Mexiko

„Das ganze Team wurde schlagartig still. Es war herzzerreißend“ – Bundesstaat Guerrero unter Belagerung 

Ein Patient in einer mobilen Klinik im mexikanischen Bundesstaat Guerrero wird von einer Mitarbeiterin des örtlichen Gesundheitswesens und einer Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen untersucht.

Im Bundesstaat Guerrero liegen mit den Regionen Tierra Caliente, Norte und Centro sowie der Stadt Acapulco einige der gewalttätigsten Gegenden Mexikos. Insbesondere Gewalt- und Drogenkriminalität lassen die Menschen, die nicht auswandern, in Angst und Isolation zurück. Die permanente Bedrohungslage hat auch Einfluss auf die medizinische Versorgung. Vielerorts sind Ärzte und Pflegepersonal vor der Gewalt geflohen. Die Arbeit unserer Teams, die die Menschen in elf Gemeinden aufsuchen, ist für diese oftmals der einzige medizinische Anlaufpunkt und wird zu einer Art Lebensader. 

Im gesamten Bundesstaat Gurerrero kämpfen organisierte kriminelle Banden um Gebiete. Ihr Ziel ist es, die Kontrolle über Straßen und die wichtigsten Städte zu gewinnen, um von den Gemeinden Schutzgeld zu erpressen und die Menschen zum Eintritt in Banden zu nötigen. Viele Schulen sind geschlossen und in einigen Ort gibt es kein medizinisches Personal mehr. Spannungen und Angst drohen das soziale Gefüge in der gesamten Region zu zerreißen.

Die monatlichen Besuche unserer Teams sind eine Art Lebensader

Viele der lokalen Gesundheitsstationen im Bundesstaat werden von gerade einmal einer Pflegeperson am Laufen gehalten. Diese schläft zumeist in der Einrichtung. Die Krankenschwestern und -pfleger haben nur sehr wenig medizinische Ausrüstung zur Verfügung, mit der sie die Gesundheitsversorgung in ihren Gemeinden leisten.

Als Reaktion auf diese Lage betreiben wir mobile Kliniken in elf Gemeinden innerhalb des Bundesstaates Guerrero. Zudem sind wir in Acapulco im Einsatz. „Viele Ärzte wollen nicht mehr hierherkommen – das Pflegepersonal tut es, Gott sei Dank! Wir hatten hier seit vier Jahren keinen stationären Arzt mehr, darum sind die Besuche von Ärzte ohne Grenzen natürlich essentiell“, sagt Bruno, der in Guerrero lebt.

Ein Leben als junger Mann in Guerrero kann extrem gefährlich sein

Abel ist Mitte Zwanzig. „Immer wieder sehen wir an öffentlichen Plätzen abgeladene Leichen. Das zu sehen ist traumatisch. Eines Tages, wir spielten gerade Basketball, kam eine Gruppe bewaffneter Männer zum Platz. Sie haben auf uns geschossen, schleuderten uns zu Boden und nahmen uns unsere Handys und unser Geld weg. Dann gingen sie mit Macheten auf uns los. Sie packten meinen Freund. Erst hackten sie ihm die Beine ab, dann die Arme. Als sie ihm den Kopf abschlugen, hatte er bereits das Bewusstsein verloren.“

Der Mord auf dem Basketballplatz liegt drei Jahre zurück. Drogenhändler wollten ihre Kontrolle über die Stadt untermauern. Der Vorfall traumatisierte den ganzen Ort. Die lokale Polizei wurde kurz danach verstärkt. Heute sagt sie, dass sich die Lage beruhigt habe. Aber die Nachbarn reden hinter vorgehaltener Hand immer noch über „die Ereignisse vom Basketballplatz“. Abel spricht offen darüber, weil er bald in die USA auswandert. Er erträgt es nicht mehr. Die Aussichtslosigkeit, die Armut, das Risiko von den Drogendealern als „Falke“ (jmd. der Schmiere steht) oder „Sicario“ (Auftragsmörder) rekrutiert zu werden, haben ihn dazu getrieben.

In den vergangenen zwei Jahren haben allein in Guerrero mehr als 7.500 Menschen ihre Häuser und Dörfer verlassen. Erst kürzlich haben sich ähnliche Vorgänge in Laguna de Huanayalco, San Bartolo, Laguna Seca und Ximotla wiederholt. In der Stadt Felipe de Ocote beispielsweise sind nur noch die Tiere zurückgeblieben.

Einige Patienten vergisst man sein Leben lang nicht

Javier Lopez de la Osa arbeitet als Arzt in einer unserer mobilen Kliniken. Zu seinem Team gehören neben Ärzten, Pflegepersonal und Logistikern auch Psychologinnen und Psychologen. Denn die Folgen der Gewalt zeichnen sich längst nicht nur körperlich ab. Die Menschen in Guerrero leiden stark unter der ständigen Angst. Angesprochen auf Erlebnisse während seiner Arbeit, die er nicht vergessen kann, erzählt er von einer Großmutter, die mit ihrem Enkel zur Klinik kam:

„Der traurigste Tag für das Team war, als eine Frau, die uns in einer der Städte auf unserer Route, normalerweise mit Essen versorgt, mit ihrem Enkel in die Klinik kam. Er war zwischen sechs und acht Jahre alt und sehr fein angezogen. Er trug einen Anzug und eine Krawatte. Die Frau erzählte uns, er besuche heute seine Eltern. Wir fanden dann heraus, dass die Mutter und der Vater des Jungen entführt und ermordet worden waren. Ihre Körper wurden im Straßengraben zurückgelassen. Diese Frau nahm ihren Enkel mit, um ihre Gräber zu besuchen – es war gerade das Fest zum Tag der Toten in Mexiko. Das ganze Team wurde schlagartig still. Es war herzzerreißend.“