Irak

„Ich bin wieder mein altes Selbst. Wie ich war, bevor der IS kam“ - Behandlung traumatisierter Kinder aus Mossul

Die elfjährige Rasha sitzt vor ihrem Zelt in einem Lager für Vertriebene im Nordirak und spricht mit einer Psychologin von Ärzte ohne Grenzen.

Rasha und ihr Vater Halif leben in einem Lager für Vertriebene im Nordirak. Sie stammen aus Mossul und flohen aus der Stadt, als Rashas Onkel getötet wurde und die Kämpfe zwischen der Gruppe des sogenannten Islamischen Staats (IS) und den irakischen Streitkräften zu intensiv wurden. Im März 2017 kamen sie im Lager Hassansham, in der Nähe der Stadt Erbil, an. Rasha hatte ständig Angst wegen der traumatischen Erlebnisse, die sie in Mossul gemacht hatte. Sie wurde daher von unseren Psychologen unterstützt. Die psychischen Narben, die der Krieg im Irak hinterlassen hat, sind immens: Tausende von Menschen wie Rasha brauchen psychologische Hilfe. Die Erzählung von Rasha und ihrem Vater Halif gibt nur einen kleinen Einblick in das, was die Familie im Irak durchgemacht hat.

Rashas Vater Halif erzählt vom Leben unter dem IS:

„Der [IS Islamischer Staat] versuchte uns zu töten, also mussten wir fliehen. Dann kamen wir nach Hassansham. Der IS brachte Zerstörung mit sich, und es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Wir wurden von allen Seiten belagert. Es war ein hartes Leben. Keine Bewegungsfreiheit, kein Handel. Wir hatten kein Recht zu arbeiten oder Geschäfte zu machen. Es gab keine Medikamente.

Sie [IS] kappten externe Telefonleitungen und die Verwendung von Mobiltelefonen war verboten. Und wenn du eine SIM-Karte gehabt hättest, hätten sie dich getötet. Es gab kein Gas und kein Benzin und die Leute kochten mit Holz. Manche Menschen litten mehr als andere, aber im Allgemeinen war es ein schreckliches Leben.

Als die Kämpfe in West-Mossul begannen, wurden die Kinder terrorisiert. Jeder hat geschossen. Menschen starben auf den Straßen, und viele Familien starben während der Bombardierung. Die meisten Opfer waren Kinder und Frauen. Du wusstest nicht, ob du in einer Stunde, in einer Minute, heute oder morgen sterben würdest.

Ärzte ohne Grenzen besuchte unser Zelt [im Hassansham Camp]. Ich war glücklich, dass sie meinen Töchtern geholfen haben. Sie haben meine Kinder vor Angst bewahrt. Meine Kinder kannten die Angst aus der Vergangenheit - die Angst vor dem IS und vor der Vertreibung. Aber durch die Zuwendung der Ärzte hatten sie keine Angst mehr.
Seit einem Jahr sind wir jetzt im Camp. Wir wissen nicht, was unser Schicksal ist. Ich und alle Menschen in Mossul und im Irak, wir haben keine Hoffnung.“

Rasha erzählt von der Ermordung ihres Onkels und davon, wie es ihr heute geht:

„Mein Name ist Rasha und ich wurde 2007 geboren. In der Schule mag ich Englisch. Ich liebe es. Es ist das Beste für mich. Und ich zeichne auch gerne und spiele gerne und mag Sportspiele. Und ich mag auch Fußball.

Wenn ich groß bin, möchte ich Übersetzerin werden, weil ich den Menschen gerne helfen möchte. Wenn die Leute kein Englisch sprechen können, werde ich für sie übersetzen. Wenn ich Übersetzerin werde, sprechen die Leute auf Arabisch mit mir und ich werde auf Englisch sprechen.

Und ich möchte auch Ärztin werden. Ich mag es, Menschen zu behandeln. Ich möchte, dass es ihnen besser geht und auch, dass sie glücklich sind.

Unter dem IS waren wir in der Tal al-Ruman Nachbarschaft [in Mosul]. Kugeln und Granatsplitter flogen in unser Haus und ins Haus unserer Nachbarn. Meine Mutter hatte Angst um uns, also gingen wir zum Haus meines Onkels. Wir blieben über Nacht bei ihnen. Am nächsten Tag wollten wir in ein anderes Haus gehen.

Mein Vater sagte meinem älteren Onkel [Ali], dass er aus der Eingangstür herausgehen würde, die zu einer Seitengasse führte, und mein Onkel entgegnete, dass er durch die kleine Tür gehen würde, die zur Hauptstraße führte. Ich war bei meinem Vater und meinem kleinen Bruder Musad. Als wir aus der Eingangstür heraustraten, fing ein Scharfschütze an, auf uns zu schießen. Wir versteckten uns in der Küche. Dann schrie mein Vater „Ali, Ali, Ali“. Ali antwortete nicht. Mein Vater ging hinaus und sah meinen Onkel tot neben dem Auto liegen. Ich erlitt einen Schock und war traumatisiert.

Mein Leben im Camp ist gut, und ich besuche Ärzte ohne Grenzen. Sie haben mich behandelt. Und jetzt geht es mir besser. Ich wurde von der Angst geheilt, die ich empfand wegen allem, was ich während des IS gesehen hatte. Ich bin wieder mein altes Selbst. Wie ich war, bevor der IS kam.“

 

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1991 im Irak, derzeit in den Provinzen Erbil, Diyala, Ninewa, Kirkuk, Anbar und Bagdad. Wir bieten u.a. werdenden und jungen Müttern eine Versorgung an, behandeln chronische Krankheiten, operieren Kriegsverletzte und versorgen sie in der Rehabilitation, leisten psychosoziale Unterstützung sowie Gesundheitsaufklärung. 

In den Camps für Vertriebene in der Nähe von Mossul und Erbil arbeiten wir an sechs Standorten. Dort bieten wir psychosoziale Hilfe an und behandeln nicht übertragbare Krankheiten wie Diabetes. Die psychosozialen Dienste umfassen psychologische und psychiatrische Beratungen, Gruppentherapien, Beratung und Therapien für Kinder.