Jemen

"Die Luftangriffe gingen weiter – zehn bis fünfzehn fast jeden Tag"

Die Trümmer des Krankenhauses in Haydan, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird.

Am 26. Oktober zerstörte ein Luftangriff der von Saudi-Arabien geführten Koalition ein Krankenhaus in Haydan, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird. Unsere Projektkoordinatorin Miriam Czech besuchte Haydan mehrmals in der Woche, um dort das Personal und die Patienten zu unterstützen. In ihrem Erfahrungsbericht erzählt sie von der Situation in der Stadt in den Tagen vor und nach den Luftangriffen.  Vor der Bombardierung war das Krankenhaus für 200.000 Menschen zuständig. Jetzt haben viele der Einwohner in Höhlen in den Bergen rund um die Stadt Zuflucht gefunden.

Wie sieht es in der Stadt Haydan aus?

Haydan ist eine kleine Stadt in einem Bergtal. Seit meinem ersten Besuch im September hat sie sich komplett verändert. Die Hauptstraße, Häuser und Geschäfte wurden dem Erdboden gleich gemacht. Es ist komplett leer und alles, was noch übrig ist, ist zerbombt. Die Flugzeuge der Koalition haben die Stadt und die umliegende Region wiederholt bombardiert.

Das Personal des Krankenhauses erzählte mir, dass bereits im Juni und Juli nur 250 Meter entfernt von der Einrichtung Bomben einschlugen. Im Oktober waren die Luftangriffe dann noch schlimmer, vor allem in der Woche vom 12. Oktober. Mehrere Dörfer erlitten Schäden, viele Häuser und der Markt wurden zerstört. Doch die Luftangriffe gingen weiter – zehn bis fünfzehn fast jeden Tag. Haydan und die Umgebung wurden Tag und Nacht angegriffen. In der Nacht vom 26. Oktober dauerte die Bombardierung zwei Stunden an. Das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Krankenhaus wurde während der ersten Angriffswelle völlig zerstört. Von der Notaufnahme und von den Behandlungsräumen ist nichts mehr übrig, auch die Entbindungsstation und die stationäre Abteilung sind zerstört.

Gab es Opfer im Krankenhaus?

Glücklicherweise gab es keine Opfer. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hielten sich nicht in dem Teil des Gebäudes auf, das durch den ersten Angriff betroffen war und konnten sich in Sicherheit bringen. An diesem Abend waren zum Glück auch keine Patienten im Krankenhaus.

Wie sah die Arbeit im Krankenhaus vor dem Angriff aus?

Das Krankenhaus in Haydan war das einzige Krankenhaus der Region, das noch funktionierte. An den Tagen nach der Bombardierung traf ich mich mit meinen Kollegen und Kolleginnen. Sie waren noch sehr geschockt, wollten aber sofort wieder an die Arbeit gehen.  Denn dort war immer viel zu tun: In der Woche vor dem Luftangriff gab es 16 Geburten auf der Entbindungsstation. 150 Patientinnen und Patienten wurden in der Notaufnahme behandelt. Davon waren 76 Opfer von Gewalt, viel mehr als üblich. Das Krankenhaus in Haydan hatte auch eine ambulante Station, wo Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums pro Woche rund 100 Sprechstunden gaben. 60 Kinder, die an Mangelernährung leiden, konnten so medizinisch unterstützt werden.

In der gleichen Woche, in der das Krankenhaus angegriffen wurde, wurde auch das Haus einer 17-köpfigen Familie in der Ortschaft Al Kraid beschossen. Elf Menschen, darunter einige schwangere Frauen und Kinder, waren entweder schon tot, als sie hier ankamen, oder verstarben direkt bei Ankunft in der Notaufnahme. Nur drei Personen konnten von uns noch behandelt werden, drei andere Personen wurden ins Krankenhaus in Saada gebracht.

Wie gehen die Menschen mit den schweren, andauernden Luftangriffen um?

Obwohl es inzwischen wieder weniger Angriffe auf Haydan zu geben scheint, sind ihre Nachwirkungen noch immer sehr präsent. Nach den Luftangriffen sahen wir Menschen in beladenen Autos aus der Stadt heraus fahren. Die Einwohner fliehen in Höhlen, die in die Felsen rund um Haydan geschlagen sind. Einige berichteten mir, dass sich mehrere Familien in einer Höhle verstecken können. Aber sie können dort nicht im Liegen schlafen, weil sie kaum genug Platz zum Sitzen haben. Sie verlassen die Höhlen nur, um Essen zu suchen. Mit Steinen blockieren sie den Eingang zu den Höhlen.

Ist Haydan der einzige Ort, der bombardiert wird?

Die ganze Region steht unter Beschuss, dazu gehören auch Dörfer und Straßen. Durch die Explosionen sind sie übersät mit Kratern und überall stehen zerstörte LKWs. Auf der Hauptroute nach Saada wurden mehrere Brücken zertrümmert. Das Krankenhaus in Saqim wurde im letzten Juni durch einen Luftangriff der Koalition verwüstest. Ende August traf es auch das Gesundheitszentrum in Maran. Die kleine Stadt Kitaf, wo es ein Krankenhaus gibt, das wir gerne unterstützen würden, wird auch regelmäßig bombardiert, ebenso die Dörfer von Majz und die Städte von Razeh und Ghamr. Überall kommt es zu häufigen, wahllosen Bombardierungen.

 

Ärzte ohne Grenzen leistet derzeit in mehr als 70 Ländern unparteiisch und kostenlos medizinische Hilfe für Menschen in Not. Im Jemen sind Teams der Hilfsorganisation in acht Gouvernements tätig: In Saana, Saada, Aden, Tais, Amran, Al-Dhale, Ibb und Hajja. Seit dem Beginn der Krise im Jemen im März hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 15.500 Kriegsverletzte behandelt; neben diesen Notfällen wird weiterhin die medizinische Grundversorgung aufrechterhalten.