Kolumbien

Leben in Ungewissheit

In den kolumbianischen Grenzprovinzen La Guajira, Norte de Satander und Arauca bieten wir u.a. Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Beratungen für die Geflüchteten an.

Fast drei Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner sind nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) aufgrund der ökonomischen und politischen Krise aus ihrem Heimatland geflohen. Circa 1,5 Millionen Menschen haben die Grenze zu Kolumbien überquert. Insbesondere in den Grenzregionen La Guajira, Norte de Santander und Arauca, wo viele Geflüchtete Zuflucht gesucht haben, sind die Lebensbedingungen besorgniserregend. Tausende Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, und es gibt keine Abwasserentsorgung. Es fehlt an Arbeitsmöglichkeiten, und das kolumbianische Gesundheitssystem kann den Bedarf der Geflüchteten nicht decken.

Es war der dritte Tag, an dem Poellis Córdoba und ihr Mann ausschließlich Mangos aßen, als ihnen klar wurde, dass es Zeit war zu gehen. Nachdem sie mehrere Monate lang ihre Nahrungsmittel streng rationiert hatten, damit ihre drei kleinen Kinder jeden Tag etwas zu essen bekamen, beschlossen sie, das Land zu verlassen, um zu überleben. „Mein Mann hatte einen guten Job als Maurer, und wir lebten relativ komfortabel. Aber nach und nach verschlechterte sich die Situation so sehr, dass das Geld irgendwann nur noch für Sardinen und Maismehl reichte. Irgendwann hatten wir nicht einmal mehr genug zu essen, um unsere Kinder zu ernähren. Da war uns klar, dass wir so nicht weitermachen können,“ erzählt Poellis Córdoba.

„Die Lebensbedingungen sind nicht leicht, aber zumindest gibt es Essen für die Kinder“

Die Familie ging nach Tibú, eine kolumbianische Grenzstadt in der Provinz Norte de Satander. Dort leben sie in einer informellen Siedlung, einer Ansammlung von Häusern mit Holzböden, Kunststoffwänden und Zinkdächern. Hier wohnen viele venezolanische Geflüchtete, die sich die Miete für eine andere Wohnung nicht leisten können. „Die Lebensbedingungen sind nicht leicht, aber zumindest gibt es ausreichend Essen für unsere Kinder“, sagt Poellis Córdoba. Immer wieder steht sie jedoch vor schwierigen Situationen: Vor kurzem litt ihr jüngstes Kind an einer kleinen Magenentzündung. „Da es noch nicht so schlimm schien, habe ich ihn zum Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen gebracht, da wir in den staatlichen Krankenhäusern nicht behandelt werden, wenn es kein Notfall ist,“ erklärt sie.

In den kolumbianischen Grenzprovinzen La Guajira, Norte de Satander und Arauca werden Venezolanerinnen und Venezolaner in staatlichen Gesundheitseinrichtungen nur behandelt, wenn es sich um Notfälle oder Entbindungen handelt, oder wenn sie Impfungen benötigen. In der Folge nutzten zwischen November 2018 und März 2019 mehr als 12.000 Venezolaner die von uns angebotene Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Beratungen. Insbesondere Frauen und Kinder sind durch den Mangel an medizinischer Versorgung gefährdet. Knapp 40 Prozent der Patientinnen und Patienten in unseren Kliniken waren jünger als fünf Jahre. Zudem leisteten wir rund 2.500 Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren. Die häufigsten Beschwerden sind Atem- und Harnwegsinfektionen, gynäkologische Erkrankungen, Hautallergien sowie Durchfallerkrankungen und Darmparasiten. Darüber hinaus haben rund 1.000 Menschen eine psychosoziale Beratung erhalten. Häufig behandeln wir dabei Angstzustände und Depressionen, die durch die unsicheren Lebensumstände, die schwierige Arbeitssuche oder die Trennung von Familienmitgliedern verursacht werden.

Das kolumbianische Gesundheitssystem braucht Unterstützung

„Der fehlende Zugang zu grundlegender und spezialisierter Gesundheitsversorgung für Venezolanerinnen und Venezolaner in Kolumbien ist eine Gesundheitskrise, die dringend mehr Aufmerksamkeit seitens der internationalen Gemeinschaft erfordert“, sagt Ellen Rymshaw, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Kolumbien. „Die medizinischen Bedürfnisse dieser Menschen überfordern das kolumbianische Gesundheitssystem, das nicht über die Ressourcen oder das Personal verfügt, um sie zu versorgen. Deshalb kommt es immer wieder dazu, dass Migranten nicht rechtzeitig in den Notaufnahmen versorgt werden, obwohl sie ein Recht darauf haben. Die humanitäre Hilfe muss ausgebaut und die staatlichen Krankenhäuser müssen direkt unterstützt werden, um die Gesundheitsversorgung der Menschen aus Venezuela zu verbessern.“

Täglich kommende Tausende über die Grenze auf der Suche nach medizinischer Versorgung

Nicht nur die bereits migrierten Venezolanerinnen und Venezolaner, die in diesem Länderdreieck leben, benötigen medizinische Versorgung. Täglich überqueren Tausende von Menschen die Grenze auf der Suche nach medizinischer Versorgung und Medikamenten. In vielen Fällen gelten ihre Krankheiten nicht als Notfälle, sie benötigen aber eine konsequente Behandlung, die sie in Venezuela nicht bekommen können.

Yamileth Gómez aus Seboruco im Nordwesten Venezuelas war mehr als vier Stunden unterwegs, um in Kolumbien ihre Schilddrüsenüberfunktion behandeln zu lassen. „In Venezuela ist die Medizin, die ich brauche, nicht verfügbar und hier kostet sie mehr, als ich mir im Moment leisten kann. Ich hatte nicht einmal das Geld für ein Busticket“, sagt sie. Yamileth war Lehrerin, aber sie musste ihre Arbeit aufgeben, da ihre Symptome wie Kopfschmerzen, Herzrasen, Erbrechen, Durchfall und Stimmprobleme zu stark wurden. „Ärzte ohne Grenzen unterstützt mich dabei, die Medikamente zu bekommen. Ich hoffe es klappt, damit ich wieder ein normales Leben führen kann.“

Die Geschichten unserer Patientinnen und Patienten zeigen, wie schwierig es für die Menschen ist, in Kolumbien ein neues Leben zu beginnen. Es fehlt an angemessenen Unterkünften, Arbeitsmöglichkeiten und einer umfassenden Gesundheitsversorgung. Das Leben der Menschen und ihr Wohlergehen hängen in einer Warteschleife mit ungewisser Zukunft.