Mitarbeiterporträt: Miguel de Sousa Mendes, Arzt

ÄrztInnen

Kurzprofil

Einsatzland: Indien
Alter: 31

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Eine der größten Geburtskliniken des Landes in Berlin

Ausbildung:

Arzt in der Facharztweiterbildung für Gynäkologie und Geburtsmedizin

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2016 in Indien

Sprachkenntnisse:

Portugiesisch, Englisch (vor allem in dem Projekt wichtig), Deutsch, Spanisch; Hindi wäre natürlich ein riesiges Plus gewesen, das war aber leider recht schwierig zu organisieren …

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

Nur eins?? “Shantaram” von Gregory David Roberts, “White Tiger” von Aravind Adiga, “A Fine Balance von Rohinton Mistry”, u.a.

Musik, die ich gehört habe:

Cut Copy, Rolling Stones (perfekt zum Joggen), viele viele indische Musik-Gruppen

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Ich habe in Chattisgarh gearbeitet. Um acht Uhr morgens hatten wir, das Team im Mutter-Kind-Zentrum, eine Besprechung mit Sicherheits-Updates und Berichten über die durchgeführten und geplanten Aktivitäten. Vormittags gab es dann Visite auf der Kinder- und Wochenbettstation und in zwei ambulanten Sprechstunden (für Pädiatrie und für Geburtsmedizin / Familienplanung). Ich bin mit Schwangeren dreimal die Woche zum Ultraschall zum Kreiskrankenhaus gefahren.

Natürlich hatten wir - ungeplant - auch jederzeit Geburten bei uns. Das heißt auch, dass ich 24h/Tag, 7 Tage/Woche als Rufbereitschaft für die Klinik zuständig war. Das war die größte Herausforderung, denn es gab im Umkreis von mehr als 200 km niemanden außer mir, der richtige Erfahrung in Geburtshilfe hatte. 

Pädiatrische Fälle wurden von einer internationalen Kollegin, einer Kinderärztin, betreut (außer wenn sie im Urlaub war).

Dazu habe ich das Tuberkulose-Programm geleitet und war dadurch in viele Besprechungen mit dem Team in unserem Zentrum und auch mit dem Regierungs-Team im Kreiskrankenhaus involviert. Die Tuberkulose-Patienten sind regelmäßig unter der Woche zu uns gekommen, es gab auch manchmal Perioden, in denen sie gar nicht aufgetaucht sind und wir sie Zuhause in den Dörfer besuchen mussten, um deren Schwierigkeiten zu evaluieren und um eventuell unseren Therapieplan zu ändern.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Viel gelesen, mich mit meinen Kollegen entspannt, meditiert, ich bin gelaufen, habe mir die Fußball-EM angeschaut (ich bin ja Portugiese...).

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

In diese wunderbare Kultur durch ein großartiges Team (von Indern und internationalen Kolleginnen und Kollegen) eintauchen zu dürfen. Und dass ich dann z. B. lernen musste mit Situationen umzugehen, in denen ich mich gefragt habe: „Was mache ich, wenn keiner mir weiterhelfen kann?“ Ich musste dann die Entscheidung selbst treffen und dazu stehen. Und von einer ganz anderen Ebene Medizin auszuüben: viel Pädiatrie, viel Training, mit wenigen Ressourcen zu arbeiten, mich auf meinen klinischen Blick zu verlassen, und vieles Anderes.

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Nicht viel, muss ich sagen. Es war natürlich schwierig, weit weg von bestimmten wichtigen Menschen zu sein, aber sonst hat mir nichts Materielles wirklich gefehlt. Die Erfahrungen in Indien haben mich in einer besonderen Art erfüllt.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Erst möchte ich meinen Facharzt zu Ende machen. Wenn ich das hinter mir habe, zurück dahin, wo mein Herz schlägt, wieder ins Projekt mit Ärzte ohne Grenzen als „richtiger“ Geburtsmediziner.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Die Momente, in denen das Team alle Ängste weggeschoben hat und in perfekter Harmonie schwer kranke mangelernährte Menschen (z.B. Erwachsene mit Tuberkulose und einem Gewichte unter 25 kg) sowie Mütter und Neugeborene gerettet hat (etwa nach sehr komplizierten Geburten z.B. mit Beckenendlage oder bei Frauen, die mehrere Totgeburten in ihrer Vorgeschichte hatten). 

Und die frische Luft auf meinem Gesicht, als ich in einem Jeep mitten in der Nacht zwischen Dutzenden Kühen wieder heimfuhr.