Libyen

Flucht, Gefangenschaft, Gewalt - ein endloser Kreislauf des Leidens

In den Internierungslagern in Libyen herrschen schockierende Zustände. Den Inhaftierten drohen Krankheiten, Mangelernährung, Folter und Zwangsarbeit. (Archivbild 2018)

Aktuell: Gefangene Flüchtlinge und Migranten sind in einem Internierungslager in der libyschen Hauptstadt Tripolis beschossen und verletzt worden. Das geht aus Belegen hervor, die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Libyen aus dem Lager Kasr Bin Gaschir erhalten haben, in dem sich auch Kleinkinder und Schwangere befanden. Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen haben seit mehr als zwei Wochen mehrfach dringend gefordert, die etwa 3.000 Menschen aus den Internierungslagern in Tripolis in Sicherheit zu bringen. 

Auch ohne aktiven Kampfhandlungen unmittelbar ausgesetzt zu sein, ist die Situation der in libyschen Internierungslagern inhaftierten Menschen katastrophal: unhygienische Bedingungen führen zu Krätze, Atemwegsinfektionen und Magen-Darm-Problemen. Viele leiden unter Folterverletzungen und unbehandelten Wunden. Jai Defranciscis ist Krankenschwester und war für uns im von Tripolis circa 200 Kilometer östlich gelegenen Misrata im Einsatz. Ein Erfahrungsbericht (28.3.2019):

„Es war völlig herzzerreißend zu sehen, wie Menschen in den Lagern eingesperrt hinter Gittern standen. Ihre Augen waren leer. Doch jeder von ihnen hatte seine eigene Geschichte. Es waren Kindersoldaten dabei, die einem schrecklichen Leben entkommen waren und nun einen Neuanfang suchten. Oder Menschen, die sich nach einer Ausbildung oder mehr Möglichkeiten für ihre Familie sehnten. Sie stellten mir Fragen wie: »Ich habe nichts Falsches getan - warum bin ich im Gefängnis?«

Ärzte ohne Grenzen ist mit zwei mobilen Teams in vier Internierungslagern in Misrata, Khoms und Zliten im Osten von Tripolis im Einsatz. Wir leisten die medizinische Grundversorgung für die dort inhaftierten Flüchtlinge und Migranten. In Bani Walid, wo immer wieder Geflüchtete entführt und gefoltert werden, um Lösegeld zu erpressen, bieten wir medizinische Hilfe an in einem Gebäude, in dem Menschen untergebracht sind, die freigelassen wurden oder aus den illegalen Gefängnissen der Menschenhändler fliehen konnten. Die Patienten dort haben oft schreckliche Folter erlebt und brauchen entsprechende Versorgung. Die schwersten Fälle überweisen wir an Kliniken und Krankenhäuser.

Viele Menschen sind seelisch gebrochen

Die Lebensbedingungen, die ich in den offiziellen Internierungslagern gesehen habe, sind schockierend. Wir haben vor allem Hauterkrankungen wie Krätze, Atemwegsinfektionen und Magen-Darm-Probleme behandelt, all das sind Folgen der unhygienischen Bedingungen, der überfüllten Zellen und des außerordentlich schlechten Essens. Wir hatten auch viele Patienten mit Folterverletzungen und unbehandelten Wunden. Viele der Menschen sind seelisch gebrochen und traumatisiert, durch das, was sie erlebt haben, aber auch dadurch, dass sie auf unbestimmte Zeit eingesperrt sind. Man denkt ja, die Menschen kommen schon krank in Libyen an nach der Flucht aus ihren Heimatländern, aber in Wahrheit haben die meisten Gesundheitsprobleme der Geflüchteten direkt mit den Umständen in Libyen zu tun.

Während meiner Zeit in Libyen waren wir mehrmals dort, wo die Menschen ankamen, die von der libyschen Küstenwache zurückgebracht wurden, nachdem sie versucht hatten, Libyen mit dem Boot zu verlassen. Viele hatten chemische Verbrennungen vom Gemisch aus Treibstoff und Salzwasser auf den Booten, waren dehydriert, litten an Atemwegsinfektionen, Übelkeit und Erbrechen. Die schweren Fälle haben wir ins Krankenhaus überwiesen, alle anderen Menschen wurden von den Behörden in Lager gebracht.

Das Risiko von Zwangsarbeit und Menschenhandel 

In Libyen wurde mir der verheerende Kreislauf bewusst, in dem Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber endlos zwischen Meer und Haft gefangen sind. Ich sah immer wieder dieselben Menschen in den Booten, die zurückgebracht wurden. Kaum waren sie wieder an Land, versuchten sie das nächste Boot zu organisieren.
Dort, wohin die libysche Küstenwache die Menschen zurückbrachte, traf ich ein kleines Mädchen. Es war ungefähr acht Jahre alt. Ich versprach ihm, ein paar Schuhe in der richtigen Größe mitzubringen in das Internierungslager, in das es gebracht werden sollte. Als ich dann dort ankam, kam es mir hüpfend entgegen – ihre Mutter stand hinter ihr mit ihren Sachen.

Ich sah mich um. Da waren 20 Leute, die sich alle ihre Sachen schnappten und zu wartenden Autos gingen. Das Mädchen sagte: »Wir werden in einem Haus in Tripolis wohnen.« Ich hatte keine Ahnung, wohin sie gingen – möglicherweise irgendwohin, wo sie besser dran waren, als auf unbestimmte Zeit in einem Internierungslager festgehalten zu werden. An diese Idee habe ich mich geklammert, auch wenn das Risiko von Zwangsarbeit und Menschenhandel hoch ist. Das kam häufig vor und traf alle Gruppen, Männer, Schwangere, sogar Babys.

Ich kannte ihre Namen und Gesichter; ich hatte eine Beziehung zu diesen Menschen aufgebaut. An einen Tag haben wir sie noch im Internierungslager behandelt, am nächsten Tag waren sie verschwunden. Einfach weg über Nacht. Manche baten mich: »Bitte schicken Sie mich ins Krankenhaus, denn ich glaube nicht, dass ich morgen noch hier sein werde, wenn Sie es nicht tun.«

Europäische Staaten nennen es »Migrationsmanagement«

Es ist eine ständige Herausforderung für uns, die Menschen zu erreichen, die unsere Hilfe in Libyen benötigen. Wir müssen ständig mit den Behörden verhandeln, um den Zugang zu den Lagern zu haben. Manchmal haben die Wachen Patienten vor uns verborgen und nur bestimmte Personen in die Behandlungszimmer gelassen. Die Nachsorge von Patienten ist äußerst schwierig, wenn wir nicht nachvollziehen können, wohin sie gebracht wurden.

Wäre Ärzte ohne Grenzen nicht in Libyen, viele dieser Menschen hätten wohl gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Wir können die Leute nicht aus den Lagern holen. Aber indem ich dort war und jemanden mit einer schweren Wunde oder einer Atemwegsinfektion behandle und seiner Geschichte zuhörte, konnte ich zumindest für diesen einen Menschen die schreckliche Situation ein wenig besser machen. Es ist unsere Verantwortung, diese Geschichten zu erzählen, damit alle über diesen Kreislauf der Gewalt Bescheid wissen, den die europäischen Staaten unter dem Begriff »Migrationsmanagement« bewusst unterstützen.“