Mitarbeiterinnenporträt: Jana Brandt, Projekt- und Landeskoordinatorin

Projekt-Koordination

Kurzprofil

Alter: 35

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Aktuell arbeite ich im Berliner Büro von Ärzte ohne Grenzen als Assistentin des Vorstandes.

Ausbildung:

Politik- und Verwaltungswissenschaften; Friedenskultur

Arbeit im Sozialbereich mit dem Spanischen Roten Kreuz

Arbeit für zwei kleinere Organisationen, die sich für die Menschenrechte von Minderheiten einsetzen

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2015/2016 Guinea-Bissau

2014/2015 Zentralafrikanische Republik

2013/2014 Demokratische Republik Kongo

2012/2013 Türkei

Sprachkenntnisse:

Neben meiner Muttersprache Deutsch spreche ich fließend Englisch, Französisch und Spanisch. Diese Sprachvielfalt war für meine Einsätze überaus wichtig, da zum Beispiel in der Türkei und in Guinea-Bissau die Projekt- und Arbeitssprache English war und in der Demokratischen Republik Kongo sowie in der Zentralafrikanischen Republik Französisch. Ohne Übersetzter arbeiten zu können macht unsere Tätigkeit natürlich sehr viel leichter und ist gerade für die Verständigung mit unseren Kolleginnen und Kollegen vor Ort unabdingbar. Französisch habe ich erst vor dem Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo gelernt und dann dort gefestigt. Sprachlich sollte man bei der Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen offen für Neues sein, denn in den Projekten geht es oft sogar über die „großen“ Arbeitssprachen hinaus. Als Beispiel: In Guinea-Bissau musste ich mich zudem ins Portugiesische einarbeiten, da dies die Verständigungssprache mit den guineischen Kollegen und externen Partnern war. Dabei waren meine Spanischkenntnisse wiederum überaus hilfreich.

Wie sah dein Einstieg im ersten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Aufgrund meiner Vorerfahrung bei zwei verschiedenen Nichtregierungsorganisationen bin ich gleich als Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen eingestiegen. Meinen ersten Einsatz hatte ich in Istanbul, wo ich neun Monate ein psychosoziales Projekt für  Migranten geleitet habe. Istanbul als erster Einsatz war bewusst so von der Personalabteilung von Ärzte ohne Grenzen ausgewählt worden: Es hätte wenig Sinn gemacht, mich ohne spezifische Erfahrung in der humanitären Hilfe sofort in ein schwieriges Umfeld, zum Beispiel in ein Bürgerkriegsland zu schicken. Die Schwierigkeit dieses Einsatzes war also weniger der Kontext sondern viel mehr die Tatsache, dass ich mich erst einmal in die Organisation einarbeiten musste. Das Projekt war trotzdem eine große Herausforderung, da es sich um einen relativ neuen Kontext für Ärzte ohne Grenzen handelte und es noch viel aufzubauen gab. Zudem war die politische Lage recht kompliziert und es war nicht einfach, der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen Raum, Platz und Anerkennung im Land zu verschaffen.

Mein erster Einsatz war aber in jedem Fall ein guter Einstieg und eine gute Vorbereitung für die folgenden Einsätze: Nach Istanbul ging es für fast zehn Monate in die Demokratische Republik Kongo, wo ich für ein recht typisches Ärzte ohne Grenzen-Projekt zuständig war. Wir haben dort in einer abgelegenen Bergregion ein regionales Krankenhaus und mehrere Gesundheitszentren unterstützt. In dieser Gegend gab es nur schwer Zugang zur sehr armen Bevölkerung. Wir mussten zum Beispiel zu einem der Gesundheitszentren vier Stunden zu Fuß durch den Urwald laufen! Dort wurde mir die enorme logistischen Leistungen der Organisation richtig bewusst. Mein dritter Einsatz als Projektkoordinatorin war in der Zentralafrikanischen Republik, wo ich ein ganzes Jahr verbracht habe. Ich war dort zuständig für die Leitung eines mobilen Notfalleinsatzteams. Wir waren im ganzen Land unterwegs und haben medizinische Notfallprojekte dort initiiert, wo die Bevölkerung besonders vom Bürgerkrieg betroffen war. Dies war zweifellos mein schwierigster Einsatz, bei dem ich gleichzeitig aber auch am meisten gelernt habe.

Was hast du während deiner Zeit im Projekt am meisten geschätzt?

Eindeutig die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort, der Kontakt mit der Bevölkerung sowie die tägliche Herausforderung, die Ärzte ohne Grenzen an einen stellt. Man ist ständig mit neuen und oftmals auch schwierigen Situationen konfrontiert und muss mehr als nur ein Mal über den eigenen Schatten springen. In meinen Einsätzen habe ich wahnsinnig viel gelernt und bin mit der Arbeit und der Organisation persönlich und beruflich sehr gewachsen.

Wie sahen deine Aufgaben in deinem letzten Projekt aus?

In meinem letzten Einsatz war ich neun Monate als Landeskoordinatorin in Guinea-Bissau tätig. Von der Hauptstadt Bissau aus war ich für die Gesamtkoordinierung der Projekte von Ärzte ohne Grenzen im Land zuständig. Guinea Bissau ist eines der ärmsten Länder der Welt mit einer katastrophalen gesundheitlichen Lage. Die Kinder- und Müttersterblichkeit ist extrem hoch. Wir haben dort zwei Pädiatrieprojekte aufgebaut.

Bücher, die mich während meiner Einsätze begleitet haben:

Viele verschiedene, u.a. Autobiografie von Nelson Mandela „Der lange Weg zurück“, Paul Auster „Winterjournal“, “Afrikanisches Fieber“ vom Ryszard Kapuscinski. „Oceano Africa“ von Xavier Aldekoa.

Musik, die ich gehört habe:

Milky Chance, Sixto Rodriguez, Binham (ein guineischer Sänger)

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Gefehlt hat mir eigentlich nichts Bestimmtes. Allerdings schätzt man nach der Rückkehr viele Dinge einfach viel mehr: sich mit Freunden und der Familie zu treffen, ein richtiges Freizeit- und Kulturangebot zu haben, typisches heimisches Essen und vor allem die Bewegungsfreiheit!

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich habe während der vergangenen 15 Jahre meinen Wohnsitz in Spanien gehabt und habe nun wieder den Schritt zurück nach Deutschland gewagt. Das ist erst einmal eine große Umstellung! Ich freue mich aber nun auf all das Neue, was vor mir liegt und habe auch schon viele Ideen für die nächsten Monate: Ich möchte viel Sport machen, Türkisch lernen, im Frühjahr hätte ich gerne einen Garten zum Gemüseanbau, ich würde gerne verschiedene Kurse machen und und und…. Beruflich bin ich momentan für Ärzte ohne Grenzen im Berliner Büro tätig. Einen weiteren Einsatz in Projekten kann ich mir nach einer längeren Verschnaufpause durchaus wieder vorstellen!

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Was mich an der Projektarbeit am meisten beeindruckt hat, ist die Kraft der Menschen, ihr Leben auch unter größten Schwierigkeiten weiterzuführen und ihren Humor nicht zu verlieren. Auch in einem Vertriebenenlager werden Kinder geboren, es wird geheiratet, usw., sprich, der Alltag geht trotzdem weiter. Zudem ist die Gastfreundschaft und Offenheit der Menschen einfach enorm! Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich zu wildfremden Leuten spontan nach Hause eingeladen wurde. Wir können uns davon wirklich eine Scheibe  abschneiden – gerade in einem Moment wie diesem, wo in Europa so viele Flüchtlinge aus Krisengebieten ankommen. Mich persönlich hat die Arbeit mit Ärzten ohne Grenzen zweifellos verändert: Ich bin genügsamer und auch geduldiger geworden und stehe dem Leben wesentlich gelassener gegenüber. Uns geht es sehr, sehr gut hier in Europa – das wissen wir leider oft nicht zu schätzen.