Jemen

Ärzte ohne Grenzen behandelt Dutzende Verletzte nach Angriffen auf Märkte und Wohngebiete

Sanaa/Berlin,  7. Juli 2015. In den vergangenen Tagen hat Ärzte ohne Grenzen nach Luftangriffen und Artillerie-Beschuss in verschiedenen Landesteilen des Jemen Dutzende Verletzte behandelt. Die internationale Hilfsorganisation betont, dass Luftangriffe in dichtbesiedelten Gebieten inakzeptabel sind.

Am Wochenende musste ein Team von Ärzte ohne Grenzen in Beni Hassan, im Bezirk Harad im Nordwesten des Landes, nach einer Serie von Luftangriffen auf einen belebten Markt 67 Verwundete behandeln. Die Angriffe fanden am Samstagabend statt, als die Bewohner gerade das Ramadan-Fasten brachen. Der Angriff auf den Markt begann um 20.30 Uhr, als eine Kochgas-Station getroffen wurde. Eine halbe Stunde später folgte ein zweiter Angriff auf das Zentrum des belebten Marktes. Dabei wurden auch zwei Restaurants und ein Hotel getroffen.

Ein Team von Ärzte ohne Grenzen kam etwa eine halbe Stunde später an, während Privatautos und öffentliche Transportmittel bereits Dutzende Verletzte in das Gesundheitszentrum brachten. Die Helfer stabilisierten die Verletzten und überstellten drei Patienten in die größeren Krankenhäuser der Region in den Städten Hadscha und Hodeida. Die medizinischen Teams in Beni Hassan, wo Ärzte ohne Grenzen seit Mai tätig ist, waren von den vielen Patienten und dem Schweregrad ihrer Verletzungen überfordert. „Es war schrecklich. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im kleinen Gesundheitszentrum von Beni Hassan so viele Schwerverletzte gleichzeitig behandeln müssen“, sagt ein Arzt, der für Ärzte ohne Grenzen in dem Ort tätig ist. „Das ganze Team ist schockiert, vor allem weil dies Menschen passiert ist, die einen Abend im Ramadan genossen.“

Rund 20 Personen wurden bei den Angriffen auf den Markt getötet. Das Team hat am nächsten Tag neun Leichen aus den Trümmern geborgen. Auch wurde ein verletzter älterer Mann geborgen und in das Gesundheitszentrum von Beni Hassan gebracht. Ärzte ohne Grenzen hat nach den Angriffen Material zur Behandlung von 100 Verletzten an das Krankenhaus in Hadscha geliefert, in das insgesamt 40 Verletzte gebracht wurden, und stellte Rettungswagen und Benzin zur Verfügung.

„Es ist inakzeptabel, dass Luftangriffe in dicht besiedelten Gebieten stattfinden, in denen Zivilisten ihrem Alltag nachgehen, insbesondere in Zeiten des Ramadan“, erklärt Colette Gadenne, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Jemen.

Im Süden des Jemen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen gestern 23 verletzte Zivilisten nach einem Luftangriff auf den Alfayush-Markt im Gouvernement Lahj behandelt. In der nahe gelegenen Stadt Aden wurden am 1. Juli nach dem schweren Beschuss eines Wohnviertels im Bezirk Al-Mansoora mehr als 80 Verletzte von Ärzte ohne Grenzen behandelt, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Aufgrund von Artillerie-Beschuss und Kämpfen in Aden werden laufend Verletzte in die chirurgische Notfallklinik von Ärzte ohne Grenzen gebracht. In den vergangenen vier Monaten wurden hier über 2.800 Verletzte behandelt.

Im östlichen Gouvernement Amran wurden am Sonntag sieben Verletzte in ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus eingeliefert. Sie waren bei Luftangriffen auf Harf Sufian verwundet worden. Unter den Patienten waren auch drei Kinder, die jünger als 13 Jahre alt waren. Im Gouvernement Tais im Südwesten des Jemen hat Artillerie-Beschuss viele Opfer gefordert, auch Frauen und Kinder. Zwischen dem 2. und 5. Juli wurden nach dem Beschuss mehrerer Wohnviertel 93 Verletzte und 16 Tote in das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Al-Rawdah-Krankenhaus eingeliefert. Allein am Samstag wurden 18 Verletzte in das Krankenhaus gebracht, darunter war auch ein einjähriges Baby. Seit März wurden bereits 2.193 Verletzte und 298 Tote in das Al-Rawdah-Krankenhaus eingeliefert.
 
Die humanitäre Lage im Jemen verschlechtert sich zunehmend. Familien stecken zwischen den Fronten fest und haben keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, Treibstoff oder Gas zum Kochen. Neben den Angriffen auf dichtbesiedelte Gebiete werden auch Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal gezielt angegriffen. Das hat schwerwiegende Folgen für die medizinische Hilfe. So wurde Mitte Juni das Krankenhaus von Harad angegriffen – eines der wenigen Krankenhäuser in der Region Hadscha, das noch funktionstüchtig war. Die Arbeit in der Einrichtung musste eingestellt werden. Bei einer Erkundung des bombardierten Krankenhauses wurde ein Team von Ärzte ohne Grenzen ebenfalls angegriffen und musste fliehen.

Die internationale humanitäre Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist weltweit in mehr als 60 Ländern tätig. Im Jemen sind Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Gouvernements Aden, Sanaa, Al-Dhale, Amran, Saada, Tais und Hadscha im Einsatz.