Mitarbeiterinnenporträt: Nicki Bennett, stellvertretende Landeskoordinatorin

Projekt-Koordination

Kurzprofil

Alter: 38

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Noch nie – ich habe immer im Ausland gearbeitet.

Ausbildung:

Studium an der University of London (BA in Social & Political Studies), mehr als zwölf Jahre in NGOs und UN-Organisationen (Kommunikationsabteilung,  als Freiwillige in Guatemala, humanitäre Einsätze u.a. im Südsudan, Kongo und in Pakistan) und nebenbei ein Fernstudium (MSc in Development Management).

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2015-2016 Demokratische Republik Kongo

Sprachkenntnisse:

Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch. Mit unseren kongolesischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich nur Französisch gesprochen, auch wenn einige (besonders im Management-Team in Goma) gut Englisch sprechen. Außerdem habe ich einen zehnwöchigen Swahili-Kurs gemacht (leider nur eine Stunde die Woche, mehr Zeit war nicht drin), somit konnte ich mich zumindest vorstellen und hier und da ein paar kleine Dinge auf Swahili sagen, was immer mit einem großen Grinsen belohnt wurde.

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

Die Elena-Ferrante-Triologie – für das Eintauchen in eine ganz andere Welt. Das erste Buch, das ich mir allerdings vor der Ausreise in den Kongo auf meinen eReader heruntergeladen hatte, war „Searching for Mary Poppins“, ein Buch über die spezielle Beziehung zwischen Müttern und Nannys. Der Einsatz in Nord-Kivu war mein erster humanitärer Einsatz mit unserer kleinen Tochter Emilia (bei Ankunft in Goma sechs Monate alt), und ich hatte noch nie zuvor direkte Erfahrungen mit einer Nanny gehabt. Glücklicherweise machten wir dann auch mit unserer kongolesischen Nanna Adele eine tolle Erfahrung.

Musik, die ich gehört habe:

Deutsche Kinderlieder und Volkslieder mit meiner Tochter! Wenn sie im Autositz auf längeren Fahrten mal geweint hat, sangen mein Mann und ich immer „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“, und das Weinen hörte prompt auf.

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Als Deputy Head of Mission arbeitete ich ziemlich viel im Büro in Goma – entweder in Meetings mit meinem Team, oder ich telefonierte und beantwortete E-Mails. Außerdem war ich dafür zuständig, die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen mit anderen Organisationen oder Gruppen zu koordinieren. In Nord-Kivu muss Ärzte ohne Grenzen viel Zeit und Aufwand investieren, damit unsere Mitarbeiter sich sicher um Patienten kümmern können, und damit humanitäre Prinzipien wie Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität von allen Gruppen respektiert werden.

Das heißt, ich traf mich fast jeden Tag mit anderen humanitären Organisationen (anderen NGOs oder UN-Organisationen), mit Leuten des kongolesischen Gesundheitsministerium, mit Vertretern der kongolesischen Armee, den UNO-Blauhelmen oder auch mit verschiedenen aufständischen Gruppen, die in unseren Einsatzgebieten im Konflikt mit der Regierung stehen.

Mindestens ein Mal im Monat verbrachte ich außerdem ein paar Tage in einem unserer vier Projekte, um die Teams vor Ort zu unterstützen.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Die Landschaft im Ost-Kongo ist unglaublich schön. Der Garten des Hauses, in dem ich mit meiner Familie wohnte, liegt direkt am Kivusee – eine spektakuläre Aussicht! So saßen wir meist am Wochenende mit Freunden im Garten, manchmal fuhren wir auch zu Badestellen oder zum Strand zum Schwimmen (in Goma selbst ist das Wasser leider nicht sehr sauber, aber nur 20 Minuten weiter, z. B in Gysenyi, Rwanda, ist es herrlich). Natürlich gibt es in Goma auch ein paar nette Cafés und Restaurants und kulturelle Veranstaltungen wie das Amani Musikfestival oder Filmabende und -feste.

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

Die Arbeit im Team. Ich arbeite sehr gerne im Kongo (dieser Einsatz war für mich der dritte dort), und ich schätze insbesondere die herzliche und gastfreundliche Art der Bevölkerung dort. Trotz der vielen verschiedenen Konflikte im Land gehen die Menschen sehr offen auf einen zu und teilen ehrlich ihre Meinungen mit. Von unseren kongolesischen Kolleginnen und Kollegen habe ich wahnsinnig viel über unsere Projekte und den Kontext in unserem Einsatzgebiert gelernt. Auch die Arbeit mit dem internationalen Team war toll – die meisten internationalen Mitarbeiter sind wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache, was ich vorher selten so erlebt habe. Ich habe während meines Aufenthaltes viele neue Freundschaften geschlossen und halte auch jetzt noch Kontakt zu vielen Kollegen.

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Für mich war Goma während meines Einsatzes mein Zuhause – ich hatte ja auch meine Familie dabei. Ich freue mich zwar immer auf die Rückkehr nach Berlin und auf meine Freunde und Familie dort, aber wirklich gefehlt hat mir im Kongo nichts.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Unsere Familie ist 2016 zurück nach Berlin gekommen, da ich mit unserem zweiten Kind schwanger war. Isabel ist im November geboren. Momentan genießen mein Mann und ich ein bisschen Elternzeit, aber ab Sommer 2017 werden wir uns nach neuen Aufgaben umsehen, gerne auch wieder mit MSF, solange es an einem Ort ist, wo die ganze Familie zusammen sein kann.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Während meines Aufenthaltes im Kongo hatten wir in unserem Projekt in Mweso große Schwierigkeiten aufgrund der heiklen Sicherheitslage. Wir behandeln dort jährlich rund 185.000 Menschen, insbesondere viele Frauen und Kinder. Und dennoch entschlossen wir uns aus Sicherheitsgründen schweren Herzens das Projekt zu schließen.

Wir arbeiteten intensiv daran, die Sicherheitslage in der Region zu verstehen und Unterstützung für unsere Aktivitäten zu suchen. Nach drei Monaten konnten wir dank der Hilfe der lokalen Bevölkerung, der Regierung und den aufständischen Gruppen das Projekt wieder eröffnen, nachdem wir von allen Bezugspersonen und –gruppen neue Sicherheitsgarantien erhalten hatten.

Als unser erster Konvoi wieder nach Mweso fuhr, trafen viele Frauen und Kinder unsere Autos schon kilometerweit vor dem Krankenhaus, rannten jubelnd neben unserem Team her und feierten die Rückkehr mit vielen Liedern. Auch heute kommen mir noch die Tränen, wenn ich die Videos von diesem Moment sehe und wenn ich daran denke, wie wichtig die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen für die Bevölkerung ist.