Mitarbeiterinnenporträt: Ann-Kathrin Schmidt, Kinderärztin

ÄrztInnen

Kurzprofil

Einsatzland: Liberia
Alter: 29

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

In einem Kinderkrankenhaus München, Früh- und Neugeborenenversorgung.

Ausbildung:

Medizinstudium inklusive erster praktischer Erfahrung im Ausland – in Togo und Israel.

Projekt mit Ärzte ohne Grenzen:

2016 Liberia / Monrovia

Sprachkenntnisse:

In Liberia wird neben rund 40 lokalen Sprachen vor allem Englisch gesprochen. Vor der Abreise konnte ich schon auf Englisch Patientengespräche führen, habe aber zur Vorbereitung neue Vokabeln nachgeschlagen. In Liberia habe ich viele medizinische Begriffe dazu gelernt.

Manche Patienten sprachen jedoch Französisch statt Englisch. Ich konnte trotz Anfängerniveau zum Glück einige Sätze auch auf Französisch formulieren, was die Arbeit mit den Patienten erleichtert hat.

Ein Buch, das mich während meines Einsatzes begleitet hat:

„Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ von Joachim Meyerhoff.

Musik, die ich gehört habe:

La Rue Kétanou, Nada Surf, Death Cab for Cutie, sehr viele neue Musiker, die mir Kollegen vorgespielt haben und westafrikanische, elektrolastige und viel zu laute Musik beim Weggehen.

Wie sah dein Einstieg mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Ich bewarb mich ein Jahr im Voraus bei Ärzte ohne Grenzen. So hatte ich noch genug Zeit für einen Tropenmedizinkurs und die anderen Vorbereitungen (Impfungen, Wohnung zwischenvermieten…). Als ich dann abflugbereit war, wurden mir mehrere Projekte als Kinderärztin angeboten und ich konnte eines auswählen.

Was hast du während deiner Zeit im Projekt am meisten geschätzt?

Die Zusammenarbeit mit dem fantastischen liberianischen Team, das mich sehr offen, herzlich und respektvoll aufgenommen hat. Ich habe in den sechs Monaten wahnsinnig viel von ihnen gelernt. Sie haben mir mit viel Geduld die Zeit gelassen, mich an die Kultur anzupassen, mich an die begrenzten medizinischen Möglichkeiten zu gewöhnen und ihr liberianisches Englisch zu verstehen.

Außerdem ist es spannend, mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt zu arbeiten. Wir hatten Japaner im Projekt, Kenianer, Argentinier, Kongolesen, Neuseeländer… Viele haben schon in unterschiedlichen Ländern gearbeitet. Die stundenlangen Gespräche abends bei einem Bier und Kniffel sind wunderbar.

Wie sahen deine Aufgaben aus?

In Monrovia habe ich in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet, das von Ärzte ohne Grenzen gebaut wurde und in dem Kinder unter fünf Jahren versorgt wurden. Früh- und Neugeborene wurden dort ebenso behandelt wie größere Kinder mit Mangelernährung, Lungenentzündung, Malaria oder Vergiftungen.

Ich arbeitete als Supervisorin der „Physician Assistants“, deren Aufgaben mit Assistenzärzten vergleichbar sind. Wir haben täglich ein kleines Training gemacht und zum Beispiel über Masern geredet oder geübt, Abszesse zu öffnen. Dann habe ich mir die schwer kranken Kinder angesehen und bei Bedarf deren Behandlung angepasst. Im weiteren Tagesverlauf habe ich zusammen mit den „Physician Assistants“ und den Krankenschwestern möglichst bei allen Kinder im Krankenhaus Visite gemacht. Am Nachmittag blieb häufig Zeit, den Dienstplan für den nächsten Monat zu schreiben, größere Fortbildungen vorzubereiten oder in der Notaufnahme zu helfen.

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Mein Freund, meine Familie und meine Freunde! Außerdem habe ich die Freiheit vermisst, jederzeit alleine spazieren gehen zu können oder mit dem Fahrrad zu fahren.

Bei der Arbeit hat mir gefehlt, ein Kind im Zweifel einfach zu einem Experten schicken zu können. Als Ärztin bei Ärzte ohne Grenzen ist man selbst der Experte und kann nur selten eine Zweitmeinung einholen oder eine Diagnose mit einem Ultraschall oder einem Laborwert bestätigen.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

In den nächsten eineinhalb Jahren werde ich zunächst meinen Facharzt beenden und in Deutschland in einer Fachklinik für neurologisch kranke Kinder arbeiten. Aber weil der Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen eine so gute und bereichernde Erfahrung war, freue ich mich schon auf ein nächstes Mal.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

All die kleinen und großen Wunder, die man in der Klinik jeden Tag erleben kann! Es gab immer wieder Kinder mit Malaria, die am Vortag noch im Koma waren und mich am nächsten Tag Reis essend im Bett begrüßten.

Besonders beeindruckt haben mich die mangelernährten Kinder. Ein kleiner Junge im Kindergartenalter war zudem HIV-positiv und hatte Tuberkulose. Am Anfang waren seine Chancen zu überleben minimal, er brauchte Sauerstoff, war trotz afrikanisch heißer Temperaturen ständig unterkühlt und konnte die therapeutische Milch kaum bei sich behalten. Aber er hat gekämpft, so wie sein Vater und das ganze Team. Nach einer Woche hatte er ein wenig zugenommen, nach zwei Wochen hatten die Tuberkulose-Medikamente angeschlagen und nach vier Wochen verputze er riesige Portionen Porridge und Erdnussbutter und konnte entlassen werden. Das Team feierte eine Party für ihn. Er lief alle Treppen aus dem vierten Stock selbst hinunter.