Mitarbeiterinnenporträt: Frauke Ossig, Projektkoordinatorin

Projekt-Koordination

Kurzprofil

Alter: 44

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Ärzte ohne Grenzen in Berlin

Ausbildung:

Ausbildung zur Druckvorlagenherstellerin, Studium der Wirtschaftswissenschaften im kombinierten Studiengang aus Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

  • 2011- 2012  Südsudan
  • 2012 – 2013 Äthiopien
  • 2013 - 2014 Türkei/Grenze zu Syrien
  • 2014 Tschad
  • 2014 Sierra Leone
  • 2015 Südsudan
  • 2015 Syrien
  • 2016 Südsudan
  • 2016 Jemen

Sprachkenntnisse:

Um ganz ehrlich zu sein, spreche ich eigentlich fließend nur Englisch und Deutsch – und das tatsächlich inzwischen in dieser Reihenfolge. Vor meinem Tschad-Einsatz habe ich in einem 4-wöchigen Sprachkurs Französisch gelernt - zumindest soweit, dass ich mich sieben Monate im Projekt über Wasser halten konnte.  Ich hoffe bald wieder einen Einsatz in einem französischsprachigen Land machen zu können, sodass ich die Sprache wieder auffrischen kann.

Ein Buch, das mich während meines Einsatzes begleitet hat:

Ein Buch, das ich nicht weglegen konnte ist „Acts of Faith“ von Philip Caputo. Ein Roman, der im Sudan spielt und viel Ähnlichkeit mit der Realität beweist.

Musik, die ich gehört habe:

Die Musik, die mich eigentlich immer begleitet: Alpha Blondy, Leonard Cohen, Train, Counting Crows, Luxuslärm - und natürlich die extra für mich angefertigten Zusammenstellungen meiner besten Freundin Ina.

Wie sieht dein Berufsalltag im derzeitigen Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Viele meiner Tage sind damit gefüllt, wichtige Menschen aus den Gemeinden, religiöse Vertreter und Repräsentanten des Militärs oder anderen bewaffneten Gruppen zu treffen.  Ich diskutiere mit ihnen, welche Leistungen wir erbringen können, stelle sicher, dass sie unsere medizinischen Einrichtungen auch als solche akzeptieren und verhandle Sicherheitsgarantien für all unsere Patientinnen, Patienten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In vielen Ländern ist das leider nicht mehr selbstverständlich. Doch nur so können wir unsere Arbeit ermöglichen. Und es passieren leider dennoch immer wieder Zwischenfälle. Zum Beispiel kommt jemand bewaffnet ins Krankenhaus, weil wir nicht alle Krankheiten behandeln können. Oder eine der Konfliktparteien versucht, die andere Partei vom Zugang zu unserer Einrichtung abzuhalten.

In unserem Projekt in Ad Dhale in Jemen arbeiten mehr als 200 jemenitische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter unserer Leitung. Da fallen jede Menge administrative Aufgaben an, und jeden Tag gibt es etwas zu besprechen. Darüber hinaus fehlt uns gerade ein Logistischer Leiter im Projekt. Ich kümmere mich daher zusammen mit unseren jemenitischen Mitarbeitern auch darum, dass ausreichend Medikamente in allen Einrichtungen vorhanden sind und dass wir immer Benzin und Diesel vorrätig haben, um unsere Generatoren am Laufen zu halten. Denn nur damit können wir das Krankenhaus und zumindest den Operationssaal und die Notaufnahme durchgehend mit Strom versorgen. Und daneben fallen noch hunderte andere Kleinigkeiten an…

Was machst du in deiner Freizeit?

Freizeit ist in unserem Projekt momentan sehr begrenzt. Es gibt unglaublich viel zu tun und häufig arbeiten wir bis spät in den Abend. Dann sitzt das Team häufig noch kurz zusammen. Wir schauen Nachrichten oder sehen uns einen Film an, bevor ich erschöpft ins Bett falle. Häufig schaue ich mir abends noch eine Folge verschiedener Serien an. Momentan bin ich bei „House of Cards“ angekommen – eine nette Abwechslung was das Umfeld und Thema angeht!

Im Jemen können wir uns aus Sicherheitsgründen kaum außerhalb des Krankenhauses bewegen. Deshalb haben wir leider keine Möglichkeit abends auszugehen oder unsere jemenitischen Kolleginnen und Kollegen zu besuchen.

Was schätzt du an deinem derzeitigen Projektaufenthalt am meisten?

Der Krieg in Jemen hat dazu geführt, dass die gesamte medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. Es sind die Kinder, Frauen und die Älteren, die am meisten darunter leiden, weil sie dringend medizinische Hilfe benötigen. Für diese Menschen da zu sein, ihre Krankheiten zu behandeln, ihnen zuzuhören und ihnen eine Stimme zu geben, ist ein sehr gutes Gefühl.

Ich schätze es extrem, dass uns viele Menschen hier dafür respektieren, dass wir neutral und nur daran interessiert sind, Kranken eine medizinische Behandlung zu ermöglichen. Zudem würdigen es die Menschen sehr, dass wir als eine der wenigen internationalen Organisationen die jemenitische Bevölkerung durch den Krieg hindurch bis heute unterstützen, während die Öffentlichkeit wegschaut. Viele unserer Mitarbeiter haben mir über die letzten Monate versichert, ein zweites zu Hause zu haben – in Jemen!

Was fehlt dir am meisten von Zuhause?

Wie in jedem Projekt – Schwarzbrot, Käse und ein gutes Glas Rotwein!

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

August und September werde ich nach langer Zeit mal wieder in Berlin verbringen, worauf ich mich sehr freue. Ab Oktober werde ich dann ein weiteres Jahr mit dem Notfall-Team unterwegs sein.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Auch als Nicht-Medizinerin ist und bleibt die schönste Erinnerung die an Patienten, deren Leben wir retten konnten. Während meines ersten Einsatzes im Südsudan brachten wir ein Kleinkind von vielleicht 10 Monaten ins Krankenhaus, das so stark mangelernährt und dehydriert war, dass ich nicht glaubte, dass es den Weg ins Krankenhaus überleben würde. Unsere Krankenschwester legte mir das Kind auf dem Weg ins Krankenhaus in den Arm, während sie sich um ein anderes Kind kümmerte. Ich konnte nur eines denken - bitte stirb nicht in meinem Arm. Als wir im Krankenhaus ankamen, übergab ich das Kind an den Arzt. Dieser teilte mir am Abend mit, dass das Kind lebte und es ihm langsam besser ging. Nach drei Tagen besuchte ich das Kind und sah, wie es eine Packung therapeutischer Erdnussbutter aß und mich mit vollverschmiertem Gesicht anlächelte. Diesen Moment werde ich wohl nicht mehr vergessen.