das Boot an die Seite der „Dignity I“ herangezogen und festgemacht. Und da erkannten wir erst das wahre Ausmaß der Tragödie: In dem Boot schwammen neun Leichen. Wasser war eingetreten und Frauen und Kinder, die normalerweise in der Mitte saßen, waren niedergetrampelt worden und schließlich in dem Mix aus Treibstoff und Wasser gestorben.

 

Ein schwimmender Friedhof

Meine Kollegen banden diesen „schwimmenden Friedhof“ an die „Dignity I“, damit die Körper später geborgen werden konnten. Am selben Tag retteten wir innerhalb von acht Stunden acht weitere Boote in Seenot. Weil wir nicht genug Platz an Bord hatten, wurden die Boote nur noch gesichert, Rettungswesten verteilt und die Schwächsten an Bord geholt. Während der letzten Rettungsaktion, entdeckten wir aber ein Boot, das zu sehr beschädigt war. Ausnahmsweise holten wir daher alle Insassen an Bord. 668 Menschen befanden sich jetzt auf der „Dignity I“, Alle mussten von Treibstoff gereinigt werden, etwas zu essen bekommen und am wichtigsten: Wir mussten sie über ihre verstorbenen Angehörigen informieren.

Für alle von uns war es sehr hart, mit dieser Situation umzugehen. Leider sind diese Bilder vom Mittelmeer so sehr zur Gewohnheit geworden, dass es schwierig ist, auf das Leiden der Menschen aufmerksam zu machen.

Der Oktober war für uns der entsetzlichste Monat des Jahres, auch wegen des schlechten Wetters mit Stürmen und hohen Wellen vor dem Wintereinbruch. Mehr als 4.200 Menschen sind in diesem Jahr im Mittelmeer gestorben oder werden vermisst. Schon zwei Monate vor Jahresende ist 2016 somit das Jahr mit den meisten Todesfällen im Mittelmeer. Die Tragödie könnte noch viel größer sein. Allein die drei Schiffe mit Teams von Ärzte ohne Grenzen (Aquarius, Bourbon Argos und Dignity I) haben seit Januar fast 18.000 Menschen aus Seenot gerettet. Jeder einzelne dieser Menschen hat eine Geschichte und ein Gesicht. Sie fliehen vor Kriegen, Diskriminierung, Gewalt und dem Mangel an Ressourcen.

Tote ohne Namen

Am 3. Oktober – ein weiterer trauriger Höhepunkt – waren wir zusammen mit einem irischen Kriegsschiff an einer Rettung beteiligt. Sie waren schon da, als wir ankamen und sahen, dass einige Menschen schon längere Zeit im Wasser waren. Einige hatten schon Treibstoff eingeatmet und eine Menge Salzwasser geschluckt. Sie waren kurz vor dem Ertrinken und unser Schiffskrankenhaus war deshalb in kürzester Zeit brechend voll. Eine 34 jährige schwangere Frau aus Nigeria konnte nicht wiederbelebt werden und starb.

Doch das war erst der Anfang: Während das medizinische Team Dutzende Patienten mit Verätzungen und anderen Problemen behandelte, fingen unsere Passagiere an, mir schwierige Fragen zu stellen. Eine Frau fragte mich, wo ihre Kinder seien, aber wir hatten keine Kinder mehr an Bord, die zu ihr gehören könnten. Später erzählten uns die Verantwortlichen des irischen Schiffes, dass während der chaotischen Rettung sechs Leichen nicht mehr von dem Boot geborgen werden konnten. Diese Menschen sind anonym gestorben. Sie wurden nicht registriert, weil ihre Körper im Meer davongetrieben sind.

Als ich der Mutter davon berichtete, brach sie vor mir zusammen. Sie hatte versucht, ihre zwei Kinder festzuhalten, aber das Boot brach auseinander. Sie fand sich im Wasser wieder, wo sie sie nicht mehr festhalten konnte. Sie hatte gehofft, dass sie irgendwo noch am Leben waren. Aber das waren sie leider nicht - ebenso wenig wie vier weitere Erwachsene.

„Dringend legale und sichere Fluchtwege schaffen“

Niemand verdient es, anonym auf hoher See zu sterben. Doch wie viele Anstrengungen Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen auch unternehmen werden, um diese Tragödie zu mildern: Das Sterben wird weitergehen. Wir werden auch weiterhin in Situationen geraten, die unsere schlimmsten Albträume übertreffen.

Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten können nicht weiter zuschauen und Komplizen sein. Sie müssen ihre Politik gegenüber Flüchtlingen und Migranten, die an ihren Grenzen ankommen, ändern. Anstatt sich auf Abschreckungsmaßnahmen und Abkommen zur Grenzsicherung und Rückführung der Menschen zu konzentrieren, sollte Europa mehr in die Aufnahmekapazitäten nach EU-Standards investieren. Zudem muss ein Konzept entwickelt werden, um den medizinischen und humanitären Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, die an den Außengrenzen ankommen. Europa muss das Recht der Menschen, Asyl zu beantragen, anerkennen und dringend legale und sichere Fluchtwege schaffen."