Jemen

Dringend Hilfe in abgelegenen Gebieten aufgrund von Cholera-Ausbruch notwendig

Die sieben Kinder von Saleha Ali Muhsen haben während des Ausbruchs im Mai ihren Vater verloren. In ihrem abgelegenen Dorf Al Ghwadi im Osman-Tal wusste bis vor kurzem niemand, dass die Krankheit existiert.

Vier Monate nach Ausbruch der Krankheit sterben vor allem in abgelegenen Gebieten des Landes weiterhin viele Menschen. Mehr als 430.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben seit Ende April erkrankt. In den vergangenen zehn Tagen ging die Zahl der Neuerkrankungen zwar leicht zurück. Die Situation in den ländlichen Regionen bleibt aber angespannt. Die Krankheit wird von vielen dort nicht erkannt und Behandlungszentren liegen weit entfernt. Die Hilfe muss schnellstens ausgebaut und präventive Maßnahmen auf kommunaler Ebene ergriffen werden.

„Er starb noch am selben Tag, aber niemand wusste, warum“

„Vor einigen Wochen bekam einer meiner Nachbarn schweren Durchfall und Erbrechen“, berichtet Zayed Al Goidi aus dem Dorf Beit Al Ghwadi im Osman-Tal, einer der entlegensten Regionen in der Provinz Amran. „Er starb noch am selben Tag, aber niemand wusste, warum. Wir haben keine Fernseher oder Telefone und nur wenige haben ein Radio, deswegen hat es sehr lang gedauert, bis wir verstanden haben, dass es Cholera war. Die nächste Gesundheitseinrichtung ist außerdem mehrere Stunden vom Dorf entfernt, und die Fahrt kostet bis zu 60 US-Dollar. Wir sind arm. Wie sollen wir so viel Geld für eine Autofahrt zahlen können?“

Unser Notfallkoordinator Dr. Mohamed Musoke reiste vor kurzem in das Dorf Beit Al Ghwadi. „Der Weg dorthin ist beschwerlich und der Ort ist nahezu komplett abgeschnitten", beschreibt er. „Auf unserem Weg hierher haben wir den Fluss überquert, die wichtigste Wasserquelle für die Gemeinde. Wir haben Tiere gesehen, die aus ihm getrunken haben, wir haben Menschen gesehen, die ihre Kleidung darin gewaschen haben und wir haben Mütter gesehen, die ihren Kindern das Wasser zum Trinken gegeben haben."

„Wir können nicht nur die behandeln, die es zu uns schaffen“

Unsere epidemiologischen Daten zeigen, dass das Osman-Tal eine der am stärksten betroffenen Regionen ist. „Die abgeschiedene Lage, die schlechten Lebensbedingungen und das mangelnde Wissen über die Krankheit tragen zur Verbreitung und zu der Zahl der Todesfälle bei“, sagt unser Landeskoordinator Ghassan Abou Chaar. „Wir können nicht warten und nur die behandeln, die es zu uns schaffen. Wenn wir Regionen wie das Osman-Tal nicht erreichen, werden die Menschen weiter sterben. Brunnen und Wasserstellen müssen gesäubert oder mit Chlor behandelt werden. Die Menschen müssen darüber aufgeklärt werden, wie sie sich schützen können. Vor allem mit Blick auf die bevorstehenden Regenzeit."

Seit Beginn des Cholera-Ausbruchs hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 82.000 Patientinnen und Patienten behandelt - ein Fünftel aller im Land registrierten Fälle. Ärzte ohne Grenzen ruft andere Organisationen zu einer koordinierten Reaktion auf, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Dafür müssen dringend Maßnahmen für sauberes Trinkwasser, Sanitäranlagen und Gesundheitserziehung eingeleitet werden. Mitte Juli haben Teams von Ärzte ohne Grenzen bereits Hygieneartikel an Hunderte Haushalte im Osman-Tal verteilt und Informationsveranstaltungen organisiert.