"A Fair Shot" – Häufig gestellte Fragen

Worum geht es bei der Kampagne?

Ärzte ohne Grenzen setzt sich mit der Kampagne „A Fair Shot“ für bezahlbare Impfstoffpreise für Kinder weltweit ein. Die Kosten für die Impfung eines Kindes sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen: Für viele Länder wird es immer schwerer mit diesen steigenden Kosten umzugehen und viele verzögern sogar die Einführung bestimmter Impfstoffe. Auch wenn niedrigere Impfstoffpreise alleine nicht ausreichen, um dieses Problem vollständig zu  beheben, sind sie doch eine wichtige Vorbedingung dafür, dass mehr Kinder geimpft werden können

Warum ist diese Kampagne jetzt wichtig?

Ärzte ohne Grenzen ist - ebenso wie Regierungen und öffentliche Gesundheitssysteme - in den vergangenen vierzehn Jahren mit einem massiven Anstieg der Impfstoffpreise konfrontiert worden. Selbst wenn man den niedrigsten und am stärksten subventionierten Preis zugrunde legt – der nur für die ärmsten Länder gilt – kostet es heute 68-mal so viel, ein Kind vollständig zu immunisieren, wie noch vor zehn Jahren. Der hohe Preis des Pneumokokken-Impfstoffes ist eine der Hauptursachen dieses Preisanstiegs, denn er macht fast 45 Prozent der derzeitigen Impfkosten pro Kind aus.
Viele Länder leiden unter diesen steigenden Kosten. Im Mai 2015 verabschiedeten alle 193 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation einstimmig einen Beschluss, in dem sie ihrer Besorgnis über die steigenden Impfstoffpreise Ausdruck verleihen.
Diese starken Preissteigerungen verhindern, dass Kinder effektiv gegen eine der tödlichsten Krankheiten geschützt werden: An Lungenentzündung, meist ausgelöst durch Pneumokokken, sterben so viele Kinder unter fünf Jahren wie an keiner anderen Krankheit. Nach jahrelangen ergebnislosen Verhandlungen mit den produzierenden Pharmaunternehmen Pfizer und GlaxoSmithKline (GSK) über bezahlbare Preise für die Impfstoffe gegen Pneumokokken hat Ärzte ohne Grenzen nun beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen, um eine Preissenkung zu erreichen.

Warum heißt die Kampagne „A Fair Shot“?

Die Kampagne heißt im Deutschen „A Fair Shot – Bezahlbarer Impfschutz für jedes Kind“. Der erste Teil des Namens entspricht dabei dem internationalen Namen der Kampagne: „A Fair Shot“. Im Englischen hat dies eine doppelte Bedeutung: Einerseits beinhaltet es, dass alle Kinder eine Chance auf eine Pneumokokken bekommen sollten. Andererseits bezieht es sich auch auf die Möglichkeit der betroffenen Länder, faire Impfstoffpreise mit den Produzenten zu verhandeln.

Welche Impfstoffe sind zu teuer?

Momentan liegt unser Fokus darauf, die Preise der Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe zu senken. Diese schützen vor Lungenentzündung und anderen Atemwegerkrankungen. Lungenentzündung ist eine der Haupttodesursachen bei Kindern: Fast eine Million Kinder, vor allem in ärmeren Ländern, sterben jedes Jahr an Lungenentzündung. Es existieren zwar Impfstoffe, diese sind jedoch in vielen Teilen der Welt unbezahlbar.
Zugleich waren eben diese beiden Pneumokokken-Impfstoffe im Jahr 2014 die weltweit meistverkauften Vakzine. Den Herstellern Pfizer und GSK brachte der Verkauf der Impfstoffe seit 2009 gemeinsam mehr als 36 Milliarden US-Dollar (Stand Oktober 2016) Umsatzerlöse ein.

Was muss sich ändern, damit mehr Kinder die benötigten Impfstoffe erhalten?

Wir wissen, dass hohe Impfstoffpreise ein Haupthindernis für die Einführung neuer Impfstoffe in ärmeren Ländern sind. Zusätzlich gibt es weitere Herausforderungen für die Impfung von Kindern, wie etwa den Mangel an ausgebildetem Personal oder an Kühlkapazitäten in abgelegenen Gebieten. Diese Schwierigkeiten sind jedoch irrelevant, wenn ein Land die Impfstoffe aufgrund der hohen Preise erst gar nicht erwerben kann. Deshalb brauchen wir Ihre Unterstützung, um Pfizer und GSK dazu aufzurufen, ihre Pneumokokken-Impfstoffe bezahlbar zu machen.

Welche Art von Impfaktivitäten führt Ärzte ohne Grenzen durch?

Jedes Jahr impfen Teams von Ärzte ohne Grenzen Millionen von Menschen, vor allem zur Bekämpfung von Ausbrüchen von Masern, Meningitis, Gelbfieber oder Cholera. Ärzte ohne Grenzen unterstützt zudem die Routineimpfung in Projekten zur Mutter-Kind-Gesundheit. Allein im Jahr 2014 verabreichten unsere Teams fast vier Millionen Dosen Impfstoffe und immunisierende Produkte. In den vergangenen Jahren hat Ärzte ohne Grenzen auch Pneumokokken-Impfstoffe (PCV) in Nothilfeeinsätzen verwendet.

Warum sind Impfstoffe so teuer?

Dauerhaft hohe Impfstoffpreise sind die Folge mangelnden Wettbewerbs. Wenn lediglich zwei Hersteller einen Impfstoff produzieren – also ein sogenanntes Duopol besteht – können Preisstrategien ausbeuterische Formen annehmen, weil die Hersteller keine preissenkende Konkurrenz zu fürchten brauchen. Die Förderung von Wettbewerb und die Offenlegung von Informationen zu Produktions- und Herstellungskosten können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Preise signifikant zu senken.

Die Informationen, die Ärzte ohne Grenzen durch aufwändige Recherchen im intransparenten Impfstoffmarkt zusammentragen konnte, weisen eindeutig darauf hin, dass die derzeitige Preisgestaltung bei den Pneumokokken-Impfstoffen opportunistisch und irrational ist. Ein Beispiel: Menschen in Marokko (96,36 US-Dollar) oder dem Libanon (94,54 US-Dollar) müssen mehr für das Produkt bezahlen als Menschen in Frankreich (75,32 US-Dollar). (Die Preise beziehen sich auf Pfizer‘s PCV13 – Stand Januar 2015)

Warum sind umfassendere Informationen zur Preisgestaltung wichtig, um Impfstoffpreise zu senken?

Verlässliche und transparente Informationen über Impfstoffpreise sind entscheidend, damit Länder Preise vergleichen und verbesserte Konditionen aushandeln können – und so letztlich mehr Kindern den Zugang zu lebenswichtigen Impfungen ermöglichen können.  Ein Produkt zu erwerben und dabei einen fairen Preis auszuhandeln, ist schwierig, wenn man keine Informationen darüber hat, wie hoch der Preis in anderen Ländern ist oder wie viel die Produktion kostet. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt aus diesem Grund, Daten zur Preisgestaltung öffentlich zu machen. Doch die Pharmafirmen weigern sich bislang standhaft, ihre Preisgestaltung transparent zu machen.

Wie ist Ärzte ohne Grenzen auf den Zielpreis von fünf US-Dollar gekommen?

Trotz der schwierigen Datenlage haben wir alle öffentlich zugänglichen Informationen zur Produktion der Pneumokokken-Impfstoffe ausgewertet, um ein realistisches und bezahlbares Preisniveau zu bestimmen.
Darüber hinaus hat der indische Impfstoffhersteller Serum Institute öffentlich erklärt, dass er einen Pneumokokken-Impfstoff für sechs US-Dollar pro Kind (Gesamtpreis für drei Dosen) verkaufen wird, wenn er den Impfstoff auf den Markt bringt (was erst in etlichen Jahren der Fall sein dürfte).

Der niedrigste, subventionierte Preis, zu dem die Pneumokokken-Impfstoffe heute erhältlich sind, liegt bei etwa zehn US-Dollar (Gesamtpreis für drei Dosen) und gilt nur für die ärmsten Länder. Diese beziehen die Impfstoffe über die Impfallianz Gavi. In einer 2013 veröffentlichten Erklärung kommt die Allianz zu dem Ergebnis, dass der Verkaufspreis für die Pneumokokken-Impfstoffe wohl sehr deutlich über den Herstellungskosten liegt. Gleichzeitig haben Pfizer und GSK in den letzten fünf Jahren bereits mehr als 28 Milliarden US-Dollar Erlöse durch den Verkauf der Impfstoffe erzielt, vor allem durch den Absatz in wohlhabenden Ländern.

Pfizer und GSK behaupten, dass sie bereits ihr Möglichstes tun, um den Preis der Pneumokokken-Impfstoffe zu senken. Stimmt das?

GSK behauptet, dass die Firma beim momentan global geringsten Preis für ihren Pneumokokken-Impfstoff (erhältlich für die ärmsten Länder über Gavi) nur einen kleinen Gewinn macht. Pfizer spricht in diesem Zusammenhang gar von einem Verlust. Informationen, die dies belegen könnten, werden jedoch von den Unternehmen nicht zur Verfügung gestellt und andere verfügbare Daten zeigen, dass die aktuellen Preise deutlich über den Herstellungskosten liegen. Wir wissen, dass sich viele ärmere Länder, die weder Unterstützung von Gavi erhalten, noch Zugang zu den Preisen haben, die Gavi aushandelt, eine Einführung des Pneumokokken-Impfstoffs nicht leisten können.

Seit 2009 haben Pfizer und GSK haben zusammengenommen bereits mehr als 36 Milliarden  US-Dollar (Stand Oktober 2016) über den Verkauf des Impfstoffes eingenommen. In ärmeren Ländern sollten die Preise für die Impfstoffe generell so nah wie möglich an den Produktionskosten liegen.

Wie viel kosten die Pneumokokken-Impfstoffe derzeit?

Der weltweit niedrigste Preis für den Pneumokokken-Impfstoff liegt momentan bei rund zehn US-Dollar pro Kind (Gesamtpreis für drei Dosen). Er wird durch Steuerzahler stark subventioniert und gilt lediglich für die Impfallianz Gavi. Diese macht den weltweit ärmsten Staaten Impfstoffe zugänglich, allerdings nur der Untergruppe der am wenigsten entwickelten Länder. Mehr als 30 Prozent der momentan noch von Gavi unterstützten Länder verlieren jedoch in der nächsten Zeit diese Finanzhilfe und werden in Zukunft den Gesamtpreis von zehn US-Dollar pro Kind selbst tragen müssen. Für viele Länder wird dies nicht finanzierbar sein. Letztlich werden diese Länder auch den Zugang zu den vergünstigten Preisen von zehn US-Dollar pro Kind verlieren und wahrscheinlich einen bis zu sechsmal höheren Preis für den Pneumokokken-Impfstoff zahlen müssen.
Aber auch andere Länder zahlen deutlich höhere Preise, darunter Länder mit mittlerem Einkommen und Länder ohne Anrecht auf eine Gavi-Finanzierung. Beispielsweise ist es einem Staat wie Tunesien nicht möglich, den hohen Impfstoffpreis zu tragen. Eltern in Tunesien, die ihre Kinder gegen Pneumokokken impfen lassen wollen, müssen darum mehr als 190 US-Dollar pro Kind privat aufbringen.

Als Ärzte ohne Grenzen im Sommer 2016 in Griechenland Kinder im Flüchtlingslager gegen Pneumokokken geimpft hat, mussten wir den Marktpreis in Griechenland von 60 EUR pro Dosis für den Pneumokokken-Impfstoff zahlen. Im September 2016 kündigte GSK an, die Preise für seinen Pneumokokken-Impfstoff für humanitäre Organisationen, die Flüchtlinge und Kinder in Krisensituationen betreuen, zu senken. Er wird zukünftig dem Preis entsprechen, der auch der Impfallianz Gavi gewährt wird. Es ist zu hoffen, dass dieser Schritt nun auch Pfizer zu einer drastischen Preissenkung bewegt.

Warum hat Ärzte ohne Grenzen den Pneumokokken-Impfstoff als Sachspende von Pfizer und GSK in der Vergangenheit angenommen – und lehnt dies nun ab?

Ärzte ohne Grenzen hat fast fünf Jahre lang Verhandlungen mit Pfizer und GSK geführt, um die Pneumokokken-Impfstoffe zu fairen und nachhaltigen Preisen zu erhalten. Unsere Bemühungen scheiterten, während gleichzeitig aber der medizinische Bedarf weiterhin besteht. Jedes Jahr sterben fast eine Million Kinder an Lungenentzündung. Daher akzeptierte Ärzte ohne Grenzen vor einigen Jahren Schenkungen von beiden Unternehmen.

Die Annahme dieser Impfstoffspenden war für uns aber eine absolute Ausnahme, denn einer der Grundsätze von Ärzte ohne Grenzen besagt, dass keine Spenden von Firmen angenommen werden, die ihr Einkommen aus der Produktion oder dem Verkauf von Tabak, Alkohol, Waffen, pharmazeutischen Produkten sowie Mineralien, Öl, Gas oder anderen Rohstoffen generieren.

Im Jahr 2015 startete Ärzte ohne Grenzen die Kampagne „A Fair Shot – bezahlbarer Impfstoff für jedes Kind“. Im Zuge erster Erfolge wie der Preissenkung der Impfstoffe von GSK für humanitäre Organisationen, die Flüchtlinge und Kinder in Krisensituationen betreuen, bot Pfizer Ärzte ohne Grenzen eine erneute Spende der Impfstoffe an. Diese haben wir abgelehnt: Denn Schenkungsprogramme sind keine nachhaltige und sinnvolle Lösung für das grundsätzliche Problem, dem wir gegenüber stehen: Exorbitante Impfstoffpreise, die für viele Länder nicht finanzierbar sind. Eine ausführliche Erklärung zur Ablehnung der Impfstoff-Spende finden Sie (in englischer Sprache) hier.