Libyen

„Wenn man mittendrin ist, merkt man, dass es keine Worte gibt, die ihr Leiden beschreiben“

In der vergangenen Woche kam es erneut zu einem schweren Schiffsunglück im Mittelmeer. Mehr als 100 Menschen werden vermisst, Augenzeug*innen berichten von mindestens 70 Leichen im Wasser. Unsere Krankenpflegerin Anne-Cecilia Kjaer war mit einem Team vor Ort in der libyschen Hafenstadt Choms und erzählt von ihrer Begegnung mit den Geretteten.

„Morgens erhielten wir einen Anruf, dass Menschen zu der Militärbasis in Choms gebracht wurden. Kurz darauf kamen wir mit unserem vierköpfigen Team an. Etwa 80 Menschen waren dort, die meisten aus Eritrea, dem Sudan, Ägypten und Bangladesch. Es war sehr heiß. Die Menschen saßen an eine Wand im Schatten gelehnt. Sie hatten kaum Kleidung an. Einige trugen nur ein Handtuch oder Unterwäsche. Sie standen unter Schock.

Wir identifizierten die medizinischen Notfälle: Einige der Geretteten hatten viel Meerwasser geschluckt und eingeatmet, konnten nur schwer atmen. Sie waren in einem sehr kritischen Zustand. Die Menschen lagen auf dem Boden, die Haut und Lippen aufgrund des Sauerstoffmangels blaugrau verfärbt. Es ging ihnen wirklich sehr schlecht. Unsere Ärzt*in untersuchte die Menschen mit den dringendsten Problemen, wir legten Infusionen, riefen einen Krankenwagen und überwiesen sieben Menschen in Krankenhäuser vor Ort.

Ein Mann aus dem Sudan, der buchstäblich aus dem Wasser gezogen wurde, erzählte unserem Team, dass er sah, wie seine Frau und seine Kinder ertranken. Fassungslos und in Schockstarre saß er da.

Als sich die Lage etwas beruhigte, gingen wir zu jedem, um weniger akute medizinische Beschwerden zu untersuchen und Wasser und Notnahrung zu verteilen. Die Geretteten waren sehr durstig. Mehrere Stunden waren vergangen, seitdem das Boot zu sinken begonnen hatte. Die Temperatur lag bei etwa 40 Grad. Die Menschen hatten kleine Wunden und Magenschmerzen vom Schlucken des Meerwassers. Sie waren erschöpft und traumatisiert. Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, befanden sich schon lange in den Händen von Menschenhändlern. Ihr Zustand war schlecht, sie sahen mangelernährt aus und schienen unter Blutarmut zu leiden.

Die Überlebenden erzählten uns, dass sie am Mittwochabend bei Sonnenuntergang die libysche Küste verlassen hatten, wahrscheinlich in drei aneinander festgebundenen Booten. Einige berichteten, ihr Boot wurde beschädigt und es gelangte Wasser hinein. Sie konnten die Fahrt nicht fortsetzen und versuchten, umzukehren. Sie seien nur ein paar Kilometer vom Ufer entfernt gewesen, als das Wasser im Boot stieg. Als sie weiter Richtung Küste fuhren, begann das Boot zu sinken. Die meisten Kinder konnten nicht schwimmen und selbst diejenigen, die schwimmen konnten, waren zu erschöpft, und sind untergegangen. Augenzeug*innen zufolge, trieben mindestens 70 Leichen im Wasser. Die Überlebenden wurden von Fischern gerettet, die sie nach Choms zurückbrachten. Berichten zufolge befanden sich mindestens 300 Menschen auf den Booten, darunter 50 Frauen und Kinder. Rund 100 weitere Menschen sollen auf einem anderen Boot gewesen sein. 

Kurz nach ihrer Ankunft in Choms wurde eine zweite Gruppe von 53 Überlebenden in den Hafen gebracht. Ein anderes Team von uns leistete an der Anlegestelle Nothilfe. Um ein Uhr morgens wurde eine weitere Gruppe von ca. 190 Menschen zurückgebracht. Möglicherweise wurden sie von der libyschen Küstenwache abgefangen. Die meisten von ihnen kamen aus dem Sudan, Eritrea und Somalia. Auch ein Kind war dabei. Wieder verteilten wir Nahrung und Wasser und untersuchten die Menschen. Es war nicht klar, ob sie zu den 400 Geretteten gehörten, die am Mittwoch abgefahren waren, oder ob sie zu einer anderen Gruppe gehörten. Wir versuchen, die Ereigniskette zu rekonstruieren, aber es sind kaum verlässliche, offizielle Informationen verfügbar. Die geretteten Menschen sind unsere Hauptinformationsquelle. Inzwischen haben alle, denen wir geholfen haben, den Hafen wieder verlassen. Wir wissen nicht, wo sie jetzt sind.

In den kommenden Tagen werden wir nach den sieben Menschen schauen, die wir ins Krankenhaus überwiesen haben, und ihren Gesundheitszustand überprüfen. Sie können nicht in Internierungslager gebracht werden. Sie müssen in sichere Unterkünften oder ein sicheres Land gebracht werden.

Die meisten Leute, die ich gestern betreut habe, haben einen grausamen Weg hinter sich. Sie werden nun erneut einem tödlichen Risiko ausgesetzt. Bevor sie den Schiffbruch überlebten, haben sie die Wüste durchquert, wurden von Menschenhändlern gefangen gehalten, waren Gewalt und Folter ausgesetzt. Dann sahen sie ihre Verwandten ertrinken, und jetzt werden sie wahrscheinlich unter schrecklichen Bedingungen in ein Gefängnis gesteckt. Oder sie werden in einem Kriegsland, in dem Flüchtlinge und Migrant*innen bekanntermaßen schwer misshandelt werden, spurlos verschwinden.

Ich bin sehr verärgert und es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass Menschen, die solch einem Ausmaß an Gewalt und Trauma ausgesetzt waren, so behandelt werden. Das muss aufhören. Man kann sich nicht vorstellen, wie diese Menschen leiden. Wenn man mittendrin ist, wenn man versucht, es auszudrücken, dann merke ich, dass es keine Worte gibt, die ihr Leiden beschreiben.“