Mitarbeiterinnenporträt: Sayakci, Öznur, Psychologin & Psychotherapeutin

Psychosoziale BeraterInnen

Kurzprofil

Einsatzland: Äthiopien
Alter: 32

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland

Berliner Kompetenzzentrum für Sozialpsychiatrie, Neurologie und Psychotherapie (kadem.berlin)

Ausbildung:

Master Klinische- und Gesundheitspsychologie, Approbation zur Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeutin

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2019-2020 Äthiopien

Sprachkenntnisse:

Türkisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch. Vor allem Englisch war essentiell für die Arbeit im Projekt. Aus eigenem Interesse frischten wir unter Kolleg*nnen unsere Kenntnisse in Französisch und Spanisch auf – bei dieser Initiative konnten wir auch viel miteinander lachen.

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

“Wabi Sabi: Japanese Wisdom for a Perfectly Imperfect Life” von Beth Kempton 

Musik, die ich gehört habe:

Äthiopische Musik, zu der man Eskista tanzt. Das ist eine Tanzform, bei der die Schultern auf eine besonders interessante Art bewegt werden.

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

“Male mugua – male midit – malpoyndu – chaba gamaal - ….” – dies war mein tägliches Begrüßungsritual im Kule- Flüchtlingscamp. Dort leben seit 2014 mehr als 45.000 Geflüchtete , die zu der Ethnie der Nuer gehören und aus dem Südsudan geflohen sind. Kule liegt in der grünen, sehr feuchten und durch die Botanik an vielen Orten an einen Dschungel erinnernden Region Gambela im Südwesten Äthiopiens. Von dort sind es 30 Kilometer zur südsudanesischen Grenze.

Als „Mental Health Activity Manager“ habe ich die Aktivitäten unserer Abteilung für psychosoziale Hilfe geleitet und deren Arbeit mit meinem Fachwissen bereichert. 20 Mitarbeiter*innen unserer Abteilung waren Nuer und sprachen untereinander auch meist  Nuer.* Unsere gemeinsame Arbeitssprache aber war Englisch.

Wir haben in unserem Gesundheitszentrum und weiteren kleinen Gesundheitsstationen Menschen vor allem mit individuellen Sitzungen zur psychosozialen Unterstützung angeboten. Dazu gehörte auch der Erfahrungsaustausch in Gruppen für Frauen und Aktivitäten wie Malen, Basteln, Tanzen und Singen auf der Station für mangelernährte Kinder. Wir bieten unseren Patient*innen eine Umgebung, in der sie sich sicher fühlen können und wenden eine nicht-wertende Gesprächstechnik an. Meist kommen die Menschen mit Symptomen von Angst und Depression zu uns. Viele erzählten, dass sie einen Großteil ihrer Familie im Krieg verloren haben, dass ihre Ehemänner als Soldaten kämpften, oder auch, dass sie auf der Flucht nach Äthiopien vergewaltigt wurden. Die meisten Klient*innen brachten aber viele eigene Bewältigungsstrategien mit, sodass stark ausgeprägte psychiatrische Krankheitsbilder vergleichsweise selten waren. Die psychosozialen Aktivitäten in Gruppen orientierten sich an diesen Ressourcen: Es gehört zur Kultur, viel zu tanzen und zu singen  - das haben wir aufgenommen. In Gruppengesprächen konnten wir im Erfahrungsaustausch weitere Bewältigungsstrategien entwickeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit war die psychosoziale Beratung und Begleitung von Patient*innen und Familienangehörigen mit schweren, unheilbaren Krankheiten wie HIV/Aids und Tuberkulose.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Schlafen, Essen, Trinken (vor allem “bunna”, äthiopischen Kaffee); täglich hörte ich Vogelgezwitscher, Grillen, sah Frösche, auch mal Schlangen. Ich lernte mehr über Kaffee, habe ihn gemahlen und geröstet. Meine Kolleg*innen brachten mir etwas Amharisch bei, die Amtssprache Äthiopiens. Außerdem tauschten wir uns über kulturelle Sitten und Gebräuche aus.

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

In das dortige Team aus äthiopischen und ursprünglich aus dem Südsudan stammenden Mitarbeiter*innen aufgenommen zu werden! Das landestypische Brot, Injera, und Tegabino – ein Gericht aus Kichererbsen mit äthiopischer Gewürzmischung! Tanzen und Singen mit Patient*innen!

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Straciatella-Eis!

Neben meinen Freund*innen und Familienangehörigen, of course! Aber ich wusste ja, dass wir in absehbarer Zeit wieder zusammenkommen werden, und konnte daher meine Zeit im Camp mehr genießen.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Gerne möchte ich weiterhin in unterschiedlichen Kontexten mit Ärzte ohne Grenzen arbeiten und diese bereichernden Erfahrungen später einmal sinnvoll in meine psychotherapeutische Tätigkeit integrieren zu können. Noch in diesem Jahr werde ich in einem Projekt der Organisation in Belarus arbeiten.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

...dass ich etwas dazu beitragen konnte, dass sich Kalkida, eine 15-jährige Patientin, positiv entwickelt hat! Zu Beginn meines Einsatzes wurde sie mit stark ausgeprägten psychotischen Symptomen bei uns aufgenommen. Mit der Zeit konnten wir sie erfolgreich behandeln! Hier konnte ich beobachten, wie die von uns angebotene psychosoziale Unterstützung zur Besserung unserer Patient*innen beiträgt. Ja, unsere Präsenz war und ist wichtig!

*Die Sprache der Ethnie der Nuer