Irak

Die Flüchtlinge haben alles hinter sich gelassen – Bericht aus Dohuk

Robert Onus leitete sieben Monate lang ein Logistik-Team von Ärzte ohne Grenzen im Irak. Wie ein unablässiges Rennen gegen die Zeit fühlte es sich für ihn an, sich im Regierungsbezirk Dahuk im kurdischen Autonomiegebiet um den humanitären Bedarf der Bevölkerung und all der Flüchtlinge und Vertriebenen zu kümmern. 500.000 Menschen sind dorthin geflohen. In seinem eindrucksvollen persönlichen Bericht schildert Robert seine Arbeit und die Lage der Betroffenen und Helfer vor Ort.

Kannst du die größten Herausforderungen für Dich beschreiben?

Für mich persönlich war es sicherlich am anstrengendsten, die Menge an Arbeit zu bewältigen, die wir in unseren verschiedenen Projekten in Dahuk hatten. Der Bedarf ist grenzenlos. Dem, was man tun kann, sind nur dadurch Grenzen gesetzt, dass es an Versorgungsgütern mangelt und dass es zeitweilig zu gefährlich sein kann, bestimmte Regionen zu betreten. Ganz gleich ob ich 12, 14 oder 16 Stunden täglich arbeitete. Es kam mir vor, als nehme die Arbeitslast mit jedem Tag noch weiter zu.

Die größten Schwierigkeiten hatte ich dabei, mir vorzustellen, wie eine langfristige Lösung für diesen Konflikt aussehen könnte. Natürlich ist das nicht die Aufgabe von Ärzte ohne Grenzen. Wir sind hier, um den Menschen zu helfen und nicht, um eine politische Lösung zu finden. Bei Projekten in der Vergangenheit war das für mich anders, zum Beispiel während der Ebola-Epidemie. Es war zwar sehr schwer. Doch wir hatten die Zuversicht, eine Lösung zu finden.

Wie ist die Lage im Nordirak?

Über das gesamte kurdische Autonomiegebiet verteilt gibt es Lager für Flüchtlinge und Vertriebene. Im Regierungsbezirk Dahuk, wo ich stationiert war, waren es allein 18 Lager für Vertriebene. Die Bedingungen unterscheiden sich von Lager zu Lager. Aber alle haben mit den gleichen Grundproblemen zu kämpfen. Meistens sieht es so aus, dass eine Familie in einem kleinen Zelt lebt. Im Winter sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Auf bis zu 50 Grad steigen sie im Sommer. Die Wasserversorgung ist dürftig, und es mangelt an sanitären Einrichtungen, Nahrung und Unterkünften

Für die Menschen außerhalb der Lager ist die Situation vermutlich noch schlimmer. Sie leben verstreut über die Städte in unfertigen Häusern und Zelten. Die mehrstöckigen Gebäude sind nichts weiter als Betonskelette. Als Ersatz für fehlende Wände nutzen die Menschen Planen aus Plastik. Auch sie haben nur begrenzten Zugang zu Wasser- und Sanitäranlagen. Wir haben an Orten gearbeitet, wo sich das Erdgeschoss in eine riesige offene Kloake verwandelt hatte. Es war mitten im Winter, eiskalt, überall lag Abfall herum. Natürlich werden Menschen, die unter solchen Bedingungen leben müssen, krank. So breiten sich Epidemien aus.

Wie war das Leben im Irak?

Es ist schwer, das Leben hier zu beschreiben. Einerseits ist es einfach, ganz normal und eigentlich kaum der Rede wert. Die Hälfte meiner Zeit verbrachte ich in Dohuk, einer modernen Stadt mit entsprechenden Annehmlichkeiten. Den anderen Teil der Zeit habe ich in dem kleinen Dorf unweit der Front unter primitiven Bedingungen verbracht. Die gewaltigen Ackerflächen in dieser Region ähneln denen im Nordwesten von New South Wales in Australien, wo ich herkomme. Die Kämpfe in der Gegend ebbten immer wieder auf und ab. Doch meistens blieben sie jenseits des kleinen Höhenzugs südlich von unserem Standort. Geräusche von den Kampfjets der Koalition, sporadisch aufsteigende Rauchsäulen über den Hügeln, Militärkonvois und scheinbar unendlich viele Checkpoints waren die einzigen Anzeichen dafür, dass wir mitten in einem Kriegsgebiet arbeiteten.

Was waren Deine Aufgaben in Dohuk?

75 Prozent der Versorgungsgüter, die wir für das Land benötigten, wurden über Dohuk geliefert, wo wir stationiert waren. Wir haben die Einfuhr und Ausfuhr, Einkäufe vor Ort, Lagerhaltung und Transporte zu den unterschiedlichen Projekten abgewickelt. Instandsetzungsarbeiten bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Wir bereiteten die Übergabe eines Gesundheitszentrums in einem der Flüchtlingslager nahe Domiz an die örtlichen Behörden vor. Dafür haben wir alte Gebäude saniert, Büros verlegt, neue Latrinen gebaut, die Abfallentsorgung auf Vordermann gebracht und zudem noch viele Kleinigkeiten erledigt, die dabei angefallen sind. 

Die größte Herausforderung war es, unser mobiles Klinik-Projekt in Ninewa zu versorgen. Dieses Projekt befand sich unweit der Frontlinie zwischen Gebieten, die vom IS und kurdischen Einheiten gehalten wurden. Aufgrund der großen Entfernung zu unserem Hauptquartier in Dohuk mussten wir praktisch bei null beginnen. Wir errichteten eine neue Basis, ein neues Büro und Unterkünfte in einem Dorf in der Gegend. Man sollte annehmen, dass es eigentlich nicht so schwer sein kann, ein Haus zu finden. Doch in dieser Gegend sind sieben von zehn Gebäuden durch die Kämpfe beschädigt oder zerstört. Außerdem geht eine große Gefahr von herumliegender scharfer Munition und Sprengstofffallen aus, die in vielen Häusern versteckt wurden.

Wie war die Zusammenarbeit mit den nationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

Das Personal war großartig. Wir arbeiteten mit Leuten aus dem Irak und Syrien zusammen. Sie waren alle außergewöhnlich kompetent und wir waren sehr stark auf sie angewiesen. An den seltenen Wochenenden, an denen ich nicht zur Arbeit musste, habe ich mit den anderen Picknicks gemacht.

Im Regierungsbezirk Dahuk halten sich etwa 500.000 Flüchtlinge und Vertriebene auf. Viele dieser Menschen sind gut ausgebildet und bereit, für die Versorgung ihrer Familien jede Arbeit zu machen. Ein Mitglied meines Teams hatte ein Diplom in Physik, ein anderes hatte ein abgeschlossenes Literaturstudium und eine Ausbildung zum Elektriker. Einige Leute haben unser Team auch verlassen, um nach Europa zu gehen. Sie hoffen auf ein besseres Leben dort. Meistens waren sie selbst als Flüchtlinge in den Irak gekommen. Viele Städte in Syrien sind zerstört. Es gibt keine Hoffnung auf eine baldige Rückkehr, und die Zukunft des ganzen Landes sieht düster aus. Die Menschen fragen sich, was sie tun sollen: den Rest des Lebens in Unsicherheit verbringen und auf das unabsehbare Ende dieses Krieges warten oder anderswo einen Neuanfang wagen?

Ärzte ohne Grenzen arbeitet im Irak zurzeit in 11 Regierungsbezirken und leitet dort unabhängige Hilfe für die vom Konflikt betroffenen Menschen. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres führten die Teams dort mehr als 126.700 Konsultationen durch.