Mitarbeiterinnenporträt: Parnian Parvanta, Gynäkologin

Parnian Parvanta (hinten rechts) und ihre Kollegen im Operationssaal in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen in Jahun, Nord-Nigeria.
GynäkologInnen

Kurzprofil

Einsatzland: Nigeria
Alter: 36

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Uniklinik Mainz

Ausbildung:

Medizinstudium, Facharztausbildung Gynäkologie und Geburtshilfe

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2011 Zentralafrikanische Republik

2013/2014 Indien

2017/2018 Nigeria

Sprachkenntnisse:

Englisch habe ich in allen drei Projekten gebraucht, natürlich war die Kommunikation vor allem in Indien und in Nigeria mit den nationalen und internationalen Kollegen auf Englisch. Aber nicht nur in Wort, sondern auch in Schrift habe ich Englisch gebraucht, z.B. für die Kommunikation mit unseren Kolleginnen und Kollegen in der Hauptstadt oder in den Zentralen, wenn wir bei schwierigen Fällen Spezialisten, die etwa in Amsterdam oder Sydney saßen, um Rat gefragt haben.

Meine Französisch-Kenntnisse waren, bevor ich in die Zentralafrikanische Republik gegangen bin, eher dürftig. Entsprechend ist mir die Arbeit am Anfang im Projekt sehr schwer gefallen. Daher habe ich die letzten Jahre weiter an meinem Französisch gearbeitet, damit ich das nächste Mal in einem französischsprachigen Projekt nicht so schwimmen muss.

Persisch ist meine Muttersprache und hat mir vor allem in Indien geholfen, da es einige Überschneidungen mit Hindi gibt und ich vieles verstanden habe. Daher habe ich nun auch etwas Hindi-Grundkenntnisse.

Und Deutsch: Es gibt in den internationalen Teams immer wieder noch ein oder zwei Deutsche und es ist auch schön, sich dann auf Deutsch zu unterhalten.

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

„Die Mitleidsindustrie“ habe ich in der Bibliothek in unserer Unterkunft in Nigeria gefunden: ein sehr kritisches und sehr gutes Buch, um auch nochmal reflektiert über die eigene Arbeit nachzudenken…

Ebenfalls in der Bibliothek in Nigeria habe ich „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ von Salman Rushdie gefunden, ein begnadeter Schriftsteller der das aktuelle politische Weltgeschehen so wunderbar entrückt in eine fiktive Welt mit Philosophen über Computerhelden und Dschinns darzustellen weiß.

Musik, die ich gehört habe:

Einmal querbeet alles über Persisch/Afghanisch, Deutsch, Englisch - und natürlich gerne aktuelle nigerianische Musik!

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Die Geburtsklinik in Jahun im Norden Nigerias wird seit 2008 von Ärzte ohne Grenzen geführt. Wir haben dort ca. 800 Geburten im Monat, wobei man dazu sagen muss, dass die meisten Frauen immer noch vor allem zu Hause entbinden und nur bei Komplikationen in die Klinik kommen. Unser Ärzte-Team bestand aus zwei internationalen Gynäkologen, einem Intensivmediziner und zwölf nationalen Assistenzärzten.

Den Tag haben wir morgens um acht Uhr mit der Visite auf unserer Intensivstation begonnen. Von dort ging es weiter in die „Pre-Delivery“, den Bereich, in dem Frauen aufgenommen wurden, die unter Geburt waren. Meist sind wir schon während der Visite oder direkt danach mit dem ersten Fall in den OP gegangen – je nachdem, ob in der Zwischenzeit ein Notfall eingetroffen war. Häufig habe ich den Tag dann vor allem im OP verbracht.

Zwischen den Operationen habe ich mit meinen Kollegen, die die Patientenaufnahme gemacht oder die stationären Patientinnen betreut haben, Patientenfälle besprochen, komplizierte Geburten begleitet oder gemeinsam Notfälle behandelt.

Abends um 18 Uhr war dann nochmal eine Visite zur Übergabe und dann hat der Nachtdienst übernommen und der Tagdienst konnte dann meist nach Hause gehen, essen, duschen, schlafen...

Meist wussten wir am Morgen nicht, was der Tag mit sich bringt, aber wir konnten eigentlich immer sicher sein, dass jeder Tag viele medizinische Überraschungen bereit hält. Ich hatte manchmal das Gefühl, täglich aufs Neue Patientinnen mit Krankheitsbildern anzutreffen, die ich in der Form nie zuvor gesehen hatte. Und je länger ich dort war, desto erstaunter war ich, wie resilient unsere Patientinnen waren und wie viel der Mensch durchstehen kann!

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Ich habe gelesen, mit Familie und Freunde gechattet, Yoga gemacht oder gemeinsam mit internationalen Kollegen den Abend ausklingen lassen.

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

Das war die Zusammenarbeit mit meinen nationalen Kolleginnen und Kollegen. Ich hatte das Glück, mit einem sehr erfahrenen und motivierten Team zusammenarbeiten zu dürfen. Mein Team hat trotz der harten Arbeit und den häufig schwierigen Umständen nie die Freude an der Arbeit verloren und der Spaß, den meine Kollegen an der Arbeit hatten, war einfach ansteckend! Ich habe sowohl fachlich als auch menschlich unglaublich viel mitgenommen.

Und auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, dass ich von Nigeria eigentlich nichts gesehen habe, hatte ich doch das Gefühl einen Blick in ganz Nigeria werfen zu dürfen. Denn unsere nigerianischen Kollegen stammten aus den verschiedenen Landesteilen mit verschiedenen Sprachen und Kulturen dieses facettenreichen Landes. Es war mir eine unglaubliche Ehre und Freude mit diesem Team zu arbeiten!

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Eigentlich hat mir nur gefehlt, dass ich nicht dabei sein konnte, während meine Familie über Weihnachten und Silvester zusammen war.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich werde weiter an meiner Klinik in Deutschland arbeiten und plane regelmäßige Einsätze mit Ärzte ohne Grenzen.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Es gibt viele schöne Erinnerungen:

  • Wenn wir im Team nach einer schwierigen Geburt oder Operation total übergesprudelt sind vor Freude und gemeinsam gelacht haben und dann schon albern vor Freude wurden.
  • Die Entbindung der Frau eines Mitarbeiters, während er ihr selbst die Spinalanästhesie gegeben hat und wir alle das Kind gefeiert haben - es war ein Fest im und während der OP.
  • Ein schreiendes und lebendes Kind, bei einer Patientin die sehr stark geblutet hatte. Wir mussten notfallmäßig operieren und hatten aufgrund des Blutverlustes nicht mehr mit einem lebendem Kind gerechnet.
  • Ein Frühchen, das uns trotz schwieriger Bedingungen und einer komplizierten Operation aus tiefster Kehle anschrie, nachdem wir es endlich entbunden hatten.
  • Überhaupt waren schreiende Kinder nach jeder schwierigen Geburt oder jedem Kaiserschnitt ein Fest für meine Ohren!
  • Meine ersten Drillinge.
  • Die Zeit mit meinen nigerianischen Kollegen, in der wir einfach nur Spaß miteinander hatten und zusammen gelacht haben.
  • Gespräche und Philosophieren über Gott und die Welt mit meinen nigerianischen Kollegen.

Ich glaube ich könnte ewig weitermachen. Es gab einfach sehr viele sehr schöne Momente, für die ich alle sehr dankbar bin!