Irak

Hoffnung für Kriegsverletzte – eine neue chirurgische Klinik für Ost-Mossul

Anfang April hat unser Team eine neue Klinik in Ost-Mossul zur Behandlung von Verletzten und Traumatisierten des Konflikts eröffnet.

Mossul ist eine traumatisierte Stadt. Die heftigen Kämpfe zwischen der irakischen Armee und dem so genannten Islamischen Staat, die bis November 2017 ausgetragen wurden, hinterließen nicht nur zerstörte Gebäude und Infrastruktur. Es bleiben vor allem viele Patientinnen und Patienten, die dringend auf Nachbehandlungen angewiesen sind. Neun Krankenhäuser wurden während der Kämpfe komplett zerstört. Von ehemals mehr als 3.500 Krankenhausbetten in Mossul sind heute weniger als 1.000 übrig. Anfang April haben wir nun eine neue chirurgische Klinik eröffnet.

Den physischen Leiden der Menschen zu begegnen, ist die eine Aufgabe. Viele Verletzte konnten zu Kriegszeiten oft nur hastig operiert werden, um ihr Leben zu retten. Doch nun brauchen sie weitergehende Nachbehandlungen in Form von Operationen, Schmerzbehandlung und Physiotherapie, um ihre verletzten Gliedmaßen und Muskeln wieder bewegen zu können. Hinzu kommen die psychischen Bedürfnisse der mehrfach traumatisierten Menschen. Daher wird in der neuen Klinik zusätzlich psychologische Hilfe angeboten. 

Die neue Klinik wurde in Containern  auf dem Gelände der Krankenhäuser Al-Salaam und Al-Shifa errichtet. Neben einem mobilen OP-Saal verfügt die Einrichtung über eine 33-Betten-Station, in der sich die Patientinnen und Patienten nach ihrer Operation erholen können. Weiterhin beinhaltet die Klinik ein Rehabilitationszentrum, das wir gemeinsam mit Handicap International betreiben. Insgesamt 30 spezialisierte Medizinerinnen und Mediziner, sowohl Iraker als auch internationale Mitarbeiter, sind in der Klinik im Einsatz. 

„Was mich am stärksten betroffen macht –  die allgegenwärtige Traumatisierung in Mossul“

Wie sehr die Menschen in und um Mossul mit ihren Traumata zu kämpfen haben, beschreibt Abdalla Hussein, der zwei Monate lang unser Landeskoordinator im Irak war: „Die deutlichen Anzeichen seelischer Verletzungen sind allgegenwärtig. Die örtlichen Behörden sind damit beschäftigt, Leichen aus dem Schutt zu bergen. Stellen Sie sich mal vor, wie das für die Menschen sein muss, die hierher zurückkehren. Sie könnten ihr eigenes Haus zum ersten Mal wieder betreten, ohne zu wissen, dass eventuell ein Sprengsatz versteckt ist. … Es ist das, was mich am stärksten betroffen macht –  die allgegenwärtige Traumatisierung in dieser Stadt ...“

Es ist eine schwierige Situation. Nach Abflauen der Kämpfe wollen viele Menschen nach Hause zurückkehren, können das aber aus verschiedenen Gründen nicht. So erklärt Hussein: „In den Lagern haben die Menschen in der Regel Zugang zu Wasser und Nahrung. Dagegen gibt es in manchen Orten, zu denen die Menschen zurückkehren, keinen Zugang zu Wasser und Strom. In mancher Hinsicht sind die Bedürfnisse innerhalb und außerhalb der Lager aber ähnlich. Beispielsweise fehlt in den ländlichen Gegenden des Regierungsbezirks Ninawa eine medizinische Grundversorgung und viele Menschen leiden unter psychischen Problemen. Die Bevölkerung wurde traumatisiert, sowohl körperlich, als auch mental.“

Vertriebene Menschen: Zwischen einem Leben im Lager und Rückkehr nach Hause

Die langanhaltende humanitäre Krise im Irak ist das Resultat der jüngsten Periode bewaffneter Konflikte zwischen 2014 und 2017. Rund 5,8 Millionen Irakerinnen und Iraker wurden während dieser Zeit zur Flucht gezwungen. Während zwar mehr als 3,5 Millionen Menschen in ihre Heimatorte zurückgekehrt sind, leben immer noch 2,3 Millionen weiterhin als Vertriebene im Land. Der humanitäre Hilfsbedarf im Irak bleibt hoch.

So schätzt es auch Abdalla Hussein ein: „Viele Menschen, die in ehemaligen Konfliktregionen leben, leiden weiterhin darunter, dass sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Mehr als eine halbe Million Menschen lebt in provisorischen Siedlungen und Lagern. Einige haben sich auf den Weg nach Hause gemacht, aber dort gibt es Probleme mit Schutz und Sicherheit. Außerdem wurden im Krieg viele Gesundheitseinrichtungen zerstört und gelegentlich flammen immer noch Kämpfe auf. Die Lage ist also weiterhin instabil.”

Ärzte ohne Grenzen leistet seit 2017 in und um Mossul medizinische Hilfe für die Opfer von Krieg und Gewalt. Die Organisation betreibt bereits eine Klinik in West-Mossul und baut einen neuen OP-Saal im Krankenhaus Al-Salaam auf. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1991 im Irak und leistet derzeit in acht Provinzen humanitäre Hilfe. Von Juli bis Dezember haben die Teams fast 29.000 Patienten in Notaufnahmen behandelt und fast 2.000 Operationen vorgenommen.