Libyen

„Die Zustände sind absolut erbärmlich“

In Sintan werden die Menschen unter katastrophalen Bedingungen interniert, bis Juni 2019 z.B. in einem alten Lagerhaus.

Christoph Hey war von Juni bis September 2019 Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Nafusa-Gebirge im Westen Libyens. Sein sechsköpfiges Team leistete medizinische Hilfe im offiziellen Internierungslager für Flüchtlinge und Migrant*innen in Sintan, in dem vor der Ankunft des Teams mehr als 20 Menschen gestorben waren. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, weitere Internierungslager in der Region zu besuchen. Hier sein Erfahrungsbericht:

Von außen sieht man nicht, dass in dem Gebäudekomplex in Sintan Menschen gefangen gehalten werden. Als ich das erste Mal in dem ehemaligen Jugendlager auf der kargen Hügelkuppe angekommen bin, habe ich vom ersten Moment eine belastende Atmosphäre gespürt. Das Areal ist in fünf Blöcke eingeteilt, die jeweils in sich verschlossen sind und in denen insgesamt etwa 600 Flüchtlinge und Migrant*innen zusammengepfercht wurden. Wir betraten die einzelnen Blöcke über eine freie Fläche, die man sich wie einen Gefängnishof vorstellen kann, auf dem sich tagsüber das Leben abspielt – Menschen suchen im Schatten Schutz, Haare werden geschnitten, am Rand sind improvisierte Altäre aufgebaut. Von den Höfen aus erreicht man die Zellen: enge, dunkle Räume, in denen die Gefangenen auf Matratzen auf dem Boden liegen. Mir wurde sofort klar, wie entsetzlich die Zustände sind: Die Räume nicht belüftet, die Duschen und Toiletten in einem erbärmlichen Zustand, die Wasserversorgung funktioniert nur teilweise. Und dann die Menschen, aus deren Augen mich die Hoffnungslosigkeit anblickte.

Todesursache Tuberkulose

Als wir dort im Juni angefangen haben, war unser wichtigstes Ziel, weitere Todesfälle zu verhindern. In den neun Monaten zuvor waren mindestens 22 Menschen aus diesem Lager, das unter der Hoheit des Innenministeriums in Tripolis steht, ums Leben gekommen. Fast jeden zehnten Tag ist ein Mensch gestorben, viele vermutlich an Tuberkulose. Mit einem Team von drei Ärzten behandelten wir unter der Woche täglich die Gefangenen, schwerwiegende Fälle überwiesen wir an Krankenhäuser in der Hauptstadt. Seitdem ist niemand mehr gestorben. Doch noch immer sind etwa 70 Personen an Tuberkulose erkrankt, und bei 25 weiteren haben wir den Verdacht auf Tuberkulose. Sie alle sind in einem der fünf Gebäude, dem so genannten "Krankenblock", interniert. Ihre Behandlung dauert bis zu sechs Monate, in denen sie täglich Medikamente einnehmen müssen, mit oft schweren Nebenwirkungen. Eine gute Ernährung und gute Bedingungen wären für die Genesung eigentlich besonders wichtig. Denn dass Tuberkulose so ein gewaltiges Problem in diesem Internierungslager geworden ist, ist auf die Haftbedingungen zurückzuführen. Die Enge und die schlechten Bedingungen machen die Menschen besonders anfällig und fördern die Ansteckung. 

Neben Tuberkulose behandeln unsere Ärzt*innen viele Gesundheitsprobleme, die mit den schlechten hygienischen Verhältnissen zusammenhängen: Magen-Darm-Erkrankungen, Atemwegsinfektionen, Krätze, allgemeine Schwäche und Körperschmerzen. Immer wieder gab es akute Notfälle: Einen Mann mussten wir etwa für eine Blinddarmoperation ins Krankenhaus bringen. Außerdem haben wir die Trinkwasserversorgung verbessert, deren Mängel für viele Erkrankungen verantwortlich waren, und Hygieneartikel verteilt. Die Menschen hatten vorher vier Monate lang keine Seife gesehen! Alle zwei Wochen verteilen wir gesunde Lebensmittel: proteinhaltige Nahrung wie Linsen und Sardinen, Vitamine, etwas Fleisch. Denn die Gefangenen bekommen morgens nur Brot, mittags und abends Makkaroni, mit einem Klecks Tomatensoße, so dass sie gerade etwas rot sind; einmal die Woche Reis oder Couscous. Das essen die Gefangenen seit Monaten.

Internierung ohne rechtsstaatliches Verfahren

Alle Flüchtlinge und Migrant*innen im Internierungslager in Sintan werden willkürlich festgehalten, einfach weil sie keine Aufenthaltspapiere haben, ohne Anklage oder Gerichtsverfahren und ohne Aussicht auf Freilassung. Fast alle sitzen schon eineinhalb oder zwei Jahre in Internierungslagern fest. Die meisten hatten versucht, übers Mittelmeer zu entkommen. Sie wurden von der libyschen Küstenwache zurückgebracht und von den Ausschiffungshäfen an der Küste relativ zufällig auf die Internierungslager verteilt. Anfang Juli wurden die Frauen aus Sintan in ein anderes Internierungslager gebracht, seitdem sind hier nur noch Männer gefangen – und etwa 130 Jugendliche.

Ein Junge aus einem der Internierungslager hat mich besonders betroffen gemacht und gleichzeitig beeindruckt. Er ist etwa 15 Jahre alt, kommt aus Eritrea und spricht perfekt Englisch. Im Alter von 10 oder 11 Jahren wurde er als Kindersoldat gezwungen, Waffen zu tragen. Auch im Hinblick auf die Religionsausübung waren er und seine Familie Repressionen ausgesetzt. Mit 12 Jahren ist er zusammen mit seinem Bruder geflohen. Auf dem Weg war er in der Gewalt von Menschenhändlern, wurde zu Arbeit gezwungen, konnte dann weglaufen und hat versucht, das Mittelmeer zu überqueren. Doch ihr Boot verunglückte, sein Bruder ertrank. Er selbst wurde von der libyschen Küstenwache gerettet, dann aber nach Libyen zurückgebracht und eingesperrt. Seit mindestens einem Jahr sitzt er in Sintan fest. Er hat mir immer wieder gesagt, er wünsche sich so sehr, zur Schule zu gehen, etwas aufzubauen. Er ist intelligent und künstlerisch begabt. Er hat sogar versucht, an Ton zu kommen, um Figuren zu modellieren.

Zwei Quadratmeter für einen Menschen

Eines der fünf Gebäude hat keinen Hof. Dort sind die Somalier*innen eingesperrt, nach den Eritreer*innen die zweitgrößte Gruppe in Sintan: 45 Menschen in einem Raum von 70 Quadratmetern – weniger als zwei Quadratmeter pro Person. Sie sehen die ganze Woche kein Tageslicht und haben keine frische Luft. Die einzige Toilette und die einzige Dusche in diesem Raum sind durch die Überbeanspruchung die Hälfte der Zeit defekt. Es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit – der Zustand ist absolut erbärmlich. Dieser Raum ist für mich das Sinnbild für die Internierung in Libyen: Ein halbdunkler Raum mit verbrauchter Luft und ohne Sonne, in dem Menschen auf Matratzen auf der Erde liegen und auf nichts mehr warten.

Viele der Somalier*innen in den Internierungslagern haben mir Geschichten erzählt vom bewaffneten Konflikt in ihrem Land und von radikalen Milizen. Dass sie gezwungen wurden, sich mit gewissen Clans zu solidarisieren und auf ihrer Seite mitzumachen. Dass sie eben nicht mitgemacht haben und deshalb fliehen mussten. Ein jüngerer Mann vertraute sich mir an: Er war zusammen mit seiner Ehefrau unterwegs. Auf dem Weg durch Libyen wurde sie vergewaltigt, vor seinen Augen. Später haben sie sich verloren, er weiß er nichts mehr von seiner Frau. Diese Traurigkeit, diese wahnsinnige Hilflosigkeit in diesen Erzählungen – das ist etwas, das ich nicht vergessen kann.

Ausgeliefertsein macht psychisch krank

Zwei Monate lang habe ich mit unserem libyschen Team versucht, die schlimmsten Gesundheitsgefahren für die Menschen im Internierungslager Sintan zu beseitigen. Mit meinem Nachfolger wird das Team diese Arbeit fortsetzen und will künftig auch psychologische Hilfe leisten, besonders für die Minderjährigen. Unser Eindruck ist, dass viele unter psychischen Erkrankungen leiden: Sie sitzen oft schon seit zwei Jahren in absoluter Hilflosigkeit fest und haben schon zuvor auf der Flucht schlimmste Erfahrungen durchgemacht. Jetzt sitzen sie dort und warten.

Doch akut die Bedingungen in den Internierungslagern zu verbessern, reicht bei weitem nicht aus: Diese willkürliche Internierung muss aufhören! Und das Zurückbringen von Schutzsuchenden nach Libyen muss sofort beendet werden - in ein Land, in dem ein blutiger Konflikt herrscht, und in dem sie Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind.

Zur Person:

Christoph Hey (43), gebürtiger Potsdamer, hat Betriebswirtschaftslehre studiert und in der Managementberatung gearbeitet. Seit 2010 ist er in der humanitären Hilfe tätig, zunächst als Logistiker, bald in Projektleitungs- und Managementpositionen. Seine 10 Einsätze für Ärzte ohne Grenzen führten ihn nach Äthiopien, Sierra Leone, Südsudan, Uganda, Jemen, Pakistan und vor allem Afghanistan, wo er insgesamt fast drei Jahre verbrachte und mehrere neue Kliniken aufbaute. Von Juni bis September 2019 war er als Projektleiter für die medizinische Hilfe von Ärzte ohne Grenzen im Internierungslager für Flüchtlinge und Migrant*innen in der Stadt Sintan in Libyen verantwortlich.Lesen Sie hier ein Mitarbeiterporträt von Christoph Hey.