Jemen

Besorgniserregende schwere Mangelernährung unter Kindern im Norden

Die Zwillinge wurden in unserem Krankenhaus in der Stadt Abs gegen Masern behandelt (Archivbild von 2019). Momentan behandeln wir dort sehr viele Kinder gegen Mangelernährung.

„Es gibt viele Gründe, warum diese Kinder an Mangelernährung leiden. Doch die meisten sind auf diesen brutalen, seit sechs Jahren andauernden Konflikt zurückzuführen“, berichtet unsere Einsatzleiterin Muriel Boursier aus der Stadt Abs. Im letzten Halbjahr 2020 ist die Zahl der an Mangelernährung leidenden Kinder um 41 Prozent  gestiegen im Vergleich zum Vorjahr. Die meisten von ihnen sind unter fünf Jahre – so wie der kleine zwei Jahre alte Hamdi. Er ist in seinem kurzen Leben bereits zum zweiten Mal bei uns in Behandlung. In ihrem Bericht erzählt Muriel Boursier von dem kleinen Jungen und davon, wie herausfordernd humanitäre Hilfe im Jemen ist. Es fällt ihr schwer zu glauben, dass die Regierungen und humanitären Akteure im 21. Jahrhundert nicht mehr für die Kinder in Abs tun könnten. Sie fordert, die Menschen nicht im Stich zu lassen.

Schwere Mangelernährung ist mit einer Vielzahl anderer Gesundheitsprobleme verbunden, die für Babys und Kleinkinder tödlich sein können, wenn sie nicht behandelt werden. Hamdi ist bereits zum zweiten Mal als Patient in unserem Krankenhaus. Bei seinem ersten Aufenthalt war er fünf Monate alt. Jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, leidet er unter schwerer Mangelernährung und Lungenentzündung. Seine Augenlider sind angeschwollen, er hustet durchgehend und kann nur schwer atmen. Seine Familie lebt im Jemen, einem Land, das die vergangenen sechs Jahren von Krieg beherrscht wurde – für ihn ist es also sein ganzes Leben schon so.

„Es ist furchtbar mitanzusehen, wie es den Kindern geht“

Um diese Jahreszeit sehen wir normalerweise immer einen Anstieg an Mangelernährung in unseren Krankenhäusern, aber in diesem Jahr ist es schlimmer: Wir haben 41 Prozent mehr Betroffene als im Vergleichszeitraum von sechs Monaten im vorvergangenen Jahr. Es ist furchtbar mitanzusehen, wie es den Kindern geht, die in dieser abgelegenen Stadt im Krankenhaus aufgenommen werden. Unsere Teams haben seit Beginn dieses Jahres mehr als hundert Kinder behandelt. 

Der Krieg hat die Wirtschaft zerstört und damit die Lebensgrundlage für viele Menschen. Sie können sich kein Essen mehr leisten, um ihre Familien zu ernähren; kein Benzin, um zur Arbeit zu fahren oder eine Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen. Viele Angestellten im öffentlichen Dienst – darunter auch Gesundheitspersonal – wurden seit Jahren nicht bezahlt. Währenddessen steigen die Preise kontinuierlich. Ohne humanitäre Hilfe würden viele Familien gar nichts mehr zu essen haben.

„Hilfe ist oft nicht durchgehend möglich, unzureichend und unterfinanziert“

Der Großteil der jemenitischen Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Es ist aber für die Hilfsorganisationen eine große Herausforderung, viele der besonders Schutzbedürftigen überhaupt zu erreichen. Die humanitäre Hilfe im Jemen ist oft nicht durchgehend möglich, ist unzureichend und auch unterfinanziert.

Wir sind seit mehr als fünf Jahren in Abs im Einsatz. Es bräuchte hier dringend durchgehende und nachhaltige Ernährungsprogramme und einen verbesserten Zugang zu Wasserversorgung in den Vertriebenenlagern sowie in den Gemeinden, die innerhalb des Landes Geflohene aufnehmen. Zurzeit ist die Zahl der Patient*innen, die wir behandeln, oft größer als die Kapazitäten des Krankenhauses.

Muriel Boursier ist unsere Einsatzleiterin in der Stadt Abs. Sie erzählt von den Schwierigkeiten des Einsatzes und dem Leid der Menschen vor Ort.

 

„Normale Kinderkrankheiten“ werden lebensgefährlich

Durch Mangelernährung werden die Kinder anfällig für zahlreiche weitere Krankheiten, die zum Tod führen können, wenn sie nicht behandelt werden. Durchfall- oder Atemwegserkrankungen und Masern fallen für viele Kinder weltweit unter „normale Kinderkrankheiten“. Für ohnehin geschwächte Kinder, die nicht ausreichend Nährstoffe zu sich nehmen, können sie lebensgefährlich werden – vor allem, wenn sie nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kommen. Hier fehlt es auch am Zugang zu einer niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung, weil die entsprechenden Strukturen zerstört sind.

„Hamdis Geschichte ist leider keine außergewöhnliche“

Unter den Tausenden Patient*innen, die wir im Krankenhaus in Abs jedes Jahr behandeln, ist Hamdis Geschichte leider keine außergewöhnliche. Alle Eltern von Kindern machen sich hier große Sorgen wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation: Väter sind tagelang auf der Suche nach Arbeit, um Essen und Benzin kaufen zu können. Mütter versuchen ihr Bestes, um die Familien zu ernähren. Doch trotz aller Versuche haben viele Kinder zu wenig zu essen. Obwohl immer wieder darüber berichtet wird, ändert sich vor Ort kaum etwas. Die Welt ist mit anderen Prioritäten beschäftigt. Dennoch fällt es schwer zu glauben, dass die Regierungen und humanitäre Akteure im 21. Jahrhundert nicht mehr für die Kinder in Abs tun könnten.

Die Menschen im Jemen werden bis an den Rand ihrer Widerstandsfähigkeit gebracht. Rund 233.000 Menschen sind seit 2015 im Krieg gestorben1 und Millionen wurden - oft mehrmals -, aus ihrer Heimat vertrieben2. Durch die Gewalt wurde die Infrastruktur, besonders auch das Gesundheitssystem, zerstört. Die Zivilbevölkerung kann so nicht mehr weitermachen. Alle Konfliktparteien, die internationale Gebergemeinschaft und humanitäre Organisationen müssen sicherstellen, dass die Menschen Zugang zu Nahrungsmitteln und lebensnotwendigen Leistungen haben. Sie müssen dafür sorgen, dass die humanitäre Hilfe jene erreicht, die sie am dringendsten benötigen. Die Kinder, die wir im Krankenhaus in Abs behandeln, die gegen alle Widrigkeiten schwere Mangelernährung, Herzkrankheiten, Lungenentzündungen und andere Krankheiten überleben, dürfen wir nicht im Stich lassen.   

1 UN OCHA December 2020

2UNHCR December 2020