Mittelmeer

Statement zu EU-Plänen gegen Flüchtende im Mittelmeer - Schutzsuchende sind in Libyen willkürlicher Haft und extremer Gewalt ausgesetzt

Junge Männer stehen in der Halle eines Internierungslagers in der Nähe von Mistrata, Libyen. Das nordafrikanische Land ist ein wichtiges Transitland und auch Ziel für Migranten, Asylsuchende und Geflüchtete, die Arbeit suchen.

Die EU-Innenminister haben bei ihrem Treffen auf Malta verschiedene Pläne zur Abriegelung des Mittelmeers diskutiert. Innenminister Thomas de Maizière hat sich erneut dafür ausgesprochen, aus Seenot gerettete Flüchtlinge in Aufnahmelager in Nordafrika zu bringen. Die maltesische EU-Präsidentschaft schlägt unter anderem eine "Schutzlinie" gegen Flüchtlinge und Migranten in libyschen Gewässern vor. Demzufolge soll die libysche Küstenwache Flüchtlinge und Migranten nach Libyen zurückbringen.

Dazu erklärt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland:

„Die Vorschläge der EU-Innenminister ignorieren die schreckliche Realität in Libyen. Unsere Teams leisten derzeit medizinische Hilfe in sieben der völlig überbelegten Internierungslager in Tripolis, in die auf dem Mittelmeer abgefangene Menschen gebracht werden. Die Bedingungen dort sind unfassbar: In manchen Lagern haben die Gefangenen weniger als einen halben Quadratmeter Platz, die hygienischen Bedingungen sind oft katastrophal, oft gibt es nicht einmal genug Nahrung und sauberes Trinkwasser. Unsere Mitarbeiter haben mehrfach mangelernährte Menschen angetroffen und Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen wie Durchfallerkrankungen und Hautkrankheiten behandelt.

Unsere Teams auf drei Rettungsschiffen im Mittelmeer haben im vergangenen Jahr mehr als 20.000 Menschen in den Gewässern vor Libyen aus Seenot gerettet. Die Menschen berichten von extremer Gewalt und Unsicherheit in Libyen, von Menschenhandel, Erpressung, Misshandlung, Zwangsarbeit, Vergewaltigung und Zwangsprostitution. Die Hälfte der von uns befragten Personen erzählte, von Kriminellen, Milizen oder libyschen Behörden gegen ihren Willen gefangen gehalten worden zu sein, oft monatelang. Unsere Ärzte haben bei ihrer Behandlung oft Verletzungen durch Folter festgestellt. Diese Menschen, die oft schon vor Gewalt in ihren Heimatländern geflohen sind, brauchen zuallererst Schutz und medizinische und psychologische Hilfe.

Diese Menschen brauchen Schutz vor extremer Gewalt und willkürlicher Haft. Sie brauchen ganz sicher keine so genannte Schutzlinie der EU gegen Flüchtlinge, die womöglich dazu führen würde, dass noch mehr Menschen in inakzeptablen Internierungslagern weggesperrt werden."